US-Außenministerin Clinton sieht angesichts der blutigen Gewalttaten in Mexiko die Gefahr, dass Drogenkartelle die Kontrolle im Staat übernehmen könnten
Mexiko-Stadt/Washington - Kaum ein Tag vergeht ohne eine Nachricht von neuen Bluttaten in Mexiko. Am Mittwoch wurde in El Naranjo ein Bürgermeister ermordet - die dritte Gewalttat dieser Art an einem Ortschef in einem Zeitraum von weniger als einem Monat. Wie die Regierung des Teilstaates San Luis Potosí mitteilte, drangen Unbekannte am helllichten Tag in den Amtssitz des Stadtoberhauptes ein. Ohne ein Wort zu sagen, hätten sie im Beisein anderer Besucher Bürgermeister Alexander Lopez erschossen. Der 35-jährige Politiker gehörte der oppositionellen Partei der Institutionellen Revolution (PRI) an. Die Täter entkamen.
"Kolumbien vor 20 Jahren"
US-Außenministerin Hillary Clinton hat sich besorgt darüber gezeigt, dass Mexikos Regierung im Krieg gegen die Drogenkartelle die Kontrolle über Teile des Landes verlieren könnte. "Diese Drogenkartelle zeigen immer mehr Anzeichen eines Aufstandes", sagte Clinton am Mittwoch in Washington. "Es sieht immer mehr nach Kolumbien vor 20 Jahren aus, als Drogenhändler bestimmte Teile des Landes kontrollierten."
Mexiko brauche im Kampf gegen die Drogenkartelle mehr "institutionelle Kapazitäten, gepaart mit dem politischen Willen, dies an der Ausbreitung zu hindern."
Die mexikanische Regierung wies die Äußerungen Clintons umgehend zurück. "Wir teilen diese Ansicht nicht", sagte der Sprecher für nationale Sicherheit, Alejandro Poire, vor Journalisten in Mexiko-Stadt. In Kolumbien seien einst mehr als 40 Prozent des Staatsgebietes durch Aufständische kontrolliert worden. Das sei mit Mexiko nicht zu vergleichen.
In Mexiko tobt ein brutaler Kampf zwischen rivalisierenden Drogenbanden, die sich die lukrativen Schmuggelrouten in die USA streitig machen. Präsident Felipe Calderón hatte nach seinem Amtsantritt 2006 eine Großoffensive gegen die Drogenbanden gestartet.
Inzwischen sind 50.000 Soldaten abgestellt, um die Polizei beim Vorgehen gegen die Banden zu unterstützen. Laut mexikanischer Regierung hat der Drogenkrieg seit Dezember 2006 bereits mehr als 28.000 Menschen das Leben gekostet. Besonderes Aufsehen erregte ein Fall Ende August, als in San Fernando im Bundesstaat Tamaulipas 72 Leichen von Migranten gefunden wurden. Kurz später entdeckte man auch die Leichen zweier Ermittler und dreier mutmaßlicher Täter in dem Fall.
Mitglieder der Drogenbande "Los Zetas" hatten die aus Mittel- und Südamerika stammenden Migranten entführt, die in die USA wollten. Als diese sich weigerten, sich von der kriminellen Organisation anwerben zu lassen, wurden sie getötet. (dpa, red/DER STANDARD, Printausgabe, 10. September 2010)