"Bestürzt"

ORF-Kombi Religion und Wissenschaft

14. September 2010, 11:12

"Intelligent decision?" oder "Nachricht aus dem medialen Imperium Berlusconis" - Aber auch Vertrauensvorschuss und "keinerlei Sorgen"

Wien - Auf gemischte Reaktionen stößt die seit kurzem umgesetzte Entscheidung des ORF, die TV-Wissenschafts- und Religionsabteilung unter eine gemeinsame Führung (von Religions-Chef Gerhard Klein) zu stellen. Manche österreichische Top-Forscher zeigten sich "bestürzt", fragten, ob dies eine "intelligent decision" sei, oder dachten gar, dass diese Nachricht "aus dem medialen Imperium Berlusconis" komme. Andere machen sich dagegen "keinerlei Sorgen" und reagieren mit Vertrauensvorschuss. Wissenschafts- und Religionschef Gerhard Klein selbst zerstreut Sorgen und erklärt, dass die Loyalität des ORF allein den Sehern und dem Rundfunkgesetz gelte.

In Reaktionen ging es den heimischen Top-Forschern weniger um die Personalentscheidung denn um die dahinter liegende Strukturentscheidung. Für die Sprachwissenschafterin Ruth Wodak handelt es sich etwa um eine "seltsame - typisch österreichische - Entscheidung". "Wenn der Staat immer weniger Geld für die Wissenschaft zur Verfügung stellt, dann braucht der ORF anscheinend auch keine eigene Abteilung für Wissenschaft mehr", meinte sie und fragt sich, "ob Wissenschaft nun zu einer Glaubensfrage wird" und das eine "intelligent decision" ist.

Qualitätsverständnis

Objektiver Wissenschaftsjournalismus ist für den Genetiker Markus Hengstschläger keine Frage der Strukturen, sondern basiere auf dem Qualitätsverständnis, dem Können und der journalistischen Ethik der handelnden Personen. "Wenn das auch leider im Einzelnen nicht immer optimal ist, so mache ich mir im konkreten Fall keinerlei Sorgen", betonte der Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik an der Medizin-Uni Wien.

An Nachrichten "aus dem medialen Imperium Berlusconi's" fühlte indes sich die österreichische Wissenschaftsforscherin und Präsidentin des European Research Council (ERC), Helga Nowotny, bei der Mitteilung über die gemeinsame Leitung von TV-Wissenschaft und Religion erinnert. "Doch dann wurde mir klar, dass es wahrscheinlich nicht so sehr ideologisch, kommerziell oder politisch motivierte Hintergründe sind, sondern bestens zum Land der 'Unüberwindlichen' passt", verweist Nowotny auf Karl Kraus' gleichnamiges Drama mit den Figuren "Hinsichtl" und "Rücksichtl".

Der Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger kann sich dieser Position Helga Nowotnys nur "voll anschließen". Ob diese Entscheidung etwas mit dem "nicht unverkrampften Verhältnis von Wissenschaft und Religion" zu tun hat, "wage ich als gelernter Bürger dieses Landes der Unüberwindlichen zu bezweifeln. Allerdings gäbe es genau zu diesem Thema einiges zu sagen, um das Verhältnis zu entkrampfen", so Zeilinger.

"Zurück in die 1950er Jahre"

"Bestürzt über diese Entwicklung" zeigte sich der Sozial- und Kulturanthropologe und Wittgenstein-Preisträger Andre Gingrich. Andere öffentlich-rechtliche Sender im deutschsprachigen Raum würden den Wissenschaften mehr Raum widmen, weil dies den europäischen Erfordernissen und Zielvorstellungen vom Aufbau einer wissensbasierten Gesellschaft entspreche. "Mit dieser Weichenstellung koppelt sich der ORF vom Weg der EU ins 21. Jahrhundert ab und proklamiert stattdessen 'zurück in die 1950er Jahre'".

Der Wiener Quantenphysiker und Wittgenstein-Preisträger Markus Arndt geht "nicht davon aus, dass der ORF jetzt beginnen wird, 'Intelligent Design' als naturwissenschaftliche Erklärung zu vermarkten. Das würde eher in die Rubrik Kabarett fallen." Für den nach 20 Jahren US-Karriere kürzlich nach Österreich zurückgekehrten Politologen Reinhard Heinisch von der Uni Salzburg kommt es "immer auf die Qualität der Leute an und man sollte den Verantwortlichen auch den 'Benefit of the Doubt'", also einen Vertrauensvorschuss, geben. (APA)

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10 Postings
Alwin
01
15.9.2010, 16:37
Radio Vatikan

Ob es in Europa noch irgendwo anders einen staatlichen Rundfunksender gibt, wo die Wissenschaftsabteilung der Religionsabteilung unterstellt und von einem katholischen Theologen geleitet wird? Ja, das gibt es nicht nur beim ORF! Das gibt's auch bei Radio Vatikan!
Aber der ORF ist eigentlich eine öffentlich-rechtliche Anstalt und keine religiöse. Oder? Für die Trennung von Staat und Religion! Für die Trennung von Wissenschaft und Religion im ORF! Wir sind ja nimmer beim Dollfuß!

