Selbstbetrug ist in Mode

14. September 2010, 09:35
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Selbsterkenntnis ist Bestandteil einer gelungenen Psychotherapie - Unschuldige Opferlämmer gelten als nicht therapierbar

Wien - Wer sich immer als Opfer seiner Umstände sieht und nicht daran denkt, dass er auch selbst Täter sein könnte, betrügt sich selbst. Das betont der Wiener Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut Raphael Bonelli.

"In vielen Bereichen nimmt die Fremdbeschuldigung überhand, die nur zu narzisstischem Selbstbetrug führt. Richtige Selbsteinschätzung ist jedoch wesentlicher Bestandteil des Lebens sowie auch von gelungener Psychotherapie", so der Experte. Verwirklicht sei die Selbsterkenntnis unter anderem im Konzept der Beichte. Deren Verbindung zur Psychotherapie behandelt die Wiener Sigmund Freud Universität gemeinsam mit der Hochschule Heiligenkreuz demnächst in einer Fachtagung.

Die verschwundene Schuld

Selbstbetrug ist für Bonelli dort im Spiel, wo jemand ein idealisiertes, nicht realistisches Bild von sich selbst aufbaut. "Zentral ist dabei, dass man eigene Fehler nicht erträgt. Das Gedächtnis sagt: 'Das habe ich getan', und der Stolz: 'Das kann ich nicht getan haben' - und bleibt dabei unerbitterlich. Endlich gibt das Gedächtnis nach", zitiert Bonelli Friedrich Nietzsche. Aus Angst, dass der Blick ins ungeschminkte Gesicht weh tun könnte, schützen sich Betroffene durch starke Abneigung gegenüber allem, was sie auffliegen lässt. Die Lebensumstände erhalten die Schuld für das eigene Schicksal, während man selbst keine Verantwortung trägt.

Dass Selbstbetrug in Mode ist, erkennt Bonelli in der Abschaffung des Schuldbegriffs. "Schuld gibt es nur mehr dort, wo man sie bei anderen sieht, doch niemand sündigt mehr selbst. Sogar in der katholischen Kirche ist die Beichte mit ihrem 'Ich bin schuldig' schon in Vergessenheit geraten." Stattdessen machen sich andere Begriffe breit, zu denen der Psychotherapeut "Selbstverwirklichung", "gesunder Egoismus", "sich selbst endlich etwas Gutes tun" oder auch "Selbsterfahrung" zählt. "So wichtig diese Begriffe sind, werden sie doch häufig missverständlich verwendet oder missbraucht, um sich selbst nicht in Frage zu stellen."

Unschuldslämmer bessern sich nie

Der Wandel erfasst sogar die Psychotherapie, sobald sie auf Selbstreflexion und Selbsterkenntnis verzichtet und das subjektive Erleben absolut setzt. "Es ist zu hinterfragen, wenn sich jemand immer nur als traumatisiert, verletzt und enttäuscht erlebt und sich immer nur alles viel zu lange gefallen ließ", so Bonelli. Ein Problem sei dies, da damit alle Lösungsstrategien wegfallen. "Das unschuldige Opferlamm ist nicht therapierbar. Es kann nichts besser machen, nur weiterleiden." Typisch seien etwa Paartherapien, bei denen jeder glaubt, nur der andere müsse sich ändern, damit die Ehe wieder ins Lot kommt.

Selbsttäuschung rächt sich, warnt der Experte. Zwar entlastet sie kurzfristig, langfristig ist sie jedoch anstrengend und damit kontraproduktiv. "Wenn nur Außenstehende den Trug bemerken und damit mehr über mich wissen als ich selbst, holt mich die Wirklichkeit immer wieder ein. Das setzt mich einerseits unter hohen Druck, fehlerlos sein zu müssen und keine Fehler zugeben zu können." Andererseits seien narzisstische Kränkungen vorprogrammiert, die laut Sigmund Freud das Selbstwertgefühl einer Person oder sogar einer Gesellschaft hinterfragen. "Helfen diese Kränkungen zur Selbstreflexion, sind sie gut. Andernfalls aber verstärken sie nur die Opfersicht des Betroffenen und lassen ihn verbittern."

Wahrheit befreit

Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit macht hingegen unbeschwert, betont der Wiener Psychotherapeut. "Wer eigenen Defiziten ins Gesicht sehen kann, braucht kein Aufdecken abwehren, ganz nach der alten Weisheit 'Wahrheit macht frei'. Zudem erspart man sich aversive Gefühle gegen das Aufdecken." Wer die eigene Schuld erkennt, vergibt zudem auch anderen leichter, konnte die US-Psychologin Julie Exline im "Journal of Personality and Social Psychology" kürzlich nachweisen.

Selbsterkenntnis braucht den Mut, sich selbst Fehler einzugestehen. "Die nötige Bereitschaft dazu heißt Demut, die als Übereinstimmung des Selbstbildes mit der ungeschönten Wirklichkeit definiert ist. Manchmal wird sie im Sinne eines Aha-Erlebnisses geschenkt." Auch die Religionen gestehen der Selbsterkenntnis hohen Wert zu und sehen sie als Vorbedingung für das Erkennen eines Schöpfergottes. Bonelli regt an, das Konzept der katholischen Beichte neu zu entdecken. "Sie kann heilen, da sie ohne Ausnahme jedem Sünden zugesteht. Wer seine eigene Fehlerhaftigkeit annimmt, ist versöhnter und schafft es, seine Defekte allmählich einzudämmen und zu reduzieren."  (pte)

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    Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit macht unbeschwert, betont der Wiener Psychotherapeut Raphael Bonelli.

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