Eingerichtete Schutzzonen im 15. Bezirk sollen Sexarbeiterinnen fernhalten - die Polizei kontrolliert das bei nächtlichen Schwerpunktaktionen
Polizisten und Streifenwagen soweit das Auge reicht. Vor der Polizeidienststelle Tannengasse im 15. Wiener Gemeindebezirk befindet sich ein Großaufgebot an uniformierten Sicherheitsbeamten. Der Grund: eine Schwerpunktaktion am Straßenstrich. Die "Damen der Nacht" sollen kontrolliert werden.
Bei der Einsatzbesprechung um 20:00 Uhr teilt Bezirksinspektor Josef Bauer die anwesenden Kräfte aus allen Wiener Bezirken den entsprechenden Zuständigkeiten zu. Ein Teil der Polizisten soll vor allem auf potentielle Freier achten, die durch langsames Fahren auffallen und den Verkehr behindern. "Manchmal ist in der Nacht dann ein größerer Stau, als zu den sonstigen Stoßzeiten", sagt Bauer. Ein anderer Teil der Einsatzkräfte patrouilliert zu Fuß oder im Streifenwagen auf dem gesamten Straßenstrich und kontrolliert die Kontrollkarten der Prostituierten und ob die Schutzzonen freigehalten werden.
Schutzzonen haben 150 Meter Radius
Schutzzonen befinden sich mittlerweile über den ganzen Bezirk verteilt, wenn es laut Bauer "auch schon mehr waren". Sie umfassen einen 150 Meter Radius um ein so genanntes "schützenswertes Objekt". Dazu zählen vor allem Schulen, Kindergärten, Spielplätze oder religiöse Einrichtungen. Auf der Mariahilfer Straße gelte laut Bauer besondere Aufmerksamkeit: "Die Prostituierten dürfen sich dort nicht direkt auf der Straße aufhalten, sondern müssen 15 Meter in eine Seitengasse hinein stehen." Soweit so gut. Um 21:00 Uhr ist die Tannengasse wie leergefegt: der Einsatz hat begonnen.
Nach nur fünf Minuten: die erste Kontrolle
Bezirksinspektor Bauer und Inspektor Thomas Tisch steigen in den Funkwagen, sie sollen in der heutigen Nacht als Verstärkung dienen und vor allem Anzeigen nach dem Prostitutionsgesetz ausstellen. Gerade einmal fünf Minuten ist die Schwerpunktaktion alt, als die beiden Polizisten die erste Dame anhalten. "Wir kontrollieren sie jetzt, weil sie wiederholt auf der Straße nach potentiellen Freiern gewunken hat und so den Verkehr behindert", erklärt Bauer als er das Fenster hinunterlässt und die Kontrollkarte der Prostituierten untersucht.
Überprüfung der Kontrollkarten
Auf der grünen Faltkarte finden sich die Personalien jeder Sexarbeiterin, inklusive Name, Meldeadresse, Geburtsdatum und Staatsangehörigkeit. Auf der Innenseite sind mehrere Felder frei. Dort werden die verpflichtenden Gesundheitsuntersuchungen beim Magistrat 15 eingetragen - diese sind wöchentlich fällig. Sollte eine Dame den Termin vergessen oder gar ignoriert haben, wird die Kontrollkarte eingezogen und eine Anzeige ausgestellt. Sobald die Untersuchung nachgeholt wird, kann die Karte dann im Magistrat wieder abgeholt werden.
Das größte Problem bei den Kontrollen seien die oft bestehenden Sprachbarrieren. Viele der Prostituierten würden entweder nur gebrochen oder gar nicht Deutsch sprechen und einen Dolmetscher im Funkwagen mitzuführen, wäre unleistbar. Trotzdem schaffen es die Beamten immer wieder mit Händen und Füßen den Damen die Situation und den Grund für die Kontrolle klar zu machen.
200 Damen zu Spitzenzeiten
Das größte Aufkommen am Straßenstrich im 15. Bezirk gibt es zwischen 21:30 und 22:30 Uhr. Dann sammeln sich etwas mehr als fünfzig Prostituierte in den Gassen und warten auf Freier. Das sei laut Statistik aber ein geringer Wert, so Bauer: "Noch vor ein paar Jahren hatten wir alleine auf der Felberstraße und Johnstraße um die 200 Damen." Der Altersschnitt liege bei zirka 30 Jahren, aber es gebe auch Ausreißer nach oben: "Eine Zeitlang hatten wir bei uns im Bezirk eine Prostituierte, die mit 68 Jahren noch jede Nacht auf der Straße stand."
Aktionen zeigen Wirkung
Durch die Schwerpunktaktionen, die etwa drei- bis viermal in der Woche stattfinden und die Schutzzonen, hätte sich die Zahl der Sexarbeiterinnen merklich verringert. "Und seit die Damen nur noch von 20:00 bis 04:00 Uhr an den Straßen stehen dürfen, kommt es auch nicht mehr vor, dass Freier am helllichten Tag Mädchen vor Schulen ansprechen", erzählt Bauer.
