Die Kosten für die Rundumerneuerung beziffern die ÖBB mit 208 Millionen Euro
St. Pölten - Viele, die durch eine der drei automatischen
Glasschiebetüren des Hauptportals den Bahnhof betreten, verlangsamen
ihre Schritte und recken das Kinn ein wenig nach oben. Ein Mann streckt
den Zeigefinger Richtung Fahrkartenschalter und murmelt seiner Frau zu:
"Schau, die san a scho übersiedelt."
St. Pölten hat jetzt eine Bahnhofshalle. Seit ein paar Tagen ist sie
in
Betrieb. Heute, Freitag, wird sie offiziell eröffnet. Auf ihren
unmittelbaren Vorgänger, einen dunklen, niederen Warteraum in einem an
das historische Gebäude angestückelten 60er-Jahre-Neubau traf das Wort
"Halle" nicht gerade zu: Vergleichbar eng war der Saal mit den winzigen
Kiosken und einer Handvoll Sitzplätze. Der Weg zu den Bahnsteigen führte
durch einen neonbeleuchteten, mit gelbstichigen Fliesen ausgekleideten
Schlauch.
"War wirklich schiach"
Rund 26.000 Fahrgäste täglich frequentieren den St. Pöltener
Hauptbahnhof, dessen Fassade nun in frischem Pastellgelb gestrichen
wurde. Unter den Pendlern ist auch Maria Zehetner aus Neulengbach. "Die
alte Halle war echt schon schiach", sagt sie, "jetzt gibt es alles, was
man braucht."
In der Halle befindet sich ein zweistöckiges Fastfoodrestaurant (das
noch auf Einrichtung wartet) und ein (viel Platz zum Anstellen
bietendes) ÖBB-Reisezentrum mit angeschlossenem Reisebüro. In die mit
weißen Glasplatten verkleidete Passage sind Lebensmittel- und
Zeitschriftenläden, Trafiken, eine Bankfiliale und ein Bistro
eingezogen. Außerdem gelangt man von dort mit dem Aufzug oder über die
Rolltreppe zu den Bahnsteigen - der Bahnhof ist also endlich
barrierrefrei.
Grund dafür, dass sich nicht seit eh und je im Herzen des
historischen
Bahnhofsgebäudes eine Wartehalle befand, ist: Genau dort, wo man es
jetzt per pedes betritt, befand sich eine Unterführung - zunächst für
Kutschen, dann für Straßenbahn und Autos.
1856 war der Spatenstich für den ersten Bahnhof an dieser Stelle
erfolgt. Am 2. November 1858 öffnete der erste Zug an einem Bahnsteig in
St. Pölten seine Türen, einen Monat später nahm der reguläre öffentliche
Bahnverkehr den Betrieb auf.
Doch nach und nach platzte der Bahnhof aus allen Nähten und sein
Standort am Ende der Kremser Straße, die heute eine Fußgängerzone ist,
sorgte für Unmut. Ende der 1880er-Jahre wurde das Gebäude, wie es heute
noch großteils besteht, errichtet. Mittendurch führte ein Tunnel zur
Verlängerung der Kremser Straße.
In den 60ern wurde die Durchfahrt erweitert und als Bahnhof ein an
das
historische Haus anschließender Neubau aus dem Boden gestampft. Für die
nunmehrige Neunutzung des alten Hauses musste eine Lösung für den
Straßenverkehr gefunden werden: Seit Ende 2007 rollt dieser durch die
Unterführung Schöpferstraße, westlich der alten Durchfahrt.
In dem historischen Bahnhof wurden Zwischendecken herausgerissen. Bis
in
die Kuppel blickt der Besucher aber nicht. Im Dach versteckt sich die
gesamte Be- und Entlüftung der Passage und der dort angesiedelten
Betriebe.
Mit 208 Millionen Euro beziffern die ÖBB die Kosten für den Umbau, im
Zuge dessen auch die Bahnsteige und die Gleisanlagen erneuert wurden.
Außerdem wurden Fahrradabstellplätze und ein Teil des Vorplatzes
überdacht. Der Umbau ist Teil der "Bahnhofsoffensive", die auch bereits
in Graz, Innsbruck, Wels, Klagenfurt und Wien für Erneuerung sorgte.
Einem stolzen St. Pöltener gefällt's: "Ich habe mich gleich
zurechtgefunden", sagt dieser. Der alte Bahnhof habe stellenweise "den
Eindruck von der Stadt sehr nach unten gedrückt". Der 60er-Jahre-Bau
wird noch bis 2011 umgebaut. Das "Johann Strauss"-Café, in das man bis
zum Umbau über Bahnsteig 1 gelangte, und ein Friseur ziehen dann noch
dort ein. Der Fahrgasttunnel, der bis vor kurzem noch das Erste war, was
aus dem Zug Gestiegene von St. Pölten zu sehen bekamen, wird zum Lager-
und Müllraum. (Gudrun Springer/DER STANDARD, Printausgabe, 10. September 2010)