Er kommt von den Motorrädern und hat die Maschinen gegen E-Fahrräder getauscht: Michael Bernleitner über die Zukunft der zweirädrigen Mobilität
Michael Bernleitner hat als Reitwagen-Gründer und später als Motorrad-Magazin Chefredakteur, bis vor kurzem, sein Leben vorwiegend den Motorrädern gewidmet. In seinem neuen Projekt "motomobil" nimmt er sich der großen Maschinen nicht mehr an, dafür hat er Elektrofahrräder mit ins Programm genommen.
derStandard: Wie bist du auf die Idee gekommen, in deinem neuen Produkt "motomobil", neben den Rollern, auch über E-Bikes zu berichten?
Bernleitner: Auf den ersten Blick scheinen Roller, 125-Kubik-Motorräder und E-Bikes, darunter auch Elektrofahrräder, eine schräge Mischung zu sein. Sie alle fallen aber für mich in den Bereich "unkomplizierte, intelligente Mobilität im Individualbereich", wo auch der Spaß nicht zu kurz kommt. Bei genauer Betrachtung sind die Kaufentscheidungen hier sehr verwoben und verzahnt: Klassische Motorrad-125er oder Achtelliter-Roller für den B-111-Fahrer? In den Rollermarkt drängen die E-Scooter. Und sollte man sich für einen Elektroroller entscheiden, dann ist man in manchen Situationen mit einem Pedelec möglicherweise besser beraten. So schließt sich dann dieser Kreis. Für klassische, traditionelle Motorradfachzeitschriften sind das aber alles Themen, mit denen man den Hardcore-Biker vom Kauf des Heftes eher abschreckt. So habe ich eine Nische für ein kleines, feines Publikumsmagazin sowohl im Print- als auch im Online-Bereich gesehen, und die bisherigen Reaktionen sind höchst ermutigend, bis fast sogar euphorisch. Wichtig ist für mich, dass die Elektrizität nicht in der farblosen Vernunftsecke steckenbleibt, oder ein ideologisches Vehikel ist, sondern dass sich da schon eine lebendige und lustige Szene entwickelt hat. Und von den "Light Electric Vehicles" muss endlich der Öko-Mief weg; man kann auch Freude damit haben.
Die unkommentierte CO2-Lüge
derStandard: Wie siehst du die Zukunft der E-Bikes? Ist das ein Hype, oder bleibt uns das?
Bernleitner: Sowohl als auch. Hinter den Öko-Kulissen geht's schlicht um den beinharten Machtkampf weltweiter Interessen - wer nämlich der Energieversorger der Zukunft sein wird. Die Öl-Lobby hat mit Millionen-PR-Aufwand den ach-so-bösen Biosprit verächtlich und unakzeptabel gemacht. Jetzt machen sich die Elektriker über die Ölmenschen her, die ja momentan alles andere als Sympathieträger sind. Die technikfernen Politiker dieser Welt spannen sich vor den Elektrokarren - dabei bleibt die große CO2-Lüge unkommentiert; die gar nicht glorreiche Gesamtenergiebilanz von Elektrofahrzeugen wird negiert oder geflissentlich unter den Teppich gekehrt; die Photovoltaik-Lüge wird weiter verbreitet.
derStandard: Und wie sieht das mit "nachhaltigem" Ökostrom aus?
Bernleitner: Der leider zu früh von uns gegangene E-Guru DI Martin Loicht hat mir genau vorgerechnet, dass überall dort, wo bereits eine Steckdose existiert - sogar wenn die mit Braunkohlestrom gespeist wird - Aufbau, Installation, kurze Lebensdauer und Entsorgung einer Photovoltaik-Anlage eine hochgiftige Sünde ist. Oder die Wasserkraft: Vor über 50 Jahren sind in Südtirol oder in Amerika Dörfer und halbe Staaten deswegen untergegangen, wobei der Lake Mead und der Lake Powell jetzt schon wieder halb ausgetrocknet sind, und in China sehen nun ganze Regionen "Land unter" und verursachen unbeeinflussbare Klimaänderungen. Das alles spricht eher für die extrem hohe Energiedichte von einem Achterl Petroleum oder 100-Oktanigem. Auch wenn der Wirkungsgrad von Verbrennern noch so schlecht ist. Der neue PCX-Roller von Honda, der 2300 Euro Straßenpreis hat, der wahrscheinlich ewig hält, zwei Liter auf 100 Kilometer braucht und winterfest ist: So etwas wird noch lange eine uneinnehmbare Festung des Ottomotors sein. Elektro-Zweiräder haben jedoch durchaus charmante Eigenschaften, wie du ja selber schon bemerkt hast. Die Entwicklung von neuen Konzepten steht aber noch ganz am Anfang, vielleicht lauern da sogar noch richtige Geniestreiche ...
Pedelecs und breites Grinsen
derStandard: In welche Richtung geht deiner Meinung nach die Entwicklung? Citybike mit Tretunterstützung für jeden, oder werden die Räder eher was für Sportler und Menschen sein, die auf umweltfreundliche Fortbewegung setzen?
Bernleitner: Neun von zehn Personen, die zum ersten Mal auf einem Pedelec sitzen, steigen mit einem breiten Grinsen im Gesicht wieder ab! Die Dinger haben schon etwas Reizvolles, sowohl für Geschäftstermine als auch in der Natur. Mit "umweltfreundlich" wäre ich wiederum vorsichtig, weil ja nicht nur Leute vom Auto weg gelockt werden, sondern auch zusätzlicher Verkehr generiert wird. Verkehr, den jene Menschen verursachen, die sonst zu Fuß gegangen oder zu Hause geblieben wäre. Dass mittlerweile unzählige Tourismusregionen auf die Elektromobilität setzen, ist für mich eine normale wirtschaftliche Entwicklung, die von insgesamt drei, vier cleveren Vermarktern getragen wird - ich sehe es als sympathische Bereicherung im Freizeitangebot, und hoffentlich haben etliche der Regionen Erfolg damit.
derStandard: Hast du selbst ein E-Bike?
Bernleitner: Ich habe für motomobil das Interspar Alu-Rex getestet und vor dem Test anonym gekauft. Weil die Regelelektronik aber an den Wienerwaldsteigungen absalutiert und ich den Wohnort nicht wechseln will, habe ich vom Internetkauf-Rücktrittsrecht Gebrauch gemacht und das Rad sorgfältig verpackt zurückgeschickt. Die Rücküberweisung vom Kaufpreis hat anstandslos geklappt, war eine ordentliche Abwicklung. Möchte mir gern in nächster Zeit die 2011er-Version des KTM eRace kaufen, das klettert besser.
derStandard: Wem rätst du nach deinem Test zu Diskonter-Rädern, für wen wäre das Sparen am falschen Ende?
Bernleitner: Wenn jemand zum Beispiel ein paar Mal im Monat bei Schönwetter die Donau entlang radeln will, möchte ich von einem Supermarkt-Pedelec keinesfalls abraten, ganz im Gegenteil. Die Funktionalität passt. Stellt man höhere Ansprüche an technische Kompetenz und Schönheit oder sind die Kriterien härter, muss man tiefer in den Sack fahren, auch das ist ganz klar.