Sowohl in der SPD als auch in der CDU gibt es Nährboden für Sarrazins und Steinbachs Thesen - von Birgit Baumann
Danke, lieber Thilo! Das mag sich der deutsche Bundespräsident Christian Wulff gedacht haben, als er vom freiwilligen Abgang Thilo Sarrazins aus dem Vorstand der Bundesbank erfuhr. Er erspart Wulff eigenes Handeln, für das es keine Anleitung gibt, weil der heikle Fall in der deutschen Geschichte einzigartig ist.
Vermutlich sind CDU-Chefin Angela Merkel und SPD-Chef Sigmar Gabriel recht neidisch. Gabriel wünscht sich auch einen Austritt Sarrazins aus der SPD. Und Merkel muss sich wieder einmal mit dem CDU-Partei- und Fraktionsmitglied Erika Steinbach herumschlagen. Die Präsidentin der Vertriebenen hat sich erneut eindeutig zweideutig über die Schuld der Deutschen am Zweiten Weltkrieg geäußert - Polen habe doch zuerst seine Truppen mobilisiert.
Beide, Sarrazin und Steinbach, stellen ihre Parteien vor ein Dilemma: Unter dem Motto "man wird ja noch mal seine Meinung äußern dürfen" sagen sie Dinge, die der Parteispitze vor Entsetzen die Haare zu Berge stehen lassen und denen vehement entgegengetreten werden muss.
Doch sowohl in der SPD als auch in der CDU gibt es Nährboden für Sarrazins und Steinbachs Thesen. Ihnen zu widersprechen, aufzuklären, einzuordnen, die unangenehmen Debatten zu führen - das ist sowohl für Merkel als auch für Gabriel die wahre Herausforderung, nicht ein Parteiausschluss von Sarrazin und Steinbach. Ein solcher wäre der Diskussion nicht dienlich. Er würde die beiden zu Märtyrern machen und die Fronten weiter verhärten. (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2010)