"Denen ist die Macht über den Kopf gewachsen"

  • Er ist für Studiengebühren (wie die ÖVP), für die Gesamtschule (wie die SPÖ) und verspürt die moralische Pflicht, immer den Mund aufzumachen: der Rektor der WU Wien, Christoph Badelt.
    foto: regine hendrich

    Er ist für Studiengebühren (wie die ÖVP), für die Gesamtschule (wie die SPÖ) und verspürt die moralische Pflicht, immer den Mund aufzumachen: der Rektor der WU Wien, Christoph Badelt.

WU-Rektor Badelt: Warum er die Dichte der Wirtschaftskriminalität auf die FPÖ zurückführt und was er an Mathematik mag

WU-Rektor Christoph Badelt führt die Dichte der Wirtschaftskriminalität auf die FPÖ zurück. Wo er Sünde und Verrat ortet (Unipolitik), und was er an Mathematik und Waldviertel mag, erfuhr Renate Graber.

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STANDARD: Ah, Sie sehen direkt aufs Bundeskriminalamt. Da wurde Grasser einvernommen.

Badelt: Da war ich noch auf Urlaub.

STANDARD: Sie unterrichten auch angehende Manager. Stichwort Buwog, Hypos, Immofinanz: Ist der Ethikunterricht schief gegangen?

Badelt: Das würde ich so nicht sagen. Bei uns ziehen sich diese Themen durch die gesamte Lehre und Forschungsarbeit. Man kann nicht ethische Fragen in einzelnen Lehrveranstaltungen parken, nach dem Motto: "Heute machen wir Ethik." Ich glaube ja, die Vielzahl an Missständen geht darauf zurück, dass in der Zeit der schwarz-blauen Koalition Leute zu schnell in Machtpositionen gewachsen sind, denen diese Macht über den Kopf gewachsen ist.

STANDARD: Oder zu Kopf gestiegen?

Badelt: Vielleicht beides. Entscheidend ist der Beweggrund, warum jemand in die Politik geht. Die FPÖ unter Jörg Haider ist so rasch gewachsen, dass sie viele in politische Positionen gebracht hat, die dafür nicht qualifiziert waren. Das ist bei lange gewachsenen Parteien anders. Egal, wie man zu ÖVP oder SPÖ steht: Dort gibt es immer einen bestimmten Prozentsatz an Leuten, die fachlich qualifiziert sind, bestimmte Werte vertreten. Aber egal, wie man Studenten ausbildet: Kriminalität kann man nie ausschließen, bei uns genauso wenig wie in den USA, nehmen Sie nur Madoff.

STANDARD: Sie waren im Vorstand der Medici Privatstiftung der Bank Medici. Die hat hauptsächlich Geschäfte mit Madoff gemacht.

Badelt: In der Stiftung ging es um Wissenschaftsförderung. Ich habe mich wahnsinnig geärgert und den Vorstand verlassen.

STANDARD: Wo ist eigentlich der Stern, der nach Ihnen benannt ist? Sie bekamen 1999 einen, wie alle "Wissenschafter des Jahres".

Badelt: Ich habe die Sternenkarte dazu bekommen, hängt gerahmt in meinem Arbeitszimmer. Als astronomischer Laie kann ich es Ihnen trotzdem nicht erklären.

STANDARD: In der Wüste ...

Badelt: ... sieht man den Sternenhimmel besonders gut, aber da bin ich nie. Ich bin dafür gern im Waldviertel, in der äußersten Ecke bei Gmünd. Dort kann man an schönen Abenden die Sterne herrlich sehen, das kann ich Ihnen sagen.

STANDARD: Entrische Gegend.

Badelt: Eine Gegend, die sehr, sehr spirituell ist ... Es ist die Luft, die man dort atmet.

STANDARD: Die Luft an den Unis ist dick. Sie sind für Zugangsregelungen und Studiengebühren, was Schule betrifft, liegen Sie mit der Forderung nach der Gesamtschule auf SPÖ-Linie. Sie hätten aber fast VP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn beerbt ...

Badelt: Ich mag diese Schubladen nicht, lasse mich nicht einordnen. Ich vertrete in der Sozialpolitik Auffassungen, die links der Mitte sind, irgendwo zwischen SPÖ und Grüne. In der Hochschulpolitik habe ich Meinungen, die sich mit den öffentlich geäußerten Meinungen von ÖVPlern decken und mit den privat geäußerten von vielen Sozialdemokraten, die ...

