Fundi-Führer sagte antiislamisches Event ab, kündigte es wieder an und sagte es kurz darauf erneut ab - Tochter: "Ich glaube, er ist verrückt geworden"
Gainesville/Washington/Bagdad - Der radikale US-Pastor
Terry Jones hat am Freitag nach einem verwirrenden Hin und Her
bekräftigt, dass er nun zumindest am Samstag keine Koran-Bücher
verbrennen will. Die muslimische Welt mahnte zur Besonnenheit.
Dennoch kam es am Freitag und Samstag in Afghanistan zu Gewaltausbrüchen.
"Wir ziehen ganz ernsthaft, ernsthaft, ernsthaft nicht in
Erwägung, den Koran zu verbrennen", sagte Jones vor Journalisten in
Gainesville (Florida). Auf Nachfragen wollte er sich aber nicht
darauf festlegen, dass dies auf Dauer so bleibt.
Sektenchef will Imam treffen
Jones flog am Freitagabend (Ortszeit) nach New York, um den Imam des dort geplanten
Islamzentrums mit einer Moschee nahe des Ground Zero zu treffen, wie einer
seiner Vertrauten sagte. Am Donnerstag hatte er seinen Verzicht auf die
Koran-Verbrennung mit einer Zusage begründet, dass der Bau an anderer
Stelle erfolgt. Der für das Projekt zuständige Imam Feisal Abdul Rauf
in New York hatte die Aussagen des Pastors aber deutlich
zurückgewiesen. Jones will sich am Samstag mit dem Imam treffen.
Am Freitag stellte Jones dem Imam ein Ultimatum: Binnen zwei Stunden müsse
der Imam klären, ob er zu einem Treffen und zu Gesprächen über eine Verlegung
des Islamzentrums bereit sei, sagte Jones in Gainesville. Er ließ offen, ob er
ohne ein solches Treffen die zunächst abgesagte Koranverbrennung am Samstag doch
noch abhalten werde.
Allerdings verstrich das Ultimatum, ohne dass der Imam reagierte. Jones flog
dennoch nach New York. "Pastor Jones ist nicht mehr in Gainesville", sagte sein
Vertrauter K.A. Paul der Nachrichtenagentur AFP. "Er fliegt nach New York. Ich
selbst habe ihm das Ticket gekauft und ein Zimmer in New York gebucht." Ob es zu
dem Treffen mit dem Imam kommen würde, war aber weiterhin unklar.
Neue Gewalt bei Protesten in Afghanistan
Aus der muslimischen Welt, die am Freitag das Ende des
Fastenmonats Ramadan feierte, kamen Stimmen, die zur Besonnenheit
mahnten. Dennoch gab es Gewalt. Bei Protesten gegen die Pläne des
Pastors wurde am Freitag vor dem Bundeswehr-Feldlager im
nordostafghanischen Feisabad nach offiziellen Angaben ein Demonstrant
erschossen. Jones sagte, er sei dafür nicht verantwortlich. Die Uruhen setzten sich auch am Samstag fort. Hunderte Demonstranten versammelten sich in
der Provinz Logar südlich von Kabul und lieferten sich Straßenschlachten mit
der Polizei. In der Provinz Badachschan im Nordosten gingen den zweiten Tag in
Folge Tausende Menschen auf die Straße. "Bislang ist es friedlich", sagte der
Polizeichef der Provinz, Aka Nur Kentus. Ein Sprecher der Nato-Truppen sagte,
die Militärstützpunkte der Isaf-Schutztruppe seien diesmal nicht betroffen.
Aufruf zur Zurückhaltung
Im Irak rief der schiitische Ajatollah Ali al-Sistani dazu auf,
sich von dem Vorgehen des Pastors nicht provozieren zu lassen. "Wir
verurteilen diesen Angriff auf den heiligen Koran und betonen die
Wichtigkeit, dass diese Aktion nicht ausgeführt wird, aber wir rufen
die Muslime auf, höchste Zurückhaltung zu üben", sagte er in Bagdad.
In Singapur warnte der muslimische Führer Abu Bakar Maidin, es dürfe
angesichts der Provokation keine "Racheakte" geben. In London
protestierten Tausende Muslime beim Freitagsgebet in der Baitul-
Futuh-Moschee gegen "religiösen Extremismus" jedweder Art.
Pastor Jones, der eine Mini-Gemeinde mit nur 50 Mitgliedern
leitet, hatte die Welt mit einem Zickzackkurs genervt. Nach
einem persönlichen Telefonanruf von US-Verteidigungsminister Robert
Gates gab er am Donnerstag bekannt, dass er die Pläne für die
Koran-Verbrennung fallengelassen habe. Wenig später sagte er, er
wolle die Entscheidung überdenken. Die Verbrennung sei nur
ausgesetzt.
"Voraussetzungen geändert"
Das Hin und Her begründete der Pastor damit, dass sich die
Voraussetzungen für die Absage der Bücherverbrennung wieder geändert
hätten. Sie beruhte nach seinen Angaben auf einer Vereinbarung mit
der muslimischen Gemeinde in New York, dass der umstrittene Bau der
Moschee nicht in der Nähe vom Ground Zero verwirklicht werden solle,
wo am 11. September vor neun Jahren die Zwillingstürme des World
Trade Centers von islamistischen Terroristen zum Einsturz gebracht
worden waren.
Dieser von Jones proklamierte Kompromiss wurde jedoch
unmittelbar
nach der Verkündung von allen Seiten dementiert. Imam Feisal Abdul
Rauf sagte: "Wir werden nicht mit unserer noch mit irgendeiner
anderen Religion spielen. Noch werden wir einen Tauschhandel
treiben." Auch die Planer des muslimischen Kulturzentrums "Park51"
bezeichneten die Ankündigung als haltlos.
Jones bekräftigte dagegen am Freitag in einem Interview des
Senders ABC, dass es eine Zusage des Imam gebe. Er glaube daran, dass
dieser sein Wort halten werde.
Tochter: Jones braucht Hilfe
Die Tochter Jones' hält ihren Vater für "verrückt". Sie habe ihn in einer E-Mail
dazu aufgerufen, seine geplante Koran-Verbrennung aufzugeben, sagte
Emma Jones in einem Interview mit "Spiegel Online". "Ich habe
geschrieben: 'Papa, lass das sein!'" Geantwortet habe er nicht. Die
in Deutschland lebende Tochter äußerte sich "schockiert" über das
Vorhaben ihres Vaters. "Ich wünsche mir wirklich, dass er zur
Vernunft kommt. Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Ich
glaube, er ist verrückt geworden." Zwar sehe sie auch seinen
gutmütigen Kern: "Aber ich glaube, dass er Hilfe braucht."
Die geplante Verbrennung des heiligen Buches der Muslime hatte
die
US-Regierung zunehmend beunruhigt. Auch Präsident Barack Obama hatte
sich eingeschaltet. Er appellierte an Jones, auf den "zerstörerischen
Akt" zu verzichten. (red/APA/dpa)