EuGH-Urteil

Glücksspiel muss in Österreich neu organisiert werden

Andreas Schnauder, 9. September 2010, 17:22
  • Artikelbild
    foto: apa

    Gegen die österreichische Regelung hatte ein deutscher Staatsbürger geklagt, der zwei Spielbanken in Österreich betrieben hatte, ohne sich vorher bei den heimischen Behörden um eine Konzession beworben zu haben.

  • Artikelbild
    grafik: apa
  • Artikelbild
    vergrößern 500x278
    grafik: apa

EuGH kippt Monopol der Casinos Austria - Änderung des neuen Gesetzes notwendig

So schön war doch die alte Welt. Die von Raiffeisen, Kirche und anderen einflussreichen Gruppierungen dominierte Casinos Austria AG erhält die Lizenzen freihändig zugeteilt und kümmert sich nebst Sportförderung um die ebenso reibungslose wie lukrative Befriedigung der Spiellust. Doch das System funktionierte schon lange nicht mehr, weil Online-Anbieter einen Strich durch die Rechnung machten. Und nun hat auch der Europäische Gerichtshof mit der österreichischen Tradition gebrochen.

Intransparent, diskriminierend und somit gemeinschaftsrechtswidrig, befanden die Luxemburger Richter. Doch was heißt das für das System? Einiges: zum Beispiel, dass jeder, der in Österreich eine (vermeintlich) illegale Spielbank eröffnet, sich auf Europarecht berufen kann, wie Rechtsanwalt Thomas Talos von der klagenden Partei erläutert. Das gilt zwar nur, bis die derzeit zwölf und künftig 15 Kasinolizenzen europarechtskonform vergeben sind, aber: "In der Zwischenzeit könnte es schwierig werden, Sanktionen gegen Kasinobetreiber zu verhängen, die keine Konzession haben", bestätigt ein Jurist aus dem Bundeskanzleramt.

Das sieht das Finanzministerium anders: "Wir werden weiter gegen jeden vorgehen, der ein Kasino ohne Konzession betreibt", kontert VP-Staatssekretär Reinhold Lopatka. Er spricht von einer "irrigen Rechtsauffassung", den EuGH-Spruch als Freibrief für die Eröffnungen neuer Spielhöllen zu betrachten.

Gesetzesänderung kommt

Eingestehen muss Lopatka freilich, dass die Höchstrichter auch das neue österreichische Glücksspielgesetz in einem Teilbereich alt aussehen lassen. Dort ist zwar eine transparente EU-weite Ausschreibung vorgesehen, allerdings wird den Bietern auferlegt, über einen Sitz in Österreich mit einem Grundkapital von 22 Millionen Euro zu verfügen. Da der EuGH derartige Anforderungen für nicht mit dem EU-Recht vereinbar hält, muss diese Anforderung aus dem Gesetz gestrichen werden, bestätigt Lopatka. In der Praxis könnte das große Auswirkungen haben, wird doch in der Branche gemunkelt, dass die Casinos Austria ihre zwölf Lizenzen behalten und Novomatic zwei bis drei Standorte erhalten soll.

Diese gut zu den politischen Verbindungen passende Version würde durch die Streichung des österreichischen Sitzerfordernisses maßgeblich erschwert. Zudem würde der Wegfall der geforderten Kapitalausstattung das Interesse ausländischer Bieter erhöhen und die Vergabe der Konzessionen an die genannten Platzhirsche erschweren. Eine transparente Ausschreibung der Lizenzen ist - wenngleich nicht direkt im Urteil behandelt - für das elektronische Glücksspiel und die Lotterien erforderlich. Beide Geschäftsfelder werden von den Casinos Austria betrieben. Lopatka will das Urteil noch genau studieren und Anfang 2011 mit der Ausschreibung der Konzessionen beginnen. Eine Vergabe stellt er für Ende kommenden Jahres in Aussicht. Andere Experten sind angesichts des drohenden Chaos der Ansicht, dass der Prozess massiv beschleunigt werden sollte.

Einklang mit EU-Recht

Weitere Auswirkung des EuGH-Spruchs: Das Monopol an sich steht im Einklang mit EU-Recht. Und auch die Beschränkung der Lizenzen auf zwölf (künftig 15) stellt im Sinne der Spielbeschränkung kein Problem dar. Dass die Konzessionsdauer mit 15 Jahren recht lange währt, toleriert der EuGH mit Hinweis darauf, dass sich die Investitionen in das Kasino amortisieren.