STANDARD: ... ihre Kinder in Privatschulen schicken und zum Studium ins Ausland?

Badelt: Genau. Und noch zum Minister: Ich wurde nie zu so einem Amt eingeladen, und das wundert mich auch nicht: Ich bin nicht verlässlich für eine Partei. Das ist eines der schönsten Privilegien eines Rektors oder Universitätsprofessors: Wir müssen, ja dürfen uns nicht einer Parteilinie unterordnen. Ich als Professor habe die moralische Pflicht, meine politischen Überzeugungen zu äußern. Ich muss den Mund aufmachen und gesellschaftspolitische Positionen erarbeiten, unabhängig, ob sie wem andren gerade passen oder nicht. Ich hab' das auch immer getan.

STANDARD: Als Wissenschafter haben Sie sich jahrzehntelang mit Sozialpolitik befasst und eindringlich vorm Auseinanderdriften der Gesellschaft gewarnt. Wie sehen Sie die Entwicklung in Österreich, Stichwort Migranten, Integration, Anwesenheitspflicht für Asylwerber?

Badelt: Die Desintegration der Gesellschaften ist eine der größten Bomben, auf denen die Welt sitzt. In Österreich ist der Umgang mit dem Thema Migration oder Integration für mich derzeit schwer aushaltbar, weil sich alle vor der Hetze der Rechtsparteien fürchten und versuchen, im Kleinen auf dem Feld mitzuspielen. Es ist klar, dass wir keine völlig liberale Einwanderungspolitik betreiben können, aber die Diskussion wird unehrlich geführt. Man muss die Asylfrage klar von der Migrationsfrage trennen, und selbstverständlich müssen wir politisch verfolgte Menschen aufnehmen. Und was die Migration betrifft, müssen wir diskutieren, wie viele und welche Menschen wir im Land haben wollen, und die dann integrieren.

STANDARD: Aber das tut Innenministerin Maria Fekter. Sie sagt ja, dass sie den "anatolischen Bergbauern" nicht haben will.

Badelt: Ich persönlich habe dabei die Assoziation mit dem kurdischen Flüchtling. Und insgesamt findet in Österreich rund um Ausländer eine permanente Klimavergiftung statt.

STANDARD: Wer vergiftet das Klima?

Badelt: Die rechtspopulistischen Bewegungen, aber auch die Regierungen der letzten zehn, 15 Jahre, die große Reformen grundsätzlich nicht angegangen sind. Sie haben ein Gleichgewicht des Nicht-Refomieren-Wollens erreicht und fürchten sich vor den populistischen Strömungen. Und sicher gibt es auch Missstände, die hat Jörg Haider aufgezeigt - allerdings in einem Geist, der katastrophal und destruktiv ist.

STANDARD: Sie haben sich wissenschaftlich auch früh mit NGOs beschäftigt. Liegt das in der Familie? Einer Ihrer zwei Brüder, Raimund, war ja Generalsekretär der Wiener Caritas ...

Badelt: ... aber davor hat er Welthandel studiert und war Manager bei IBM. Mein erstes Buch beschäftigte sich übrigens mit der Ökonomie von Selbsthilfegruppen - historisch gesehen interessant: ÖVP-Klub-Sekretär war damals nämlich Wolfgang Schüssel, und er hat jemanden gesucht, der sich mit der Bürgerselbsthilfe beschäftigt. Ich war damals am volkswirtschaftlichen Institut Assistent von Professor Werner Clement, an den sich Schüssel gewandt hatte, und habe das dann zu meinem ökonomischen Forschungsthema gemacht.

STANDARD: Zurück in die Gegenwart. Der Chef der Universitätenkonferenz hält die Lage der Unis für "dramatisch", die Wissenschaftsministerin droht wegen Unterfinanzierung mit der Schließung von Unis. Sie sagen, an der WU würden 80 Prozent der Anfänger "rausgeprüft und rausgeekelt", was "unmenschlich", aber unumgänglich sei. Warum spielen die Lehrenden, die Wissen vermitteln sollten, mit?

Badelt: Sie beschreiben unser Dilemma: Unser Job ist es, Menschen so zu fördern, dass sie ihre Bildungsziele erreichen. Aber man lässt uns unsere Aufgabe nicht tun. Ich habe mehr als ein Jahrzehnt alles versucht, um Einfluss zu nehmen, dass sich dieser Zustand ändert.

STANDARD: Sie sind gescheitert.

