Ins Baskenland, der Arbeit und der Kulinarik wegen. In San Sebastián glückt die Symbiose
In einem weitläufigen Bogen spannt sich die malerische Bucht mit ihrer Strandpromenade von einem Felsmassiv zum anderen, in ihrer Mitte eine kleine Felsinsel. La Concha heißt die Bucht, auf deutsch Ohrmuschel, so wie der außen liegende Teil des menschlichen Ohres. San Sebastián heißt die baskische Hauptstadt an dieser Bucht, die mit dem 1350 Meter langen und 40 Meter breiten Sandstrand, dem türkisblauen Wasser, der Strandpromenade sowie dem unmittelbar dahinter aufsteigendem Stadtzentrum zu einer der schönsten städtischen Buchten weltweit zählt.
Kein Wunder also, dass es sie auch in Gold gibt, die Concha de Oro, die alljährlich im Rahmen des im Herbst stattfindenden Internationalen Filmfestivals von San Sebastián an den besten Film verliehen wird. Die Einheimischen lieben "ihre" Bucht, sei es um zu joggen, schwimmen oder Rad zu fahren, nach der Arbeit mit aufgekrempelten Hosen, die Schuhe in der Hand, am Wasser zu spazieren, oder die öffentliche Wifi-Zone im gesamten Promenadenbereich am Laptop zu nutzen. Nirgendwo sonst scheinen sich Arbeit und Freizeit, Alltag und Muße so entspannt zu verbinden wie hier.
Für den Touristen ermöglicht die Flaniermeile ein rasches Eintauchen in die Stadt. Denn von hier aus hat man alles im Blick, von der Felsbucht und dem Meer über die am äußeren Ende gelegene Altstadt mit dem alten Hafen bis hin zur majestätischen Architektur des Stadtzentrums, das sich von der Bucht weg den steilen Hügel hinaufzieht. Wie Perlen an einer Kette reihen sich hier die mehrstöckigen Apartmenthäuser und Villen dicht aneinander, eine perfekte Symbiose großartiger Architektur vom 19. Jahrhundert bis heute. Bei allem Stilmix ist ihnen eines gemeinsam: eine gewisse Grandezza, unaufdringlich und elegant.
Doch San Sebastián hat noch mehr Perlen zu bieten. Es ist die Hochburg der baskischen Küche. Was nicht weniger heißt, als Weltrangführer in der internationalen Haubenküche zu sein: San Sebastián rühmt sich, weltweit die höchste Dichte an Michelin-Sternen pro Quadratkilometer und die höchste Sternekochdichte zu haben, mit Juan Mari Arzak und Martin Berasategui an der Spitze.
Für den Normalsterblichen bedeutet das, einfach überall gut zu essen, und zwar nicht nur in hochpreisigen Restaurants, sondern auch in den einfachen Bars. Denn das Kochen ist hier eine Art Nationalsport. Neben der Haubenküche wurde beispielsweise die Kunst der Pinchos, wie hier die Tapas heißen, zur absoluten Perfektion gebracht.
Vom klassischen Stil in den holzgetäfelten Tavernas bis hin zu den experimentellen Hochflügen einer jüngeren Generation von Gastronomen reicht die Palette der Kreativität, von manchen auch als "Miniaturküche" bezeichnet. Die kalten Pinchos werden an der Theke präsentiert, die warmen stehen auf handgeschriebenen Tafeln und sind zum Ordern. Man stellt sich an die Bar, bestellt ein Glas Wein, am besten einen Txakolí, den typischen Weißwein aus dem Baskenland, und erhält einen leeren Teller. Dann geht das Abenteuer los.
Der Preis für die kleinen Sensationen ist in allen Bars gleich niedrig, zwischen zwei und vier Euro das Stück. Um die Vielfalt genießen zu können, sollte man nicht gleich in der ersten Bar hängenbleiben, auch wenn die Verlockung groß ist. In der Altstadt liegen die Bars mehr oder weniger Tür an Tür. Zu den Klassikern gehören beispielsweise La Cepa, Casa Vergara oder La Cuchara de San Telmo. In der Casa Vergara kocht der mehrfach preisgekrönte Inhaber Alvaro Manso, der rund 50 verschiedene Pinchos an der Theke anbietet, auch ein täglich frisches Menü. Im La Cuchara hat man die Pinchos seit kurzem von der Bar verbannt, dafür werden sie auf einer Schiefertafel angepriesen und auf Bestellung vor den eigenen Augen frisch zubereitet.
Wer Experimente und ein zeitgemäßes Ambiente sucht, wird etwa im Fuegro Negro oder der Bar Zeruko, beide in der Altstadt, fündig. Ersteres sieht eher wie ein Rock-Club aus, in dem sich die Jugend der Stadt allabendlich versammelt. Dennoch, der Reis-Snack mit Jakobsmuscheln, die Entenbrust auf Banane oder die Taubenbrust auf Steinpilz um durchschnittliche drei Euro das Stückchen sollte man sich nicht entgehen lassen. (Doris Rothauer/DER STANDARD/Printausgabe/11.09.2010)
Info: La Cuchara de San Telmo,28, calle de 31 Agosto, Tel.:
+34 647 787 444