Die Straßen in den "Verfluchten Bergen", wie die Albanischen Alpen von den Einheimischen genannt werden, hat Leser Markus Schauta befahren - mit Ansichtssache
Im Norden Albaniens erheben sich auf einer Fläche von 200 Quadratkilometern die Albanischen Alpen. Offizielle Bezeichnung für die Region ist "Großes Bergland" oder einfach nur "Alpen". Die Einheimischen nennen sie "die Verfluchten Berge".
Die Täler des Berglandes sind tief und schmal und über schlechte Wege schwer erreichbar. Die Passübergänge hoch und in den Wintermonaten, wenn Schnee fällt, nicht passierbar. Die Albanischen Alpen waren daher immer schon Rückzugsgebiet. Weder die Herrschaft der Osmanen noch der Islam konnten im Großen Bergland Fuß fassen.
Ins Gelände
Zeitig am Vormittag geht's von Shkodra aus los. Zuvor wird noch Brot beim "pekar" und Wasser im "dyqan" eingekauft. Vorbei geht es an der steinernen Mesi-Brücke, die sich am nordöstlichen Stadtrand von Shkodra über den Kir spannt. Der Fluss Kir hat sich während der Sommermonate in die Berge zurückgezogen. Stattdessen ergießt sich der Müll von den Ufern ins trockene Flussbett. Wenn der Fluss im Winter zurückkehrt, wird auch der Müll verschwinden. Am Horizont erheben sich die steilen Kalkzacken der Albanischen Alpen: Dort wollen wir hin.
Entlang des Flusses Kir
Wir folgen dem Fluss, hinein ins Kir-Tal. Entlang der steinigen Piste wachsen Mais, Bohnen und anderes Feldgemüse - alles was für die Selbstversorgung von Nutzen ist. Die Anbaufläche ist begrenzt, die Erträge sind gering. Aus dem üppigen Grün ragen vereinzelt die Dächer von Häusern hervor. Bauern am Wegrand erwidern unseren Gruß. Langsam rumpelt der Pajero die Piste entlang, die Häuser werden weniger. Die Berge erheben sich, rücken näher zusammen. Aus dem Tal wird eine Schlucht.
Eine Frau schreitet eilig über eine umzäunte Wiese, die Handtasche über den Unterarm gehängt. Es sieht aus, als wäre sie am Weg ins nächste Cafe-Haus.
Wir erreichen den Talboden und machen Halt. Hier rinnt der Kir zwischen den Felsbrocken im Flussbett hindurch und sammelt sich in kleinen Becken. Das Wasser ist glasklar und hat mit 20 Grad angenehme Badetemperatur. Stumm und unnahbar ragt das Bergmassiv auf. Ein Lastwagen, in eine Staubwolke gehüllt, rumpelt die Piste entlang ins Tal hinein. Es heißt, dass sich der Kir weiter flussaufwärts zum Kajak-Fahren eignen würde.
Holzkreuze und Gedenksteine
Die Ortschaft Thet liegt im nächsten Tal. Um dorthin zu gelangen müssen wir über den Pass. Immer höher klettert der Wagen im ersten Gang Kehre für Kehre die schmale Piste zum Pass hinauf.
Viele der Dörfer im Gebirge sind heute verlassen. Seit dem Ende des kommunistischen Regimes 1990 hat eine Landflucht eingesetzt. Eine Frau und ein Mann stehen am Straßenrand, alleine in Mitten der Berge. Sie hält einen Korb umklammert, er hebt die Hand zum Gruß.
20 Minuten später kriecht uns ein Kleinbus entgegen, Marke Mercedes-Benz. Für kurze Zeit sind wir auf Augenhöhe mit dem Fahrer und den Kindern im hinteren Teil des Busses, bevor wir in die Staubwolke eintauchen, die der Bus hinter sich her zieht.
Talseitig bricht die Straße oft unvermittelt steil ab. Holzkreuze und Steintafeln mit Fotos markieren häufig diese Stellen, sie sind gleichermaßen Erinnerung und Warnung. Der jüngste Stein datiert auf das Jahr 2007.
Nach zehn Kilometern Bergfahrt erreichen wir den Pass auf 1.200 Meter Seehöhe. Von dort geht's hinunter ins Shala-Tal.