Badelt: Ich war nicht erfolgreich. Aber ich war nicht schuld daran. Und als Optimist habe ich den Kampf noch nicht aufgegeben.

STANDARD: 2009 haben die Studenten im Audimax protestiert, die Lehrenden könnten auch demonstrieren, wenn sie ihren Bildungsauftrag nicht erfüllen können.

Badelt: Lehrende sind gewohnt, sich verbal zu artikulieren. Sie gehen nicht so leicht auf die Straße. Und ich persönlich konnte mich mit den Studierenden im Audimax nicht solidarisieren. Wir waren zwar einer Meinung darin, dass die Gesellschaft mehr in Hochschulbildung investieren und die Studienbedingungen dramatisch verbessern muss - aber ich bin nicht dafür, dass jeder ewig und auf Staatskosten studieren darf. Und der Zugang zur Uni gehört klar geregelt, beschränkt ist er aus ökonomischen Gründen sowieso.

STANDARD: Sie waren in Wien-Währing im Gymnasium, spielten Querflöte im Schulorchester, maturierten 1969. Wo waren Sie 1968?

Badelt: Da habe ich die erste Schülerzeitung des RG 18 gegründet: Topical. Erschien drei Mal. Dann kritisierte ein Erst-Klassler den Direktor, und der begann mit Zensur. Das war das Ende der Zeitung - und mein 1968.

STANDARD: Sie haben die Abschaffung der Studiengebühren 2008 einen "sozialpolitischen Fehler" genannt ...

Badelt: ... ja, und wir wollen endlich wie jedes andere halbwegs zivilisierte Land klar sagen dürfen, wie viele Studenten wir betreuen können, hier an der WU wären es rund 2150. Wenn das klar ist, kann man entscheiden, wie viel das kostet und ob man das mit oder ohne Studiengebühren finanziert. Tuns wir's nicht, explodiert unser Hochschulsystem. Unsere Bildungspolitik hat seit Jahrzehnten eine Sünde aufgebaut: Man hat immer mehr Leute studieren lassen, die Budgets nicht ausgeweitet, nicht genug in Infrastruktur, Uni-Bauten, Ausrüstung investiert. Das ist Verrat an den Studierenden. Wir bräuchten halt eine Regierung, die sich über Reformen drüber traut. Aber ÖVP und SPÖ sind fast gleich stark, ihr Ziel besteht oft nur darin, einander zu schaden. Die Zeit für konstruktive Kompromissarbeit ist auch fast auf Null reduziert: Es wird ja ständig wo gewählt.

STANDARD: Was geschieht, wenn das System explodiert?

Badelt: Dann können wir die Nachteile nicht mehr einfangen. Die WU wird heute schon von Leuten frustriert verlassen, die sich fragen: Was ist das für ein Studium, in dem ich ein Jahr lang nur Multiple-Choice-Tests mache?

STANDARD: Mir tun immer die tausenden von jungen Leute ein wenig leid, die sich in Messehallen zur Medizin-Aufnahmsprüfung setzen müssen. Ist das wirklich richtige Auswahlsystem für angehende Mediziner?

Badelt: Es ist ein problematisches System, aber niemand weiß ein besseres. Der Test ist darauf angelegt, Leute auszusuchen, die durchs Studium gehen können, nicht darauf, Leute auszusuchen, die gute Ärzte werden.

STANDARD: Ist Österreich beim Thema Schule und Unis deswegen so gelähmt, weil die Themen ideologisch so stark besetzt sind?

Badelt: Ja, aber die ideologischen Unterschiede würden viel geringer, wenn man mehr Geld investierte. Am Beispiel gemeinsame Schule für Zehn- bis 14jährige: Die würde nur funktionieren, wenn intern hinreichend differenziert wird, und dafür braucht es mehr Personal, Räume, Geld. Gäbe es das, müssten die Konservativen nicht mehr fürchten, dass ihre begabten Kinder von anderen runtergezogen würden.

STANDARD: Sie selbst haben Ihre Kinder ja in die Waldorfschule geschickt.

Badelt: Ja. Würde ich auch wieder tun, Kinder sollen sich nach ihrem Tempo entwickeln können. Ich habe erlebt, wie Freunde meiner Kinder in der Regel-Volksschule zu Versagern gestempelt wurden, weil sie nach drei Monaten irgendein Ziel bei den Buchstaben nicht erreicht haben. Völlig verrückt. Meine Kinder hatten diesen Druck nicht, keine Schulangst und sind heute alle Akademiker.

