Hinter dem Zaun

Jedes Wochenende besucht mich ein rothaariger Junge. "Don Carlos", flüstert er, "Don Carlos". Juli Zeh über den Infanten von Spanien, gemalt von Alonso Sánchez Coello - Ein Vorabdruck

Ich bin ein Esel in einem Streichelzoo. Unter mir Sand, um mich Zaun. Über mir Himmel, blau-weiß oder grau. Rechter Hand wohnen die Ziegen, etwas weiter hinten befinden sich die Wohntürme der Kaninchen. Vor langer Zeit, erzählen die Kaninchen, seien ihre Vorfahren frei auf den Wiesen und Wegen herumgelaufen. Bis der Hund eines Besuchers eins aus ihrer Mitte riss. Eingesperrt sind wir, nach Meinung der Kaninchen, zu unserer eigenen Sicherheit.

Würde ich mich nicht bewegen, wüchse Gras in meinem kleinen Reich. Weil ich beim Umherwandern in den Nächten alles zertrete, wächst keines. Immer wieder versuche ich, mir das Bewegen abzugewöhnen. Ich will so lange still stehen, bis mir das Gras die Sprunggelenke kitzelt. Dann werde ich den Kopf senken und in Frieden weiden. Aber spätestens in der dritten Nacht halte ich es nicht mehr aus. Ich verlasse den Unterstand und gehe umher, unter meinen Hufen wird alles zu Staub.

Mein Name ist Don Carlos, ich bin allein. Für beides gibt es Beweise. Draußen am Zaun hängt ein Schild, das die Eltern ihren Kindern vorlesen. Dann rufen die Kinder "Don Carlos, Don Carlos", während sie ihre kleinen Hände durch den Maschendraht stecken. Das Alleinsein folgt aus der Tatsache, dass die Ziegen zu siebt sind und die Kaninchen zu zwölft. Wenn es sieben Ziegen und zwölf Kaninchen gibt, müssen zum Beispiel acht oder fünfzehn oder wenigstens drei Esel existieren. Ich weiß nicht, wo die anderen sind. Nur ich befinde mich hier, allein.

Die Kaninchen vermehren sich, ihr Nachwuchs wird in der Regel entfernt. Nur wenn zuvor ein Erwachsener stirbt, darf ein Kind bleiben. Die Ziegen vermehren sich nicht; sie sind, wie sie sagen, alle weiblich. Die Ziegen vermuten, dass auch ich weiblich bin, was ich nicht glaube, aber sie sagen, dass meine Schreie klingen wie die einer Frau. Außerdem sagen sie, bei meinem Aussehen bräuchte ich mich über das Alleinsein nicht zu wundern. Mein Fell ist gelblich, vor allem am Bauch; rings um den Hals hängt es in Zotteln. Rücken und Schultern sind schwarz, als hätte man mir einen dunklen Mantel übergeworfen. Die Beine bleiben selbst im Winter kahl. Wie ein Storch im Salat, rufen die Ziegen und wissen selbst nicht genau, was sie damit meinen.

In Wahrheit beneiden sie mich um meine langen Ohren. Die Ohren machen mich zum heimlichen König des Streichelzoos. Ihretwegen ist mein Gehege mit Brotscheiben, Popcorn und Eukalyptusbonbons übersät. Die Besucher werfen mir Gaben zu, um mich an den Zaun zu locken. Sie wollen mich anfassen. Täte ich nur einen Schritt Richtung Zaun, streckten sich sofort unzählige Arme nach meinen Ohren aus. Deshalb verbleibe ich während der Besuchszeiten konsequent im Unterstand. Wenn abends der letzte Besucher gegangen ist, werden die Geschenke von den Bediensteten beseitigt. Das macht die Ziegen fuchsteufelswild. Sie nennen mich einen infant-, einen infantilen Idioten. Bei ihnen sind die Hörner länger als die Ohren.

Ein schlechter Esel

Dass ich ein schlechter Esel bin, ist mir bewusst. Mir fehlt jede Eignung für den Job. Was soll einer im Streichelzoo, der sich nicht streicheln lässt? Jedes Wochenende besucht mich ein rothaariger Junge. Er sucht die Wegränder nach Löwenzahn ab und streckt mir die Blätter durch den Zaun. "Don Carlos", flüstert er, "Don Carlos". Er schmeißt die Blätter fort, verschwindet, um bessere zu suchen, kommt wieder, wartet auf mich, flüstert. Ich beobachte ihn und erkenne sein Flehen und begreife seine kolossale Einsamkeit. Nichts gegen Löwenzahn, aber zu den Besuchszeiten verbleibe ich im Unterstand. Man muss zu seinen Entscheidungen stehen.

Was die Kaninchen in ihren Wohntürmen mit Streicheln zu tun haben, versteht niemand, und die Ziegen denken ohnehin nur an den Profit. Sie kommen dicht an den Zaun, weichen den streichelnden Händen aus und schnappen sich die Futtertüten. Aber wir sind eben gratis, wir sind ein Schlenker auf einem Spaziergang durch die Schrebergärten, niemand zahlt Eintritt für uns, nicht einmal wir selbst, und so können wir es uns erlauben, nicht viel zu bieten zu haben. Eingerahmt werden wir von Hagebutten, Heckenröschen und dem Kiesweg rings um den Zaun. Wir hören oft, dass wir eine Oase inmitten der Großstadt-Hektik darstellen, und es klingt, als müssten wir stolz darauf sein.

Ich denke, Stolz oder Scham sind etwas für Narren. Uns gibt es einfach, was vermutlich daran liegt, dass wir noch nicht gestorben sind. Manchmal überlege ich, wie das sein wird nach dem Tod. Ob es den Streichelzoo dann noch geben wird; ob die Ziegen ewig leben. Meistens warte ich aufs Heu. Tagsüber stehe ich im Unterstand, nachts laufe ich umher. Der Himmel ist blau-weiß oder grau. Mein Alter entspricht der Situation.

Im Großen und Ganzen habe ich es gut getroffen. Über den Zaun zwischen mir und den Ziegen bin ich froh; über den Zaun zwischen mir und den Besuchern sowieso. Hinterm Zaun kann ich an die anderen Esel denken. Ich kann mich fragen, was sie den ganzen Tag machen, außerhalb des Streichelzoos. Hört ihr mich? Hinterm Zaun kann ich für euch singen, auch wenn die Ziegen sagen, dass meine Schreie weiblich klingen. (Juli Zeh, Der Standard/Printausgabe 11./12.9.2010)

  • Juli Zeh, geb. 1974 in Bonn, ist Juristin und Erfolgsschriftstellerin. 
Zuletzt erschien der Roman Corpus Delicti. Ein Prozess (Schöffling, 
2009). Gemeinsam mit I. Trojanow veröffentlichte sie das Buch Angriff 
auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und Abbau der 
bürgerlichen Rechte (Hanser, 2009).
    foto: brandstätter-verlag

    Juli Zeh, geb. 1974 in Bonn, ist Juristin und Erfolgsschriftstellerin. Zuletzt erschien der Roman Corpus Delicti. Ein Prozess (Schöffling, 2009). Gemeinsam mit I. Trojanow veröffentlichte sie das Buch Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und Abbau der bürgerlichen Rechte (Hanser, 2009).

Share if you care.

    Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen ( siehe ausführliche Forenregeln ), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.