Immervoll eröffnet die Postschänke neu - Der Weiße Adler macht dicht - Stadlmann hat wieder einmal offen
Ich spürte es: Das im Augenwinkel wahrgenommene A4-Blatt im Türfenster des Weißen Adlers in Königstetten verhieß nichts Gutes. Auf dem Dorfplatz eine Runde und zurück. Tatsächlich: "Werte Gäste, liebe Freunde! Wir haben bis auf Weiteres GESCHLOSSEN. Wiedereröffnung noch nicht bekannt! Hans Obweger". Schade. Auch wenn ich den Weißen Adler nie so gut fand wie Herr Nowak, aber Gusto und Ohrfeigen sind bekanntlich unterschiedlich. War schon sehr okay, auch wenn mir hier einmal die Nieren zu sehr bluteten.
Trost in 52 Minuten
Der Trost ist fern (52 Minuten laut Garmin), aber nicht aus der Welt: In der netten kleinen Wienerwaldgemeinde Sulz hat die Postschänke einen neuen Betreiber, dessen Name uns doch irgendwie bekannt vorkommt: Immervolls Postschänke heißt das Traditionswirtshaus jetzt, und hat erst seit einer Woche wieder offen.
Der erste Gartenbetrieb am vergangenen Samstag funktionierte schon ganz gut, ganz gut besucht war die Wirtschaft außerdem, und ziemlich gut gegessen haben wir auch. Die Vegetarierin jedenfalls schwärmt noch immer vom Eierschwammerlgulasch.
Fidler zieht den Schwamm sich rein
Warum ich dann die zweite Hälfte essen musste, brauch ich ja nicht verstehen, sie murmelte etwas von Völlegefühl. Dabei hatte sie davor nur einen, zugegeben, ansehnlichen Mozzarellatomatenteller, den zu kosten ich mir erspart hab. Sie war zufrieden.
Das Eierschwammerlgulasch fiel erfreulich gulasch- also paprikaarm aus, ich halte ja nichts davon, die pfiffigen Pilze schamlos mit ungehörigen Capsicum-&-Co-Beigabe erröten zu lassen. Ein absolut erfreulicher zweiter Hauptgang also, der zudem gut auf meine Vorspeise passte.
Sortiert sautiert
Genau: Sautierte Eierschwammerl. Sie sehen: Fidler zieht den Schwamm sich rein, wo er kann. Sautiert natürlich noch vieeel besser denn als Gulasch. Da nehm ich auch das Schwammerlbett aus Rucola ohne Meckern in Kauf, wiewohl ich mir in einem
Wirtshaus auch ganz gut andere Blätter als Pfifferling-Polster
vorstellen könnte.
Dass die Küche noch kleine Aufmerksamkeiten unter den Rucola mischt, ist zwar sicher nett gemeint, aber nicht unbedingt nötig. Wobei mir ein kleines Gummiringerl, wie hier, immerhin weiß zur besseren Identifizierbarkeit, noch deutlich lieber ist als, sagen wir, zum Beispiel ein langes schwarzes Haar.
Zwischen Schwamm und Schwamm passt ein gut trainierter Muskel, fand ich, zudem definiert die Website zur neuen Postschänke das Rahmherz als einen Immervollschen Klassiker. Im Vergleich zu Omas Rahmherz: recht große Schnitten.
Aber und Ader
Die alte Frau schonte den Blick des kleinen Fidler mit kleinen, anatomisch recht unkenntlichen Stücken (bei Immervoll können schon charakteristische Tentakel dranhängen, wie immer Anatomen die professionell benennen).
Oma Fidler weckte durchaus aber Interesse mit der einen oder anderen Ader, der liebe Gott hab sie selig, die wilde Oma mit ihren Adern, zurück in die Gegenwart: sehr, sehr gut, die Pumpe in der Postschänke, kein (manchmal ein bisschen eigener) Herzgeschmack.
Ein Mann mit Herz
Die Sauce zum Herz (nein, kein Blut) sagte in Sulz eher wenig. Beliebig liegt mir als Begriff auf (eigentlich unter) den tippenden Fingerkuppen, begründen kann ich Dilettant das natürlich wieder nicht. Aber: Hier geht's ja primär um den Mann mit Herz, da sind Saucen Nebensache.
Ob die Postschänke so gut wie früher ist, kann ich natürlich auch nicht sagen. Denn: Mir hat eine liebe Kollegin zwar vor guten 20 Jahren geraten, das Wirtshaus in Sulz heimzusuchen, weil so nett und überhaupt. Aber - bis zum vergangenen Samstag lag es einfach nicht auf meinem Weg. Merke: Alles wird gut. Irgendwann halt.
Sulz: 2, Königstetten: 0
Gerechtigkeit ist bekanntlich auf diesem Erdenrund Mangelware, und Logik sowieso, darum rätsle ich an dieser Stelle: Warum braucht Sulz zwei ganz anständige Wirtshäuser, zumindest nach meinem Wissensstand, und Königstetten keines? Falls ich da nichts übersehen habe - bitte um allfällige Hinweise!
Hinweise erbeten auch zum zweiten Lokal in Sulz: Den Stockerwirt hab ich zwar noch nicht ganz so lange auf der Schmecklist wie die Postschänke. Aber ein neu platzierter Lebensmittelpunkt im Süden Wiens (sprich: Lebens-Mittelpunkt, nicht Lebensmittel-Punkt, wobei...) könnte stockerwirtmäßig zu einer etwas kürzeren Latenzzeit zwischen Rat und Tat führen. Womöglich zwischen Tipp und Schwipp, quasi, wäre da nicht der Gegensatz von Fahren und Trinken. Kurzum: Lohnt der Stockerwirt einen weiteren Besuch in Sulz?