Standard: Zwei haben hier an der WU studiert. Ist das nicht komisch, an der Uni vom Papa?

Badelt: Es war ihre Entscheidung. Aber noch zur Ideologie: Ich kenne viele eingefleischte ÖVPler, die genau wissen, dass es beim Grundschulwesen Änderungen braucht, und ich kenne viele eingefleischte Sozialdemokraten, die wissen, dass der Unizugang geregelt werden muss. Ein Rest meines Optimismus lebt daher noch. Vielleicht schafft die Regierung nach den Wahlen einen Kompromiss. Wir müssen zusätzliches Geld für die Unis frei schaufeln, und wir wissen schon lang, wo wir sparen können: im Gesundheitswesen etwa. Aber geändert wird nichts.

STANDARD: Das passt zu Ihrem Ansatz: "Nicht-Hinschauen und Sich-Nicht-Rühren ist typisch für Österreich."

Badelt: Ja.

STANDARD: Sie selbst hätten auch sehr gern Mathematik studiert. Was fasziniert Sie daran so?

Badelt: Diese Klarheit des Denkens. Ein Flötist der Wiener Philharmoniker, der Mathematik studiert hat, hat mir einmal erklärt, es sei ganz klar, dass er gerade bei diesem Orchester spielt: Da spiele man perfekte Musik, die sei ident mit Mathematik, ident mit Präzision. Dem ginge ich gern einmal auf den Grund. Ich würde ja überhaupt gern meine musikalische Ader mehr hervor treten lassen.

STANDARD: Die WU übersiedelt in einen Neubau im Prater, nun sagen manche Ihrer Kollegen, Sie hätten Ihre Schäfchen, was Studienplätze betrifft, schon im Trockenen ...

Badelt: Aber der Neubau hat mit Finanzierung und Zustrom an die WU nichts zu tun; ich erwarte 2010/2011 mehr als 7000 neue Studierende. Die neue WU bringt nur zehn Prozent mehr Platz, aber die Arbeitsbedingungen für die Studenten werden dort viel besser sein.

STANDARD: Sie sind ja 1982 schon einmal übersiedelt, von der "Welthandel" an die WU. Sie waren damals Assistent von Volkswirtschaftsprofessor Werner Clement und haben den Umzug organisiert, und ihm das schönste Institut raus geschlagen: ganz oben, ruhig und sehr hell.

Badelt: Und wo ist das gestanden?

STANDARD: Nirgendwo. Das hat man mir erzählt.

Badelt: Faktum ist, dass ich viel Administratives für das Clement-Institut erledigt habe, die Übersiedlung war eins davon.

STANDARD:  Im Prater könnten Sie dann auch Ihre sportliche Ader hervor treten lassen ...

Badelt: Das sagen Sie, weil in Wikipedia steht, dass ich laufe und Rad fahre.

STANDARD: Was nicht drin steht, ist, dass sich Ihre Weggefährten erinnern, dass Sie früher gar nicht sportlich waren.

Badelt: Ich war sogar ausgesprochen unsportlich. Heute walke ich und fahre sehr gern Rad.

STANDARD:  Ah, da können Sie mit Bawag-Chef Stephan Koren fahren, den kennen Sie lang, und er ist ein begeisterter Radler.

Badelt: Ihm käme ich nicht nach, er fährt Rennrad. Ich liebe es, mit meinem Trekking-Rad auf Forststraßen durch die Einsamkeit zu fahren. Da freu ich mich an der Natur, da schaue ich nach Herrenpilzen, oder ich denke nach.

STANDARD:  Passt zur letzten Frage: Worum geht's im Leben?

Badelt: Es geht um den Sinn. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12.9.2010)

CHRISTOPH BADELT (59) führt seit 2002 die Wiener Wirtschaftsuni mit ihren 27.000 Studenten. Er studierte Volkswirtschaft, habilitierte sich 1984, lehrte in Wisconsin und Deutschland, ab 1989 an der WU. Der Professor mit Leidenschaft für Querflöte, Radeln und Mathematik nahm sich als Chef der Rektorenkonferenz (bis Ende 2009) bei seiner Kritik an der Hochschulpolitik kein Blatt vor den Mund. Der Bruder des Ex-Caritas-Generalsekretärs Raimund B. hat im Bereich der Sozialpolitik und NGOs geforscht. Badelt ist verheiratet und hat drei Kinder.

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