Hintergrund

Die sieben Sünden der Grünen

10. September 2010, 18:55

Beim Bundeskongress in Graz sparen die Grünen ihre peinlichen Querelen in Wien aus - und widmen sich demonstrativ den "Themen der Zukunft" - Dennoch steht eine Analyse ihres eigenen Sündenregisters dringend an

Übers Wochenende zerbrechen sich die Grünen bei ihrem Bundeskongress in Graz die Köpfe über ihre Zukunft. Dazu steht die Wiederwahl der Führungsspitze an. Nicht auf dem Programm: die peinlichen Querelen in zwei Wiener Bezirken und ein aufsehenerregender Absprung vor der Wiener Landtagswahl. Einer Problemanalyse wollen sich die Ökos erst nach dem 10. Oktober stellen. der Standard hat die Schwachstellen analysiert und sieben Sünden ausgemacht.

1. Die Basisdemokratie

Im Gegensatz zu anderen Parteien erlauben es die Statuten der Grünen, dass die Funktionäre der untersten Ebene ihre unterdrückten Aggressionen gegen Autoritäten bei den Listenerstellungen austoben. Und so lassen die sogenannten "Basiswappler" mittels Kampfabstimmungen immer mehr verdiente Altvordere über die Klinge springen - ohne dass die Führungsspitze nur irgendwie eingreifen könnte. Aus diesem Grund lief zuletzt auch der grüne Bundesrat Stefan Schennach, im Nebenjob Bezirksrat in Döbling, nach 26 Jahren zu den Rathaus-Roten über - noch dazu mit den Wahlkampfstrategien von Maria Vassilakou und Co im Gepäck.

2. Die Führung

Eva Glawischnig ist seit Jänner 2009 Bundessprecherin der Grünen. Die langjährige Kronprinzessin folgte dem charismatischen Alexander Van der Bellen nach, der nach der Stagnation der Grünen bei den Wahlen seinen Rückzug verkündete. Die Turbulenzen in Wien werden tendenziell eher Glawischnig angelastet als der eigentlich zuständigen Wiener Chefin Maria Vassilakou. Glawischnig gilt in der Partei als beliebt und fleißig, hinter vorgehaltener Hand werden ihr aber ein Mangel an Durchsetzungswille und -fähigkeit sowie fehlendes Charisma in der Außenwirkung nachgesagt. Allseits akzeptierte Alternativen als Führungsfiguren sind derzeit nicht in Sicht, auch wenn sich mancher männliche Kollege diese Rolle zutraut.

3. Der Nachwuchs

Wer sitzt neben Klubobfrau Glawischnig sonst noch für die Grünen im Nationalrat? Gehören Sie auch zu jener Sorte, der auf die Schnelle nur Peter Pilz einfällt? Keine Sorge, Sie befinden sich damit in breiter Gesellschaft. Zwar gibt es seit dem Ende der Ära von Alexander Van der Bellen mittlerweile ein halbes Dutzend neuer Gesichter im 20-köpfigen Parlamentsklub, bloß: Sie leiden bis heute unter mangelnder Publicity wie Prominenz. Im Schatten der omnipräsenten Parteichefin und des lauten Chefaufdeckers fällt es den Neulingen schwer, mit ihren Themen durchzukommen. Deswegen zur Nachhilfe: Um die grüne Justiz kümmert sich der 38-jährige Jurist Albert Steinhauser. Die Frauenpolitik hat die Grazerin Judith Schwentner über. Den Rest schlagen Sie bitte selbst auf der Homepage der Grünen nach.

4. Der Geschlechterkampf

Trotz Gleichberechtigungsschwüren und Reißverschluss- prinzips sind auch grüne Männer nur Männer. Die Wahrheit ist: So manchem ist die weibliche Doppelspitze in Wien, bestehend aus Glawischnig und Vassilakou, nicht ganz geheuer - erst recht nicht, seit die weibliche Führung dem langjährigen, aber aufsässigen EU-Abgeordneten Johannes Voggenhuber - freilich demokratisch legitimiert - zu demontieren vermochte. Deswegen geht mit einigen grünen Herren ab und zu der Machismo durch. Voggenhuber selbst beschwerte sich bei seinem Abgang lauthals über den grünen "Geschlechterkampf" . Bundesrat Efgani Dönmez meinte einmal: "Brüste zu haben reicht nicht als Qualifikation bei den Grünen." Fest steht, dass sich angesichts der Krise auffallend viele Grün-Politiker vornehm zurückhalten - weil sie lieber die Chefin machen lassen.