Baden im Fluss Shala
Vom Kir-Tal über den Pass ins Shala-Tal bis zur ersten Brücke brauchen wir insgesamt drei Stunden. An der Straße parkt ein verstaubter Misubishi mit deutscher Nummerntafel. Die dazugehörige Familie badet im Fluss unter der Brücke.
Der graue Sand am Flussufer zwischen den Steinen ist so heiß, dass man meint, sich die Füße zu verbrennen. Das Wasser ist eiskalt und je nach Untergrund kristallklar, türkis oder grünlich.
Urlaub in Thet
Von der ersten Shala-Brücke bis Thet sind es noch 17 Kilometer. Nach etwa einer Stunde erreichen wir die Holzbrücke, die über den Bach nach Thet führt. Der Ort erweckt den Eindruck, als hätten die Bewohner sich nicht entscheiden können, ihre Häuser zu einem Dorf zusammen zu rücken. Thet wird umlagert von dunkel bewaldeten Berghängen, die in graue Felsen übergehen hinter denen die zum Teil schneebedeckten Gipfel des Bridashës, Radomimës und Paplokut aufragen.
Thet liegt in Mitten eines 2.630 Hektar großen Nationalparks. Bergwandern und Klettern stehen hier am Programm. Für die etwa 8.000 zumeist ausländischen Touristen, die jährlich nach Thet kommen, stehen einige private Unterkünfte und ein kleines Hotel zur Verfügung. Die GTZ (Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) hat begonnen, Wanderwege zu markieren und ein Projekt gestartet, an dem zwölf Familien des Dorfes beteiligt sind: Unterkünfte für Touristen in Privathäusern, verbunden mit einem Einblick in das Leben der Bevölkerung von Thet, ergänzt durch geführte Berg- und Wandertouren. Man setzt auf Öko- an Stelle von Massentourismus, bescheidene Ausstattung an statt Wellness-Schnickschnack.
Über den Thora-Pass nach Koplik
Hinter Thet steigt die Straße zum Thora-Pass stetig an. Sie ist in etwas besserem Zustand als die vom Kir-Tal her. Hier treffen wir vermehrt auf Geländewägen mit deutschen, tschechischen und italienischen Kennzeichen. Am Hang, mit Blick über Thet, steht das Gästehaus Gjecaj. Schilder verweisen auf Campingplätze, am Weg zum Thora-Pass, an der Piste, steht ein Cafe mit Ausblick.
Auf 1.660 Metern erreichen wir den Thora-Pass. Die Piste ist immer noch sehr schmal. Ein Jeep kommt uns entgegen und wir passieren, gefährlich nahe am Abgrund. Ein Gedenkstein steht hier: Das nachgefärbte Schwarweißfoto zeigt den Verstorbenen mit seltsam platten Gesichtszügen.
Der Ausblick ist beeindruckend. Es lohnt, an der Piste anzuhalten und das Gebirgspanorama zu genießen. 30 Kilometer und 31 Spitzkehren tiefer erreichen wir die Ortschaft Boge. Von hier aus führt ein Wanderweg bis Thet. Die restliche Strecke bis nach Koplik ist asphaltiert und man kommt relativ zügig voran. Für die 65 Kilometer lange Route von Thet nach Koplik brauchen wir noch einmal drei Stunden.
Endpunkt der Route: Koplik
Wir finden das Hotel Misardi am südlichen Ortsausgang von Koplik. Das Doppelzimmer gibt's für 15 Euro die Nacht, ohne Frühstück. Die wenigen Touristen, die man hier trifft, sind meist am Weg in die Berge oder kommen von dort. So auch das Pärchen aus Wien, das am nächsten Tag bis Boge fahren möchte, um von dort nach Theth zu wandern.
Für Naturliebhaber und Bergwanderer haben die Albanischen Alpen einiges zu bieten: die einsame, unberührte Bergwelt, Gebirgsflüsse, kein Massentourismus, statt dessen Privatunterkünfte bei gastfreundlichen Menschen. Wer hochentwickelten Tourismus erwartet, wird enttäuscht werden. Doch gerade deswegen vermittelt eine Reise in die Region bleibende Eindrücke.