Anlassfall der Entscheidung ist eine 2000-Euro-Strafe gegen den deutschen Staatsbürger Ernst Engelmann, der zwischen 2004 und 2006 in Linz und Schärding zwei nicht angemeldete Spielkasinos betrieb. Er wurde im März 2007 vom Bezirksgericht Linz wegen illegalen Glücksspiels verurteilt. Er ging in Berufung, das Landesgericht legte die europarechtlich relevanten Fragen dem EuGH vor. Die Linzer Richter müssen nun auf Basis des Luxemburger Urteils eine Entscheidung treffen. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.9.2010)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 319
1 2 3 4 5 6 7
Dreistein
 
11
10.9.2010, 14:22
Gemeinschafts(un)recht

Glücksspiel ist so eine halbseidene Sache. Daher neige ich zu der Meinung, dass es sicherlich besser und vor allem seriöser ist, wenn der Staat direkte Einflußnahme auf das Unternehmen hat, wie das nun schon seit Jahrzehnten bei den Casions Austria der Fall ist.

Offenbar ist das dem EuGH egal wer hinter den Casinos als Betreiber steht und seien es Mafiapaten, wie das in Las Vegas vor allem in den 70 und 80 Jahren der Fall gewesen ist - Hauptsache ist doch es entspricht dem Gemeinschafts(un)recht.

erwin meier
01
10.9.2010, 14:50

der staat vergibt nur die lizenz, bisher und in zukunft. haben sie das nicht verstanden?

will-alles.at
00
10.9.2010, 10:53

Da wirds einen Karli geben, der bald wieder eine neue Anstellung sucht, weil die jetzige nach Arbeit ausschaut... ^^

bildungsoffensive
02
10.9.2010, 10:17
und wieder tauchen alle "paten" der österreichischen mafia in einem atemzug auf. Aktionärsstruktur Casinos austria ag (nicht börsennotiert):

* 33,6 % - Medial Beteiligungs GmbH (Leipnik-Lundenburger, Raiffeisen Österr., Donau Versicherung, UNIQA)
* 33,2 % - Münze Österreich.
* 16,0 % MTB Privatstiftung
* 5,3 % Bankhaus Schellhammer & Schattera (großteils in katholischem kirchenbesitz)
* 5,0 % Privatstiftung Josef Melchart (ehemaliger chef von schellhammer & schattera)
* 1,9 % Dkfm. Dr. Leo Wallner
* 5,0 % Streubesitz

subbeteiligungen:
* Österr. Lotterien GmbH (26 Prozent Lotto-Toto Holding, Eigentümer: Bank Austria, Erste Bank, Volks- und Hypo Banken, 6% ORF!
* Österr. Sportwetten GmbH (5 Tageszeitungen und mediaprint)

http://www.wienerzeitung.at/DesktopDe... cob=378215

kein wunder, dass lowpatka zetert und mordiot.

Neunkirchen
00
10.9.2010, 09:53
Hätte man auf die Grünen gehört ....

wäre das wiedemal nicht passiert.

1000 Kopfläuse können nicht irren
12
10.9.2010, 09:29
Glücksspiel = das Leid Vieler in Kauf nehmen = Profit um jeden Preis

Ingrid Goeschl1
00
10.9.2010, 12:23

Ich ergänze:

Das Leid vieler um jeden Preis, und die Folgeschäden bezahlen wir alle.

Doris Glied
13
10.9.2010, 08:44
"Glücksspiel muss in Österreich neu organisiert werden."

Es bleibt, was es ist: ein organisiertes Verbrechen.

Ingrid Goeschl1
01
10.9.2010, 08:42
Mir fällt es schwer mich zu entscheiden, wer mir unsympathischer ist -

Casino Austria, Novomatic, Internet-Glücksspiele oder die Hütchenspieler auf der Mariahilferstraße.

Abzocker sind sie jedenfalls alle.

The Alien
 
12
10.9.2010, 07:31
Monopole und Privilegien sind die Säulen unserer Diktatur!

Monopole und Privilegien sind die Säulen, einer Gesellschaft, bestehend aus einer herrschenden Elite (5% der Bevölkerung, die 95% aller Ressourcen kontrollieren) und tumber Nutzmenschen (95%, die mit 5% der Ressourcen abgespeist werden).

Die kann man doch nicht so einfach abschaffen!

Dass die ganzen "Nationalstaaten" nur ein Verwaltungsmonopol für eine spezifische Bürokratie darstellen, fällt heute ja auch niemandem mehr negativ auf.

Oder wo gibt es einen freien Wettbewerb der Anbieter staatlicher Services, wo man sich als Bürger, unabhängig vom Wohnort, den passenden Staats-Provider aussuchen kann? Eben!

Das Glücksspielmonopol ist da ja noch eher harmlos, im Vergleich.

