Nachlese 2010

Kinozukunft mit sehr viel Vergangenheit

12. September 2010, 18:37
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    foto: ap/andrew medichini

    Sofia Coppola holt mit "Somewhere" den Goldlöwen.

Sofia Coppola holt Hauptpreis der 67. Filmfestspiele, Peter Tscherkassky in der Reihe "Orizzonti" prämiert

Bis zum Schluss wurde spekuliert, am Ende wurde bei der feierlichen Preisverleihung in Venedig zuallererst das Kino gefeiert - beziehungsweise ein Filmschaffen, welches Filmgeschichte atmet:

Sofia Coppola nahm für Somewhere überraschend den Hauptpreis entgegen. Es ist der vierte Kinofilm der 39-Jährigen und eine elegische Charakter- und Milieustudie, in deren Zentrum ein Filmschauspieler namens Johnny Marco (Stephan Dorff) in L.A. hilflos um sich selber kreist.

Die Erzählung sei unter anderem inspiriert von ihrer eigenen Hollywood-Kindheit als Tochter von Francis Ford Coppola, sagte die Regisseurin. Somewhere ist auch sonst eine Art von Familienunternehmen - Bruder Roman hat produziert, auf dem roten Teppich sah der Bärtige einer jungen Version seines Vaters zum Verwechseln ähnlich.

Inside the Coppola Personality (1981) heißt ein nicht weiter ausgeführter Eintrag in der Filmografie eines anderen Preisträgers: Der Spezialpreis der Jury ging an Monte Hellman, lebende US-Kinolegende und Zeitgenosse von Francis Ford.The Shooting, Two-Lane Blacktop oder Cockfighter heißen seine New-Hollywood-Großtaten, Road to Nowhere sein jüngster Film, der im Wettbewerb Premiere hatte - auch darin geht es ums Filmemachen. Ein Regisseur verstrickt sich in einer mehrfach gefalteten Geschichte. Die Femme fatale, die Vorbild seiner Filmheldin ist, wird auf unerwartete Weise lebendig.

Der polnische Regisseur Jerzy Skolimowski, Mitinitiator und Wegbegleiter mehrerer neuer Wellen des europäischen Kinos, pausierte ebenfalls fast zwei Jahrzehnte als Filmemacher. Er arbeitete lieber an der Realisierung seines Wunsches, als Maler anerkannt zu werden. Erst mit Übersiedlung von Malibu nach Masuren kehrte er zum Kino zurück.

In Essential Killing setzt er einen von der CIA heimlich außer Landes verbrachten mutmaßlichen islamistischen Kämpfer im tiefsten polnischen Winter im Wald aus. Anfangs ein souverän vorangetriebener Actionfilm, wechselt Essential Killing allmählich das Register und entwickelt sich zu einer mystisch gefärbten Existenzparabel. Vincent Gallo spielt den Gehetzten, wortlos, aber mit umso mehr Körpereinsatz.

Dafür wurde er als bester Darsteller geehrt, überließ es jedoch seinem Regisseur, die Trophäe in Empfang zu nehmen. Auch zur Premiere seiner eigenen intimen Regiearbeit Promises Written in Water hatte er während des Festivals alle öffentlichen Termine abgesagt. Gallos Kameramann Masanobu Takayanagi wiederum hätte man übrigens den Kamerapreis gegönnt - dieser ging schließlich an den russischen Wettbewerbsbeitrag Ovsyanki / Silent Souls.

Zur besten Darstellerin wurde die Griechin Ariane Labed für ihre Rolle in Attenberg gekürt - auch eine Verneigung vor dem eigenwilligen Werk der Regisseurin Athina Rachel Tsangari. Und der Regiepreis für den Spanier Alex de la Iglesia und seine schrille Widerstandsgroteske Ballada triste de trompeta erfüllte schließlich doch noch die Erwartung einer tarantinoesken Geste Richtung Trash.

Wiewohl von einer anderen Jury vergeben, fügte sich auch der Orizzonti-Kurzfilmpreis für den österreichischen Avantgardisten Peter Tscherkassky in diesen traditionsbewussten Auszeichnungsjahrgang: Coming Attractions arbeitet mit Abfallprodukten der Filmgeschichte, Outtakes und Resten alter Werbespots und findet darin auf verdrehte Weise etliche Klassiker des frühen Kinos angelegt. Mit The Forgotten Space, einem Filmessay des Künstlers Allan Sekula und des Filmhistorikers Noel Burch, wurde außerdem auch eine österreichische Koproduktion ausgezeichnet.

Für die 68. Filmfestspiele im kommenden Jahr ist einiges offen:Direktor Marco Müller, noch bis 2011 unter Vertrag, hat bereits laut über eine vorzeitige Beendigung seiner Tätigkeit nachgedacht. Das neue Festivalgelände wird er wohl auch im nächsten Jahr nicht bespielen können. Gleichzeitig verschwindet weitere Infrastruktur am Lido - eines der beiden traditionsreichen Luxushotels wird bereits in Apartments umgebaut: Eine Zukunft mit Vergangenheit versprechen die Werbeprospekte. (Isabella Reicher aus Venedig, DER STANDARD/Printausgabe 13.9.2010)

PREISE

  • Goldener Löwe für den besten Film: Somewhere
  • Silberner Löwe für die beste Regie: Alex de la Iglesia (Balada triste de trompeta)
  • Spezialpreis der Jury: Essential Killing von Jerzy Skolimowski
  • "Coppa Volpi" / bester Schauspieler: Vincent Gallo in Essential Killing
  • "Coppa Volpi" / beste Schauspielerin: Ariane Labed in Attenberg
  • Spezial-Löwe für das Gesamtwerk: Monte Hellman
  • Orizzonti-Preis Langfilm: Verano de Goliat von Nicolás Pereda
  • Orizzonti-Spezialpreis der Jury: The Forgotten Space von Noel Burch / Allan Sekula
  • Orizzonti-Preis Kurzfilm: Coming Attractions von Peter Tscherkassky
  • Orizzonti-Preis mittellanger Film: Tse von Roee Rosen

Sepp Rosi
02
14.9.2010, 12:46
Nicht ok

papa wird schon richten (hat gerichtet)!

HAL-9000
11
13.9.2010, 13:23
ich bewundere diese Frau

sie versucht erst gar nicht ihren Vater mit Spektakel und Effekthascherei zu imitieren/übertreffen, sondern liefert stattdessen ruhige, komplexe (teilweise auch verstörende) Verhaltensstudien, die einem noch lange nach dem Abspann beschäftigen und im Gedächtnis bleiben.
Außerdem beweist sie, wie wichtig ein stimmiger und atmosphärischer Soundtrack für einen Film sein kann (AIR, The Cure, Phoenix, ...)

Für mich ein absoluter Pflichttermin im Kino!

ich werde trotz allem grün wählen!
00
13.9.2010, 09:56
eine sympatische preisträgerin

freut mich!

dorothy gale
 
21
13.9.2010, 09:55
was für eine freude!

... vincent gallo hat einen neuen film!!!! dann hoff ich sehr, dass "promises written in water" mich gleichermaßen verzaubert wie "buffalo '66" damals! i can't hardly wait...

freeye
01
13.9.2010, 13:13
cant..?

Olivio Tasso
03
13.9.2010, 09:29
Na cool

überreicht Tarantino den Löwen doch tatsächlich seiner Ex-Freundin ;-)

xeconomistx
00
13.9.2010, 07:37

ich freu mich für die copolla! lost in translation sowie the virgin suicides sind großartige filme! bin schon auf somewhere gespannt.

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