Lebensmittel-Punkt
A propos Besuch: Der neue Lebensmittel-Punkt im Süden rückt Traiskirchen in problemlos erreichbare Nähe. Das erleichterte schon den doch ziemlich erfreulichen Besuch des Heurigens mit den Weinen von Paradewinzer Karl Alphart. Nachzulesen unter dem etwas spekulativen Titel "Brüste, überall Brüste". Da stellte ich auch die Frage: Was ist noch ein Heurigenbuffett?
Solche Grundfragen des Lebens lassen mir natürlich keine Ruhe. Also noch eine Fact-Finding-Mission nach Traiskirchen, nicht weit vom Alphart, und doch auf der anderen Seite der bedingt schönen Wiener Straße, auf Nummer 41: Stadlmann hat ausgesteckt, irgendwann einmal hingebungsvoll empfohlen von Herrn Florian, also auch lange schon auf meiner Liste.
Heurigenbuffet ohne Buffet
Ein wirklich gediegenes Heurigenlokal mit wirklich saumäßiger Akustik auf unserem Platz, aber die Vegatarierin neigt, zugegeben, meist zu leisen Töne, und ich zu grober Schwerhörigkeit.
Die Heurigenbuffet-Frage umschifft man bei Stadlmann, a) mit Karte statt Buffett, was b) ein paar (auch nicht wirklich sportlich-erleichternde) Schritte
erspart, und c) mit einem kleinen Kasten über ausgefalleneren Positionen. Wie zum Beispiel Hirschkalb in Steinpilzsauce mit Serviettenknödeln.
Na, was wird der Fidler da nehmen? An sich ja zum Einstieg die Zunge mit Dillerdäpfeln. Aber da kommt der zarte Einwand von der ausgesprochen geduldigen Servierkraft, dass zwei Hauptspeisen hintereinander ein bisschen ungewöhnlich und angesichts der Portionsgrößen nicht geraten wären.
Kein Leichtgericht fürs Leichtgewicht
Gut, ich bin lernfähig, wenngleich mir die Variation vom Mangalitzaschwein (Haufen Lardo! Kräftige Wurst! Töpfchen Grammelschmalz! Leberwurst!) auch nicht gerade wie ein Leichtgericht wirken. Ach was, Leichtgewicht bin ich schon selbst, die Hinsicht können Sie sich wie üblich aussuchen, und Schwein passt zur Akustik.
Der Hauptgang war schon länger klar, Wild und Steinpilze, wie soll der Fidler daran vorbeikommen? Der Pilz unter dem Hirsch kräftig, ich vermute ja: getrocknet, gefragt hab ich nicht, weil am Recherchieren bin ich ja eh ständig, wenn auch selten kulinarisch. Das Hirschkalb auf dem Pilz: herrlich, zart, saftig. Die Sauce zwischen Schwamm und Tier: kräftig, dunkel, dick, und: traditionell fällt mir dazu ein, und das ohne Unterton.
Ernahrungen in New York
Keine Sauce, die singt - solche Erlebnisse haben nur Connaisseure wie Herr Hlavicka, der (für ihn und seine Frau) gerade Erfreulicheres zu tun hat als (für uns) Kolumnen zu schreiben. Zum Beispiel über seine wirklich hoch interessanten Ernahrungen in New York. Aber vielleicht interview' ich ihn einmal dazu, gern auch mit Einwürfen von Sophia. Wär' zumindest formal was Neues in dieser kleinen, dreckigen Kolumne. Die befasst sich ohnehin nur noch mit Schwämmen, Fidler, Wild und inneren Werten, scheint mir. Alldieweil magenfüllend. Immerhin.
PS zum Wein
PS: Wo ich mich ja noch viel weniger auskenne, als beim Essen, ist der Wein. Die stets erfrischend offene Vegetarierin hat Stadlmann von der Mandel-Höh (2009) abwärts durchprobiert, ich näherte mich wie gewohnt von unten, qualitativ betrachtet, also vom Anninger (den sie einfach als zu leicht empfand). Die Vegetarierin nimmt sich kein Weinblatt vor den Mund und urteilt: Alphart schmeckte ihr einfach besser.
Ich widerspreche, vielleicht ein weiterer Zug von Feigheit, Fundamentalisten ungern, und Fundamentalistinnen noch viel ungerner. Ich sage nur: Sie probierte weder Mangalitza noch Hirschkalb. (Harald Fidler)
Gans und Vegetarierin
PPS: Stadlmann hat noch bis 22. September ausgesteckt. Alphart wieder von 7. bis 22. November, da verspricht er "gefülltes Gansl". Schau ich mir an. Mal sehen, wie die Vegetarierin mit dieser Herausforderung umgeht.
Fidler, fruchtig-freundlich
PPPS: Ich fand - neben den Leichtgewichten - Gefallen am - wirklich sehr entgegenkommenden - St. Laurent 2007 von Stadlmann. Nur damit Sie meinen Dilettantismus einordnen können. Amarone fiel einer anderen Gästin dazu ein. So wild war's nun wieder nicht, fand ich.
Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald
Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und
Trinken. Als
Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache
um
ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer
gelingt.