1000 Kopfläuse können nicht irren
00
10.9.2010, 09:32
Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich.

Diese Staatsgebilde-Monopole wie Sie es schildern, lassen immerhin einen gewissen Reichtum zu, z.B. können sich die Menschen ein Haus hinstellen - nicht schlecht. Die Glücksspielbetreiber nehmen dann diesen Menschen ihr Haus wieder ab...

The Alien
 
21
10.9.2010, 09:39

Bitte erklären Sie mir den Zusammenhang: wozu benötige ich einen staatlichen Territorial-Monopolisten, um z.B. ein Haus zu errichten?

An sich benötigt man dazu ausschliesslich die Ressourcen:
- Land
- Baumaterialien
- Arbeitskraft
- ggf. lokale Infrastrukturen (für Strom, Wasser, Kanal, falls man diese nicht über Windgeneratoren, Quelle, Bio-Kleinkläranlage selbst herstellt)

Einen Staat, der nur durch Anschlussgebühren, Baubewilligungen, Benutzungsbewilligungen, etc. ohne sinnvolle Gegenleistung das Projekt verteuert, benötigt man i.m.h.o. nicht.

1000 Kopfläuse können nicht irren
00
10.9.2010, 21:09
Sie können ja gerne eine Gemeinschaft bilden ohne diesen ganzen Krimskrams.

Berichten Sie dann, ob es funktioniert!

The Alien
 
10
17.9.2010, 08:35

Gemeinschaft ohne diesen Krims-Krams: in Arbeit.

Leider wissen die Territorial-Monopolisten solche Aktivitäten gut zu unterdrücken, da diese eine echte, sinnvolle Alternative zu ihnen darstellen würden.

Es ist daher leider nicht so einfach - aber probiert wird es trotzdem!

Lord Chaos
11
10.9.2010, 14:54

Den 'Territorial Monopolisten' benötigen Sie wenn:

- Jemand anderer kommt, ihnen eine auf den Deckel gibt und sich das Häuschen einfach nimmt.
- Sie Strom, Gas, Wasser usw im Haus möchten.
- Ein Notfall im Haus auftritt und sie eine Retuung benötigen.
Usw, usw, usw

Zuerst denken, dann posten!

The Alien
 
10
10.9.2010, 16:22

Gratuliere: Sie argumentieren wie ein perfekt indoktrinierter, obrigkeitshöriger Nutzmensch! Sie sind in der Gesellschaft somit perfekt angepasst! Braves Wahl- und Konsumvieh!

Alle von Ihnen genannten Services lassen sich genausogut durch lokale Infrastruktur-Provider (z.B. Communities / Kommunen / Gemeinden) oder überregionale Anbieter in einem freien Markt abdecken oder überhaupt autark implementieren.

Ich persönlich fürchte mich vor meinen Mitmenschen viel weniger, als vor einer diktatorischen Pseudodemokratie mit Gewaltenmonopol.

Aber wenn Sie sich ohne Big Brother und Administration und Verwaltung die Sie beherrscht fürchten, sind sie einfach ängstlicher als ich. Nothing to fear, but fear itself ... ;-)

normal citizen
04
10.9.2010, 06:10
Kirche Raiffeisen Private

wir danken der EU für den Kampf gegen die institutionalisierte Korruption.

1000 Kopfläuse können nicht irren
00
10.9.2010, 09:33
Ich betätige mich normalerweise nicht als Rechtschreibfuzzi...

... aber hier müssen Sie eindeutig "gegen" gegen "für" tauschen!
(C;

Lord Chaos
00
10.9.2010, 14:55

Begründung?

1000 Kopfläuse können nicht irren
00
10.9.2010, 21:07
Liefert die EU wohl ständig.

Sie müssen nur Augen und Ohren offen halten.

erwin meier
00
10.9.2010, 14:52

sie wissen ja nichteinmal was rechtschreibung bedeutet.

1000 Kopfläuse können nicht irren
00
10.9.2010, 21:06
Dafür...

... wissen Sie nicht was ein Scherzerl bedeutet! (C:

silent_trust
 
01
10.9.2010, 05:51
Kirche und Raiffeissen

Ist doch eine tolle Kombination um Casinos zu betreiben.

Und was ich noch nicht verstehe - wieso kommt Lopatka dazu davon auszugehen, dass zusätzliche Lizenzen der Novomativ zukommen? Ist das der Sinn hinter einer "freien, fairen und transparenten Ausschreibung der lizenzen"?

Lord Chaos
00
10.9.2010, 14:56

Naja, wer hat den Mr. Unschuldsvermutung, die ÖVP usw geschmiert? Na also, damit ist auch klar wer die Lizenzen bekommen muss.

skip it
01
10.9.2010, 09:31
wie er dazu kommt?...

...zit. John leCarré: "if you wish to understand a problem, watch the money flow".

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 319
1 2 3 4 5 6 7

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.