Watschen in Zivil
Doch nicht nur in der Nacht versuchen die Polizisten die Prostitution in den Griff zu bekommen. Täglich patrouillieren Zivilbeamte auf der Suche nach illegalen Sexarbeiterinnen an bekannten Plätzen. „Dabei ist es aber auch schon einmal vorgekommen, dass man eine Zivilistin für eine Prostituierte gehalten und eine Watschen kassiert hat", so ein Beamter.
Nächster Halt: Mariahilfer Straße
Wieder zurück bei der Streife, biegen Inspektor Tisch und Bezirksinspektor Bauer gerade in die Mariahilfer Straße ein. In jeder Seitengasse sieht man, dass die Sexarbeiterinnen sich an die 15 Meter Regelung zu halten scheinen. Nur an einer Ecke bieten zwei Damen ihre Dienste an. Der Streifenwagen hält, die Damen klatschen und grinsen. Offensichtlich ist ihnen ihr Vergehen bewusst. Die Strafe können die beiden nicht bezahlen, eine Anzeige wird ausgestellt und eine Ermahnung ausgesprochen. Dann werden die Beamten in ihrer Routenplanung gestört: ein Funkspruch.
Schutzzonenverletzung beim Wieningerplatz
Eine Prostituierte hat sich in der Nähe des Wieningerplatzes nicht an die dortige Schutzzone gehalten. Eine Anzeige nach dem Prostitutionsgesetz muss her: dabei liegt die Zuständigkeit bei den Bezirkskräften. Neben der Überprüfung der Kontrollkarte, werden die Daten der Sexarbeiterinnen auch mit einer Liste abgeglichen. Darauf finden sich die Namen jener, die bereits eine Anzeige ausgestellt bekommen, ihre Strafe aber noch nicht beglichen haben.
Daten müssen abgeglichen werden
Auch diesmal, wie die ganze Nacht schon, fällt die Abgleichung negativ aus. Die Dame muss sich aus der Schutzzone entfernen und bekommt die Anzeige in ihre Kontrollkarte gesteckt. "Ich hoffe, dass sie sich jetzt an die Regeln hält", sagt Tisch und reagiert schon auf den nächsten Funkspruch.
Verdächtiger Kofferrauminhalt
Eine Einsatzgruppe hat einen jungen Mann gestellt, der mehrmals an Prostituierten in der Felberstraße vorbeigefahren ist und Augenkontakt hielt: ein Indiz dafür, dass es sich um einen ihrer Versorger handeln könnte. Als er die Beamten sah, bog er in ein Wettbüro ein. Bei seinem Auto wurde er dann angehalten. Im Kofferraum finden die Polizisten Damenunterwäsche, Sexspielzeug und einen Pistolenholster.
Illegaler Waffenbesitz
Der Verdächtige wird an die Wand gestellt und durchsucht - eine Waffe findet sich im hinteren Hosebund, zwar nur eine Schreckschusspistole, aber die Austrittssicherung wurde herausgebrochen. "Dadurch kann man mit der Waffe jetzt auch scharfe Munition verschießen und damit ist die Waffe ohne Schein illegal", sagt Bauer und lässt den Beschuldigten abführen. Beim Verhör auf der Dienststelle wird der Beschuldigte dann angeben, die Waffe zum Selbstschutz zu tragen. Eine Verbindung zu den Prostituierten kann ihm nicht nachgewiesen werden, die Waffe wird ihm aber abgenommen.
Ruhiger Platz: Frachtbahnhof
Wieder auf der Straße setzt Inspektor Tisch die Patrouille fort und biegt auf das Privatgelände des Frachtbahnhofs ein. Zwar kennzeichnet ein Schild, dass das Betreten verboten ist, doch weiß Tisch, dass hier gerne Freier parken und "Spaß haben". Mit dem Suchscheinwerfer leuchtet er in die parkenden Autos, als ein silberner BMW scharf vor dem Polizeiwagen umdreht. Tisch fährt ihm bis auf die Straße nach, dann ist aber Schluss: "Der hat sicher eine Dame mitgehabt und wollte sein Schäferstündchen hier verbringen."
"Ruhige Nacht"
Gegen ein Uhr in der Früh beginnen sich die Straßen zu leeren und auf der Felberstraße befinden sich mittlerweile mehr Polizisten als Prostituierte. Eine halbe Stunde später ist der Einsatz beendet. "Alles in allem war es eine ruhige Nacht", zieht Bezirksinspektor Bauer sein persönliches Resümee und Inspektor Tisch setzt nach: "Aber das Problem ist halt, dass sie ganz genau wissen, dass unser Einsatz jetzt aus ist und nun wieder weniger aufpassen." (Bianca Blei, derStandard.at, 9. 9. 2010)