Akademietheater

Der willkürliche Wahnsinn der Götter

Isabella Pohl, 09. September 2010 17:54
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    Foto: apa/barbara gindl

    Sunniy Melles bei der Fotoprobe von Jean Racines "Phädra" noch in Salzburg.

Matthias Hartmanns Salzburger "Phädra" ist im Akademietheater angelangt

Wien - Eine Frau wirft sich liebestoll einem Jüngeren an den Hals, wird von ihm abgewiesen und verleumdet ihn daraufhin: Eine hagere Migränepatientin (Sunnyi Melles), deren zerbrechlich wirkende Knochen aus einem grausam schmerzverzerrten Körper gepresst werden, hat sich also aus unerfindlichen Gründen in einen offenbar wesentlich jüngeren, ungelenken Vorzugsschüler (Philipp Hauß als Hippolytos) verliebt.

Dieser ist dummerweise der Sohn aus erster Ehe ihres auf unbestimmte Zeit verreisten Mannes (Theseus), und von diesem ausgerechnet zu Phädras Bewachung abbestellt.

In Matthias Hartmanns von den Salzburger Festspielen auf die Bühne des Wiener Akademietheaters transferierter Phädra-Inszenierung hat sich Jean Racines klassische Bearbeitung der durch Götterhand verordneten Liebesleiden in einer simplen Boulevard-Geschichte verloren.

Dass Phädras tolle Liebe einem Racheakt der verratenen Liebesgöttin entspringt, bleibt auf der Akademietheaterbühne, die von Johannes Schütz in schlicht-funktionaler Schwarz-weiß-Optik gehalten ist, ein kaum beachtetes Detail am Rande. Wie sollten sich auch die Götter in die Strandvilla dieser entrückt leidenden Königsgattin verirren.

Dass sich der bebrillte Jüngling in seine Kusine Arikia (Sylvie Rohrer) verliebt hat, die ebenfalls auf der Halbinsel Argolis darbt, aber einem verfeindeten Familienzweig angehört, bleibt ein weiterer Willkürakt im infamen Spiel der abwesenden Götter, bringt aber immerhin ein bisschen Politik aufs Tapet.

Es geht die Fama, dass es im fernen Athen einen Thron zu besetzen gäbe. Für Phädra wird die Vereinigung mit Hippolytos somit zum zweifach forcierten Ziel. Eine umtriebige Amme (Therese Affolter im darstellerischen Alleingang) stachelt die Begierden ihrer gefährlich unausgeglichenen Herrin mit listigen Ratschlägen an.

Phädra widerfährt hier mit Sunnyi Melles eine kolossale Fehlbesetzung. Ihr triebhaftes Wüten wird als notgeiler Wahnsinn einer alternden Frau ausgestellt. Das ist nicht einmal mehr komisch. Für wenige Momente der Wahrhaftigkeit sorgt Sylvie Rohrer, die in dieser Inszenierung als Trugbild aus einer besseren Welt erscheint.

Wie auf Tranquillizern schwebt Paulus Manker als totgeglaubter Theseus auf die Bühne, küsst milde Frau und Sohn und scheint geneigt, alles zu verzeihen. Wozu also die ganze Aufregung? Diese Phädra ist ein anpassungsfähiges Mythos-light-Programm. Mit Protagonisten, die ihre Solonummern spielen, ohne links noch rechts zu schauen. Tut auch nicht weh. (Isabella Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 10. September 2010)

Coppelius
24.03.2011 14:18

meine persönliche theaterkritik dieses nicht allzu prickelnden theaterabends

http://rhizomorphskultur.wordpress.com/2011/03/2... te-hybris/

providentissimus
09.09.2010 18:37

Weiß Gott, viele dieser ehemals gefürchteten und (viell. aus Opportunismus) verehrten Götter haben gegenwärtig vermutlich keine andere Zufluchtsstätte mehr als die Theaterbühne, ein Museum oder die www.atheistische-religionsgesellschaft.at - wobei alle drei nicht wirklich zum Comeback beitragen (wollen). O ihr armen Götter! Ob ihr wahnsinnig seid mögen andere beurteilen ...

Christoph Karl Steininger
10.09.2010 02:11
Diese Götter sind in Pension.

Der einzige von ihnen der noch aktiv ist, ist Hermes. Immerhin ist sein Logo auf jedem Fleurop Wagen.

providentissimus
10.09.2010 04:33

Allerhand, der Gott der Kaufleute und Diebe ist bei Fleurop aktiv? Auf welcher Seite? :)

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