Neugeborene haben einen anderen Schlafrhythmus als Erwachsene - Woran das liegt und wie man Schlafstörungen vorbeugen kann, weiß Kinderarzt Erwin Hauser
Eltern von Neugeborenen sind meistens gut zu erkennen - an den dunklen Ringen unter ihren Augen. Wenn das Baby nicht einschlafen will, kann das schnell zu einer Belastung für die Eltern werden: sowohl psychisch als auch körperlich.
Dass Babys einen anderen Schlafrhythmus als Erwachsene haben, ist vielen bewusst. Warum das so ist, weiß Erwin Hauser, Leiter der Kinderabteilung im Thermenklinikum Mödling: „Das Gehirn von Neugeborenen muss sich erst umstellen. Im Uterus der Mutter kennt es kein Sonnenlicht und somit auch keinen Tag und keine Nacht. Das ändert sich nach der Geburt. Deshalb wissen Babys nicht, wann sie einschlafen müssen."
Andere Gehirnaktivitäten
Auch das EEG (Messung der Gehirnaktivität, Anm. Red) eines Babys weicht von dem eines Erwachsenen ab. „Vereinfacht gesagt, ist es so, dass Neugeborene die Gehirnaktivität eines schlafenden erwachsenen Menschen haben und diese erst mit der Zeit so aktiv und schnell wird, wie das im Wachzustand der Fall sein sollte", erzählt Hauser.
Bis zu ihrem sechsten Lebensmonat brauchen Neugeborene zwischen 16 und 20 Stunden Schlaf und sollten laut Hauser „nicht länger als dreißig Minuten zum Einschlafen benötigen". Alles was von diesem Wert stark abweiche, würde auf eine Schlafstörung hinweisen.
Sollte eine Störung vorliegen, so sei es am besten, direkt den Kinderarzt zu kontaktieren. Der könne das Baby dann entweder vor Ort diagnostizieren oder in eine spezielle Schlaf- oder Schreiambulanz einliefern lassen. „Manchmal ist aber auch nur eine simple Grippe die Ursache für Schlafstörungen", weiß Hauser.
Vorbeugen von Schlafproblemen
Um Schlafproblemen vorzubeugen, empfiehlt Hauser Routine vor dem Zubettgehen einzuführen. Dadurch würden die Babys quasi auf das Einschlafen „konditioniert" werden. Sollten Eltern aber bemerken, dass eine Maßnahme, etwa im Arm schaukeln, nach fünfmaliger Anwendung noch immer nicht funktioniert, „dann sollten sie es bleiben lassen." Wichtig sei für Hauser, dass Eltern dann aktiv nach Alternativmöglichkeiten suchen und sich dabei vor allem auf ihr Gefühl verlassen.
„Zwar haben Elternratgeber wie ‚Jedes Kind kann schlafen lernen' durchaus ihre Daseinsberechtigung, aber sie verhindern oft, dass Eltern auf ihren Instinkt hören", so Hauser. Ratsamer sei es sich mit Freunden, Familie oder einem Arzt über die Probleme zu unterhalten, weil man sich dann „austauschen kann, mit einem Buch kann man nicht kommunizieren und das ist auch oft sehr monokausalistisch aufgebaut und hilft nicht in jedem individuellen Fall."
Aktiver und passiver Schlaf
Außerdem sollte man sich nicht „übermäßig viele Sorgen machen". So ist es etwa so, dass Babys nicht dieselben Schlafstadien wie Erwachsene besitzen, sondern zwischen so genanntem aktivem und passivem Schlaf unterschieden wird.
Dabei mache der aktive Schlaf über sechzig Prozent des gesamten Schlafvolumens aus. „Befindet sich ein Neugeborenes im aktiven Schlaf, dann kann es sein, dass es sich bewegt und so wirkt, als würde es aufwachen", so Hauser. Dann dürfen Eltern nicht gleich hingehen und es tatsächlich wecken, da solche Aktionen den Schlafrhythmus empfindlichen stören würden.
Die Schlafumgebung des Babys
Wo und wie ein Neugeborenes am besten schläft, müssten auch die Eltern für das Kind entscheiden. „Es gilt aber, dass nicht zu viele Plüschtiere, Felle oder Polster im Babybett liegen dürfen", sagt Hauser. Auch müsste es nicht sein, dass die Kinder gleich im eigenen Bett oder Zimmer schlafen.
„Wenn es für die Eltern in Ordnung ist, dann kann das Baby bis zum ersten Lebensjahr im Elternschlafzimmer schlafen oder sogar darüber hinaus." Wichtig sei nur, dass sich beide Elternteile damit wohl fühlen, denn ein Kind würde die Unruhe von Mama und Papa sehr wohl spüren.
Ziel: Durchschlafen?
Ab dem sechsten Lebensmonat sollten dann sowohl Kind als auch die Eltern die Nächte genießen können: dann sollte ein Baby durchschlafen. Laut Hauser bedeutet das aber nur, dass es etwa sechs Stunden am Stück schlafen kann und nicht wann es diese sechs Stunden absolviert: „Das kann genauso von 18 Uhr bis 02 Uhr in der Früh sein, das Kind richtet sich da meistens nicht nach den Eltern." (derStandard.at, 14.09.2010)