Es gäbe zwar auch Neues aus dem Lugniversum, aber im Gegensatz zum Jungwinzerinnenkalender hat der Baumeister immer Saison
Lugner kann warten. Das sag ich jetzt einfach ins Blaue hinein. Und obwohl da eine Einladung in meiner Mailbox liegt, die auf den ersten Blick (also die Absenderkennung) von Anastasia Sokol kommt: „Katzi" lädt mich - mit der Bitte um Zu- oder Absage - zum Fest zu ihrem 21. Geburtstag ein.
Wie üblich bei Nachrichten aus der Baumeisterei der Nation ist die Einladung eine Karikatur. Und wie ebenso üblich ist da ein Detail, das zwar für den Karikaturisten und sein Auge spricht, aber - es handelt sich schließlich um eine Einladung, nicht um eine Zeitungs-Kari - doch Zeugnis über Stil und Klasse des Auftraggebers ablegt. Oder fänden Sie es cool, wenn ihr Partner in die Einladung zu ihrer Geburtstagsparty zwar einen Herzchenpfeile verschießenden Puto malen lässt - der Bengel-Engel aber das Gesicht der (oder des) Ex trägt? Eben: Auf „Katzis" Einladung gibt „Mausi" den Amor.
Reply-Überraschung
Aber vielleicht mag das das „Katzi" ja so. Schließlich hat sie die Einladung ja selbst verschickt. Sagt zumindest das Mail. Also klicke ich auf „Reply" - und schwuppdiwupp steht da „Richard Lugner" als Empfänger des Antwortschreibens. Soviel dazu. Und im Laufe der Woche werden Sie ja dann aus den einschlägigen Ecken ohnehin alles (und noch viel mehr) über diesen schönen, privaten und für alle angenehmen Abend erfahren.
Lugner, meint mein Chef deshalb völlig zu Recht bei der kurzen Lagebesprechung, wird schon noch genug Anlass geben, wieder über ihn und seinen Clan zu berichten. Und ihn, so der Chef, interessiere ja ohnehin nur mehr, ob das alles echt oder inszeniert sei. Und ob und wie und wer diese Rollen in ihrer Gesamtheit spielen, texten und besetzen könne. Und wo da die Grenzen zwischen Plot, Improvisation und Wirklichkeit verlaufen. Aber dafür, meint der Chef, sei ein andermal ja ohnehin noch genug Zeit - schließlich sei mittlerweile ja auch Kalendersaison.
Junger Wein, alte Säcke. Äh, pardon: Schläuche
Stimmt. und zwar Vollgas. Drum war ich vergangene Woche auch bei der Präsentation des „Jungwinzerinnenkalenders". Das Ereignis an sich war nicht weiter erwähnenswert: Raiffeisenhaus, weißer Raum, weiß gedeckte Tische, weiße Bühne mit Videobeamerbespielung - und dementsprechend verzweifelte TV-Kameramänner und Fotografen. Eine (zumindest verbal kommunizierte) Gästeliste, auf der Menschen standen, die wohl nie wirklich daran gedacht hatten, hier tatsächlich aufzutauchen - und dementsprechend grantige Redakteure. Und ein Produkt, das auf der langen Liste der einschlägigen Branchenkalender weder ganz oben noch ganz unten firmiert - und dementsprechend gering war das Aufkommen der bleibenden, nicht-branchen- und -regionalmedienspezifische Presseleute vor Ort.
Doch in all der Wurschtheit des Ereignisses stechen dann gerade bei derartigen Kalenderpossen ein paar Kleinigkeiten ins Auge. Oder ins Ohr. Etwa wenn die Moderatorin - die gleichzeitig Initiatorin und Vermarkterin des Blattwerkes ist, in dem die Töchter von Winzern nicht ob ihrer önologischen Kompetenzen das Umfeld der Weinkultur „präsentieren" - die Rustikal-Pin-Ups als „eine schöne, jugendliche Weinbegleitung" bezeichnet - und sich dann sogar zur Formulierung „unser erfolgreiches Jugendprojekt" steigert.