First Operator
10
15.9.2010, 14:21
Wie gut das ich die GIS-Gebühr als """Empfängersteuer""" betrachte

Das erspart mir den Ärger über den Schorf.

(Schorf leite ich von der Leitsendung Chili ab)

FlauschBär
 
10
15.9.2010, 13:35
Keine gute Optik

Zugegebener Maßen gibt diese Zusammenlegung keine gute Optik, aber wenn man die Sache genauer betachtet, muss man sagen dass die ORF-Religionssendungen kaum als Kirchenpropaganda-Fernsehn gesehen werden können; im Gegenteil, Kreuz und Quer und Orientierung behandeln oft Themen die nur am Rande überhaupt mit Religion zu tun haben und auch Zulehner wäre ohne ORF ja völlig unbekannt. Die eigentliche Tragödie ist es das die Kirche(n) nicht Trägerin der Wissenschaft ist so wie es sein sollte, sondern dass sie oft im Widerspruch zu ihr steht.

init.d
01
17.9.2010, 00:10

Die eigentliche Tragödie ist, dass die meisten eines nicht verstehen wollen: Religion und Wissenschaft können nicht miteinander verknüpft werden! Religion handelt vom "Glauben" d.h. er ist weder verifizierbar noch falsfizierbar - Wissenschaft ist daher definitionsgemäß das genaue Gegenteil von Glauben.
Wer Glaubt, denkt nicht !!!

René Herndl
04
15.9.2010, 10:50
Witz

Die Zusammenlegung von Wissenschaft und Religion im ORF ist ein typisch österreichischer Witz, den man leider ernst nehmen muss. Nicht nur, dass Religion mit Wissenschaft nichts gemein hat, sie hat in einem öffentlich-rechtlichen Sender ebenso wenig verloren wie das "intelligente Design" in der Wissenschaft.
Abgesehen davon hat sich auch der ORF an die Verfassung zu halten, die die Trennung von Staat und Kirche(n) vorsieht. Und damit hat Religion grundsätzlich in der Öffentlichkeit nichts verloren, was leider auch von der Politik immer noch ignoriert wird.

Hannes31
00
15.9.2010, 10:35

Gibt ja glücklicherweise andere öffentlich-rechtliche deutschsprachige Sender, die sehr gute Wissenschaftssendungen anbieten (3Sat, Arte, ZDF, ARD...).
Die Frage ist aber, warum wir in Ö GIS Gebühren zahlen müssen, wenn dafür Dancing Star und Co finanziert wird und kein Geld für eine Wissenschaftsabteilung bez. andere Minderheitenprogramme übrig bleiben.

Übrigens - es gab jetzt schon kaum mehr Berichte/Reportagen über wissenschaftliche Themen im ORF.
Wenn dann kam etwas im Kreuz&Quer (zb. Darwin Jahr), sonst ist im ORF schon seit Jahren beim Thema Wissenschaft Funkstille!

Quintus Beckloeffel
70
15.9.2010, 06:58
Bemerkenswert,

dass die größte Sorge um die Reinheit der Wissenschaft just von jenen Leuten geäußert wird, deren fachliche Tätigkeit selbst die stärksten Zweifel in Bezug auf ihre Wissenschaftlichkeit aufwirft.

Fehlt eigentlich nur noch, dass ein Psychoanalytiker seine Bedenken anmeldet.

gärtner
00
15.9.2010, 00:31

einem typen der von imaginären schnüren träumt und nonsense-rechnungen in pcs eintippt, glaub ich aber auch nix.

DieWahrheitistdenMenschenzumutbar
06
14.9.2010, 22:02
wen juckts?

Wissenschaft gibst im ORF sowieso kaum, beinahe fast mehr "Kreuz& Quer", das ist das wirkliche Problem.

Fluchtweg
01
15.9.2010, 20:59

was ist daran jetzt das problem? kreuz&quer ist doch wirklich eine der wenigen sehr interessanten sendungen und hat mit kirchenfunk wirklich nichts am hut.
mehr sendungen mit der qualität von kreuz&quer wären wünschenswert!

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