Beim Beeren- und Pilzesammeln können Menschen mit den Eiern des Fuchsbandwurmes in Kontakt kommen - Das ist selten, hat aber schwere Folgen
Ziemlich vermiest werden kann einem der Genuss von Waldbeeren durch Warnungen wie diese: "Damit holst du dir einen Fuchsbandwurm - der frisst dich von innen auf!" Die entscheidende Frage: Kann so etwas passieren? Wer Eier vom Fuchsbandwurm aufnimmt, erkrankt tatsächlich an alveolärer Echinokokkose. Dabei entstehen in der Leber Bläschen, die sich vermehren und ausbreiten. "Das ist eine ernste Krankheit, aber Menschen infizieren sich zum Glück sehr selten", sagt Herbert Auer, Parasitologe an der Med-Uni Wien. "Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Bandwurmeier auf Waldbeeren befinden, ist zwar nicht null, aber gering. Zum einen sind nicht alle Füchse infiziert, zum anderen müssten sie ihren Kot direkt auf Beeren absetzen."
Der Fuchsbandwurm kommt in den gemäßigten Klimazonen in Mitteleuropa und Nordamerika vor. "In Österreich konnten wir in jedem Bundesland in Füchsen den Wurm nachweisen, im Westen wesentlich häufiger als im Osten", berichtet Auer. In den vergangenen 25 Jahren stellten Ärzte im Durchschnitt zwei bis drei Infektionen pro Jahr fest. "Vermutlich sind es aber doppelt so viele, nicht alle Fälle werden erfasst."
Fuchsbandwurm-Forscher beobachten seit einigen Jahren, dass immer mehr Füchse mit dem Wurm infiziert sind. "Vermutlich kann sich der Wurm besser ausbreiten", sagt Peter Deplazes, Leiter des Instituts für Parasitologie der Uni Zürich. "Seit Einführung der Tollwutimpfung Ende der 1980er-Jahre sterben immer weniger Füchse, und wir stellen fest, dass sich die Tiere zunehmend in den städtischen Raum ausdehnen." In Österreich sind im Osten zwischen fünf und 40 Prozent der Füchse infiziert.
Übertragungswege
Die Tiere scheiden mit dem Kot Wurmeier aus. Infizierten Fuchskot findet man häufig in Kompostanlagen, Obst- und Gemüsegärten oder auf Gehwegen. Menschen können sich anstecken, wenn sie mit Kot verschmutzte Erde, Gras oder Schuhe berühren, sich danach nicht richtig die Hände waschen und die Finger in den Mund gelangen. "Auch Hunde sind eine Gefahr", warnt Deplazes. "Sieben von 100 Hunden, die gerne Nagetiere fressen, sind infiziert." Die Hunde lecken sich am After, verteilen die Eier in ihrem Fell, und beim Streicheln gelangen sie auf die Hände.
Wissenschafter zeigten vor einigen Jahren, wer sich am ehesten infiziert: In drei von vier Fällen waren es Bauern. Ein höheres Risiko hatten außerdem Hundehalter, Waldarbeiter und Menschen, die nahe am Feld wohnten. Es erkrankten auch häufiger Personen, die ungewaschene wilde Erdbeeren gegessen hatten. "Theoretisch könnten die Eier über ungewaschenes Gemüse oder Obst übertragen werden, das in Bodennähe wächst. Das wurde aber nie richtig nachgewiesen", sagt Deplazes. "Das Risiko bei Walderdbeeren ist vermutlich nicht höher als bei ungewaschenem Salat oder Gemüse vom Markt. Außerdem sterben die Eier, wenn man die Speisen über 70 Grad Celsius erhitzt."
Steckt man sich an, gelangt die Larve aus dem Dünndarm in die Leber. Aus einem Bläschen stülpen sich viele weitere kleine Bläschen aus, die wie Krebs in das umliegende Gewebe einwachsen. Manchmal wird eine Larve mit dem Blutstrom verschleppt und vermehrt sich an anderen Stellen weiter, meist in Lunge oder Gehirn. "Oft merkt der Patient die Infektion aber erst nach Jahrzehnten", sagt Herbert Auer. "Das sind dann Beschwerden, die auch bei vielen anderen Krankheiten vorkommen können, etwa ein Druckgefühl oder Schmerzen im Oberbauch." Drücken die Bläschen auf Blutgefäße oder Gallenwege, kann es zu Gelbsucht, Magenentzündung oder Überfunktion der Milz mit Blutarmut und erhöhter Infektanfälligkeit kommen. "Fürchtet jemand, er habe eine Infektion mit dem Fuchsbandwurm, steckt aber in den meisten Fällen eine andere Krankheit dahinter", sagt Markus Büchler, Chirurg und Experte für Leberkrankheiten an der Uni Heidelberg.
Schwierige Diagnose
Bei jeglichen Beschwerden im Bauch führen Ärzte meist zuerst einen Ultraschall durch. Die Bläschen könne man ab etwa zwei Millimeter Größe erkennen. Vermutet der Arzt eine Echinokokkose, ordnet er Computer- oder Kernspintomografie an und lässt die Wurm-Abwehrstoffe im Blut bestimmen. "Sind die negativ, schließt das eine Infektion aber nicht aus." Parasitologe Auer empfiehlt Menschen mit einem erhöhten Risiko alle zwei bis drei Jahre ihre Abwehrstoffe messen zu lassen. "Sind die positiv, können wir die Infektion schon im frühen Stadium erkennen und behandeln."
Therapie heißt Operation. "In der Regel entfernen wir dabei die rechte oder linke Hälfte der Leber; nur die Bläschen herausschälen reicht nicht", erklärt Büchler. Bei den meisten haben sich die Bläschen bei der Diagnose aber schon so weit in der Leber ausgebreitet, dass der Chirurg sie nicht mehr komplett entfernen kann. "Dann muss der Patient lebenslang ein Wurm-Medikament einnehmen und regelmäßig kontrolliert werden." In ganz seltenen Fällen kommt eine Lebertransplantation infrage. "Leider können wir die meisten Patienten nicht heilen. Die Infektion kann immer wieder aufflammen - sogar in einer transplantierten Leber."
Besser ist, die Verbreitung des Wurmes einzudämmen. Peter Deplazes führt in Zürich seit Jahren Wurmkur-Aktionen durch. "Für Menschen gilt: Obst, Gemüse und Hände immer gründlich waschen", rät Auer, "und die Schuhe vor der Haustür ausziehen." (Felicitas Witte, DER STANDARD Printausgabe, 13.09.2010)