Fast schon im Playboy
Oder wenn der Fotograf, „der schon für den Playboy fotografiert hat" (Moderatorin) es „wegen eines kurzfristig anberaumten Fototermins in den USA" nicht der Mühe wert fand, der Präsentation dieses Projektes „das ihm wirklich sehr am Herzen lag" auch beizuwohnen. Wie wichtig ihm das Projekt dieses Halbnackedeien-Kalenders war, verrät dann eines der reihum auf die Bühne gerufenen Monatsmädchen. Auf die Frage, ob es nicht immer schon im Playboy sein wollte und ob das Fotografiertwerden von einem echten Playboy-Fotografen da nicht schon fast so toll wie der unterstellte Traum sei, nur mit den Schultern zuckt: „Das Shooting hat insgesamt eine Stunde gedauert - aber zum Anschauen ist nur eine halbe."
Ganz abgesehen davon, was die privaten wie dienstlichen Herren in der Fotografenreihe da über das, was in der zweiten halben Stunde passiert sein könnte, unken, spricht das Zeitbudget Bände: Entweder war da alles superperfekt konzipiert, inspiriert und organisiert - oder es fiel für den Bildmeister unter „eh wurscht". Aber so genau will man es dann ohnehin eh auch nicht wissen.
Keine böse Absicht
Doch von Absicht oder gezielter Erniedrigung von jungen Frauen kann bei derartigen Projekten tatsächlich nie die Rede sein. Es ist eher Gedankenlosigkeit. Oder Verblendung. Denn bei Mädchen aus der Echtwelt ist eben meist nicht nur viel Arbeit für richtige Maske und die richtige Positionierung im eben trotz allem brutal decouvrierenden Licht nötig, um aus ihnen Models zu machen, die den gängigen Erwartungen entsprechen. Erst recht, wenn da kein verhüllendes, sondern - im Gegenteil - noch Blicke auf Po, Busen, Beine und Bauch lenkendes Textil verwendet wird: Baucheinziehen, Luftanhalten, unsichere Blicke - all das kann auch intensives Nachbearbeiten nie ganz verdecken.
Doch selbst wenn: Es gehört zur Choreographie derartiger Events, die Models einzeln und zu ihrem Monatsbild auf die Bühne zu rufen. Und das ist oft brutal: Der Papa, die Mama und die Tanten im Publikum sind dann zwar so richtig stolz - aber nur, solange sie nicht hören, was ringsum geätzt wird. Aber gleich darauf ist eh die nächste dran - und bei einer Nicht-Verwandten dürfen dann ja auch sie wieder Phototraum und Wirklichkeit vergleichen.
Kultobjekte
Egal. Denn die Jungwinzerinnen waren stolz und glücklich. So wie es auch die Protagonistinnen in all den anderen Innungs-Kalendern sind: Denn zum Standardwording all dieser Kalenderkisten gehört es, dass die PR-Leute schon im Vorfeld erklären, das Ding sei de facto ausverkauft, vergriffen und mittlerweile ein Kultobjekt - und der Umstand, dass es trotzdem zum Kauf aufliegt, irritiert ebenso wenig, wie die Tatsache, dass kaum jemand jemanden kennt, der jemanden kennt, der dann tatsächlich dieses Ding daheim hängen hat.
Angeblich, erklärte mir vor vielen Jahren bei einer ganz anderen Kalender-Veranstaltung ein PR-Mann dieser Branche, werden alleine in Österreich jedes Jahr fünf bis sechs Millionen Bildkalender auf den Markt geworfen. Wer die alle kauft? Keine Ahnung. Der Mann plauderte übrigens bei der Verleihung des „Kalendario" aus der Schule: Der Preis war damals erfunden und das erste Mal vergeben worden. Er ging an Helmut Zilk. Der kam, stellte sich aufs Podium, nahm die Trophäe entgegen und erklärte, „dass ich keine Ahnung habe, dass ich mich um das Kalenderwesen verdient gemacht habe." Den Preis nahm er trotzdem an.
Ob der Preis danach noch einmal verliehen wurde oder ob er gar immer noch vergeben wird, weiß ich nicht. Aber Richard Lugner wäre sicherlich ein Kandidat, der ihn zurück ins öffentliche Bewusstsein katapultieren könnte.