"Lauter schreien": Pressefreiheits-Doku zu Kolumbien am Freitag auf Arte
Wien - Bis zur Morddrohung gehen die Einschüchterungsversuche: Nach drei Wochen muss Juan José Lozano 2008 die Arbeit an Zeugen unerwünscht abbrechen. Der Porträtierte, Hollman Morris, berichtet seit 15 Jahren über die Konflikte in seiner Heimat Kolumbien. In seiner Sendung Contravia (Gegenverkehr) deckte er Verbindungen des früheren Präsidenten Alvaro Uribe zu Drogengeschäften der Paramilitärs auf, berichtete von politischen Morde und die Not in den Dörfern. Ende 2008 musste Morris' Sendung ausgesetzt werden. Uribe wird ihn 2009 Komplizen des Terrors nennen, was Morris ein Forschungsstipendium in den USA kostet.
Der Konflikt trifft die Zivilbevölkerung. Internationale Kontrolle versagt: "Keiner kommt, um zu sehen, was hier passiert", sagt Morris. Der 41-Jährige lebt mit ständigen Morddrohungen, Frau und Kind brauchen Begleitschutz.
Kolumbiens TV ergeht sich in Wellnessprogrammen, in denen Uribe Komplimente an Angelina Jolie und die "sehr sehr schönen Kolumbianerinnen" verteilt. Im Juni löste der frühere Verteidigungsminister Juan Manuel Santos Uribe ab, ein rechtskonservativer Hardliner. Gewalt begleitete die Wahl, mindestens 17 Menschen starben.
In seiner Arbeit sieht sich Moris sabotiert: "Die Zensur des Geldes verbannt uns auf unmögliche Sendeplätze. Das Einzige, was uns bleibt, ist noch lauter zu schreien, damit man uns besser hört."
"Zeugen unerwünscht" zeigt vor allem ein Leben, in dem das Rechtssystem keinen Schutz bietet, sondern Angreifer ist. Der Journalist lebt das Leben derer, über die er berichtet, die ihr Vertrauen in den Staat verloren.
Morris wirkt frustriert und des-illusioniert: "Was kann ich ihnen bieten? Eine Reportage, die in ein, zwei Wochen wie üblich zu nachtschlafender Zeit ausgestrahlt wird. Wozu das Ganze?" Noch lässt sein Kampfgeist nicht nach: Medien müssen das Sprachrohr der Opfer sein, fordert er: "Journalismus darf nicht tatenlos zusehen, wie die Regierung den bewaffneten Konflikt Tag für Tag leugnet." (prie/DER STANDARD; Printausgabe, 10.9.2010)