5. Die Inhalte

Grüne Inhalte gehören mittlerweile zum Basisrepertoire einer jeden Partei, Öko-Themen werden quer durch alle Lager gespielt. In dieser Entwicklung haben die Ökos ihr Alleinstellungsmerkmal, ihre Themenführerschaft und zum Teil die Glaubwürdigkeit verloren. Bei einem Teil des bürgerlichen Lagers stößt aber genau die "Öko-Masche" auf Skepsis, etwa die Verdammung des Individualverkehrs. In Menschenrechtsfragen sind die Grünen dagegen engagiert und glaubwürdig wie keine andere Partei. Parteiintern gibt es Kritik, dass die "Gerechtigkeitsfrage" nicht genug gespielt werde und die Parteispitze zu wenig klassenkämpferisch agiere, das Ansinnen "Umverteilung" werde von der SPÖ viel stärker besetzt.

6. Das Marketing

Laut Market-Institut ist 36 Prozent der Österreicher gar nicht klar, wofür die Grünen stehen. Dazu kommen eigene Pannen bei den Kampagnen: Erst Wochen nach der Explosion der Bohrinsel in Mexiko starteten die Ökos ihre Initiative "Raus aus dem Öl" . Auf dem Höhepunkt der eigenen Wiener Katastrophen beriefen sie eine Pressekonferenz zum "Katastrophenjahr 2010" ein - es ging schlicht um Umweltprobleme.

7. Die Paktfähigkeit

Listenabspaltungen wie in Mariahilf und Demontagen wie jene des Bezirksvorstehers in der Josefstadt sind Wasser auf die Mühlen der politischen Gegner. Analog zur blauen Selbstzerstörungsaktion in Knittelfeld winden sich SPÖ und ÖVP entsprechend lange, bevor sie irgendwo eine Koalition mit den Ökos eingehen - zu hoch sei die Wahrscheinlichkeit eines Aufstandes der Wiener Basis, quasi eines grünen Spittelbergs. Die Realität sieht etwas anders aus: In Oberösterreich, Bregenz, Graz sind die Grünen mit den Schwarzen längst in Regierungsverantwortung. Nur das logischste Projekt, eine rot-grüne Koalition, hat bisher nicht geklappt - auch weil sich die SPÖ ziert. Gerade in Wien gelten die Grünen als Chaoten. (Michael Völker, Nina Weißensteiner, DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.9.2010)

Kommentar posten
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Stefan Binder
00
22.9.2010, 17:22
Naja, wer auch immer bei den Grünen...

...an der Spitze steht wird bekrittelt.

Als es Van der Bellen war hieß es immer der sei so langweilig. Jetzt war er auf einmal charismatisch. Ein bisschen lächerlich das Ganze.

Lore Brandl-Berger
 
00
15.9.2010, 00:27
Ergänzungen

1. Die Basisdemokratie (die sicher an einigen Punkten korrigiert werden sollte) funktioniert in vielen Wiener Bezirken sehr gut. Das, Herr Völker und Frau Weissensteiner, erwähnen Sie in Ihrem Artikel nicht.
2. Eva Glawischnig ohne Charisma? Nein, obwohl die Journalisten nicht davon loskommen.
3. Fragen Sie Ihre Leser nicht nur nach den grünen Nationalratsabgeordneten, sondern auch nach denen anderer Parteien! Das Ergebnis wird kaum besser sein als das von Ihnen Vermutete.
Lore Brandl-Berger

Gru Gru
00
14.9.2010, 21:52
WAS bitte ist an den Grünen GRÜN?

Ersuche um Antwort! Der einzige mutige Aufzeiger in dieser diffusen Partei ist Peter Pilz! Ihn bewundere ich wirklich für seinen Mut, Sümpfe aufzuzeigen und seinen Kopf dafür hinzuhalten! IHN würde ich wählen! Seine Kollegin V. sollte erst einmal unsere Sprache lernen- bevor sie den Mund aufmacht!

Ingrid Gurtner3
 
00
14.9.2010, 03:31
der männliche Politiker

In Österreich ist immer noch der männlicher Politiker die Norm. Wird diese Norm durch Frauen auf irgend einer Spitze durchbrochen, gehen die Gefühle bis zur Frauenfeindlichkeit hoch.
Dass mit der Basisdemokratie einiges au dem Ruder läuft, kann man nicht der "weiblichen Führung" anlasten, sondern man muss innerparteilich über die Listenerstellung diskutieren.
Die Schuld den Frauen zuzuschieben erleichtert vielleicht das männliche Ego, trägt aber null zu Problemlösungen bei.

Kahless
01
14.9.2010, 10:56
...

Ihre Meinung in allen Ehren ! ABER: Die Führungsschwäche der Grünen ist das Resultat der weiblichen Führungsschwäche ! Es geht auch anders - auch in Österreich. Aber eben nicht bei den Grünen.

poto
02
13.9.2010, 15:48
dieser artikel ist eine schande

für den standard mit dem er auf das niveau einer krone gerutscht ist, die durch einen solchen stil die politische landschaft zu beeinflussen versucht und nicht objektiv berichten bzw. beurteilen kann.

Pro Freistaat Kärnten!
 
00
14.9.2010, 16:28
Objektiv:

Schennach hat gewechselt.
Voggenhuber wurde demontiert.
In zwei Wiener Bezirken haben sich die Grünen vor der Wahl gespalten.

Willst nur falsche Lobhudelei hören?

des sog i
00
13.9.2010, 12:22
Dabei sind Grünen noch immer nicht klüger geworden,

glauben mit einem Gleichberechtigungsthema weibliche Wählerstimmen zu ergattern. Bereits seit Jahren stellt sich die Frage: Wo sind die 25%? Über 50% der Wähler sind weiblich, wenn sich nur die Hälfte davon angesprochen fühlen würde, wären das die 25 %. Die Frau von heute interessiert das vorgestrige Emanzengequatsche einfach nicht, sondern steht in Beruf und Familie bzw. Beziehung die Frau. Mit dieser völlig verfehlten Geschlechterpolitik vergraulen die Grünen ihre männlichen Anhänger und stossen bei den meisten Frauen auf Desinteresse. Dabei haben die Grünen soviel Probleme quer durch die Partei, Entschuldigung, sagte ich Partei? Viele Grüne glauben eher sie sind eine NGO und agieren so auch.

Gru Gru
00
14.9.2010, 22:06
Welche Frau

bei den Grünen ist "weiblich"?

stahlstadtkind
00
13.9.2010, 13:15

sind sie offiziell bei der männerpartei oder sogar mit ihr ident? die argumentation gleicht sich nämlich ziemlich.

des sog i
00
13.9.2010, 15:24
nein bin nicht ident, nur der gleichen Meinung

Obichan
03
13.9.2010, 12:19
Glaubt das wirklich jemand?

Der Standard und andere Medien bemühen sich seit Wochen kräftig, internen Streit bei den Grünen herbeizuschreiben. Gibt das niemand zu denken, dass selbst das mediale Dauerfeuer nicht erfolgreich war?
Es gibt praktisch keinen einzigen Grünen der Eva Glawischnig in Frage stelllt (was nicht bedeutet das man mit jeder einzelnen Aussage oder Entscheidung glücklich sein muss). Die angebliche Krise findet vor allem in den Köpfen der Journalisten statt. Dass die dann noch behaupten eigentlich nur das Beste der Grünen zu wollen (weil sie als einzige Partei glaubwürdig gegen Rechts auftritt, wie zB Hans Rauscher zurecht schreibt), ist mehr als zynisch.

des sog i
31
13.9.2010, 12:08
bereits kleine Sünden bestraft das Leben

was sollen dann die Wähler mit diesen Großen Sünden der Grünen machen. Abwählen!!! Derzeit sind die Grünen für mich keine wählbare Partei, kommen aus dem Träumen nicht raus, bringen Forderungen, die niemand interessieren und finden eine Riesenspass daran, Männer zu diskriminieren.
Zu Punkt4: Es ist echt zum kotzen wie eine Partei, die Gleichberechtigung sich auf die Fahnen gezeichnet hat, diese genau mit Füssen tritt. Derzeit gibt z.B. eine nur weibliche Führung bei den Grünen. Es stelle sich mal vor, der Fall liege anderes rum und nur Männer wären an der Spitze! Ein Raunen und Schreien ginge durch die grünen Hallen, , sicher wäre eine 2. Kandidatur bereits verhindert worden Doch nun, wo Frauen an der Macht sind, wird das einfach ignoriert.

stahlstadtkind
01
13.9.2010, 13:08
schwachsinn

"nur weibliche führung" - geh bitte, recherchieren sie doch mal nach!!!! die grünen haben in 2 von 9 bundesländern eine frau an der spitze, und im bund eine frau an der spitze! und das nennen sie weibliche führung? ich nenn das paranoid.

des sog i
00
13.9.2010, 15:35
Fakten, bitte gerne

Wenn ein Voggenhuber raus geekelt wird, ein Schennach nach 26 Jahren wechselt, ein Stefan Schneider nicht gewählt wird, weil er mal eine richtige Ansage macht...so sind das Fakten!
und Ihre Angaben stimmen großteils nicht! Nicht Steine werfen, wenn man im Glashaus sitzt!

des sog i
00
13.9.2010, 13:03
die Reporter hatten wohl einen Blackout

beim schreiben, anders kann ich mir das nicht erklären, dass der Punkt 4 so durcheinander geschrieben wurde!
Zuerst wird richtig darauf hingewiesen, dass es ein Reitverschlussprinzip gibt und derzeit nur Frauen bei den Grünen an der Macht sind, dann werden die männlichen Grünpolitiker als Machos abgekanzelt! Bitte einen besseren Qualitätsjournalismus an den Tag legen.

www.maennerpartei.at
13
12.9.2010, 20:47
"Deswegen geht mit einigen grünen Herren ab und zu der Machismo durch."

Bei den GrünInnen ausgerechnet die Männer als Sexisten dazustellen ist schon ein starkes Stück!

stahlstadtkind
00
13.9.2010, 13:10
"ein starkes stück"

... sagt die männerpartei in gewohnt beleidigter manier. ;)

des sog i
00
13.9.2010, 15:37
...

einige können es beleidigt nennen, viele sehen da aber die Ungerechtigkeit, leider fehlt es so manchem an dem...

silent_trust
 
01
12.9.2010, 08:15
Es ist das Bild nach außen, das am Ende des Tages zählt.

Und was sieht man da?
Streitereien ohne Ende.
Eine Parteiführung, die den Eindruck vermittelt den eigenen Leuten hilflos ausgeliefert zu sein, die geführt wird anstatt zu führen.
Ein Parteiprogramm, dessen Inhalte zu vermitteln nicht und nicht gelingt. Und das dazu noch die Schwäche hat bei vielen Punkten auf halber Strecke stehen zu bleiben. Es werden zwar Probleme aufgezeigt, aber die praktikable Lösung bleibt man schuldig.
Beim Thema Zuwanderung macht man die Augen zu, ignoriert die Probleme die es gibt (Ja - es gibt Probleme - Überraschung!) und redet sich die Welt lieber schön.
Zudem irritiert und verprellt man viele Menschen mit dieser exzessiven "Women first" Politik, die auf Kompetenzen scheinbar nur bedingt Rücksicht nimmt.

Pen
00
11.9.2010, 22:31
"Glawischnig ortet Spaltungsversuche von außen": http://orf.at/stories/2014000/

"m Echo auf die jüngsten parteiinternen Konflikte vor allem in Teilen der Wiener Grünen ortet Parteichefin Eva Glawischnig Spaltungsversuche von außen. Beim grünen Bundesvorstand in Graz meinte Glawischnig heute, sie „habe es satt“, wenn versucht werde, von außen einen Spalt in die Partei zu treiben.

Die Medien würden „mit zweierlei Maß“ messen, sagte Glawischnig im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Querelen bei den Wiener Grünen. Anlass für Glawischnigs Wortmeldung war die Frage eines Delegierten, ob aufgrund der Medienberichte der letzten Tage über die Grüne Basisdemokratie das Parteiprogramm infrage gestellt werde. Glawischnig betonte daraufhin, sie stehe voll hinter dem basisdemokratischen Grundprinzip der Grünen."

Pro Freistaat Kärnten!
 
00
14.9.2010, 16:30
Sie lasen eine verzweifelte Presseaussendung

des Grünen Rathausclubs....

Alo
13
11.9.2010, 20:09
Wo bleibt z.B. die Liste der Millionen Sünden der ÖVP?

Z.B. diese: http://orf.at/stories/2013958/

Anonym Anonym3
01
11.9.2010, 18:52

"Nur das logischste Projekt, eine rot-grüne Koalition, hat bisher nicht geklappt - auch weil sich die SPÖ ziert."
Also will die SPÖ nicht mit den Grünen koalieren und auch auf keinen Fall mit der FPÖ. Viele Alternativen gibts dann halt leider nicht mehr.

Yudhistira
02
11.9.2010, 16:43
In Deutschland sind die Grünen längst in der "Mitte"

der Gesellschaft angekommen. Man merkt dies, außer bei den Umfragewerten natürlich, wenn man z.B. Bauern reden hört, die sich selbstverständlich zu den Grünen (Werten) bekennen, desgleichen auch immer mehr Manager usw, hierzulande in dieser Form undenkbar. In Österreich sind die Grünen für weite Teile der Bevölkerung tabu (beim "kleinen Mann" z.B. wegen der einseitig-naiven Ausländerpolitik). Die Grünen müssen diese Etikette loswerden und im Bewußtsein der Menschen etablieren mit: Lösungen für die Probleme der Zeit, Fairness, Pfründebekämpfung, Unbestechlichkeit, die Sorgen der Menschen ansprechen und sich für sie einsetzen, Kompetenz,....
Zum Vergleich ein Interview mit Renate Künast:
http://www.sueddeutsche.de/politik/r... uenast-im-

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