Warum die Grünen streiten

8. September 2010, 19:28

Und wofür. Und wieso Hans Rauscher mit seiner zuletzt mehrfach erläuterten These, dass "Basisdemokratie das Gegenteil von Demokratie“ ist, unrecht hat

Vor einem Jahr veröffentlichte diese Zeitung die alarmierenden Ergebnisse der politischen Langzeitstudie "Die ÖsterreicherInnen - Wertewandel 1990-2008": Nur jeder zweite Österreicher sei mit der Art, wie die Demokratie hierzulande funktioniert, zufrieden. Vier von zehn meinten, Demokratien seien „entscheidungsschwach" und produzierten "zu viel Zank und Hader". Ein Fünftel der Bevölkerung wünschte sich sogar „einen starken Führer, der sich nicht um ein Parlament und um Wahlen kümmern muss". Nur 14 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher haben noch Vertrauen in politische Parteien. Studien-Ko-Autor Christian Friesl, dazu: "Es ist ihre Aufgabe, diesen Wert wieder zu heben."

Ist es. Politik- und Demokratieverdrossenheit ist nicht die Schuld "dummer" Staatsbürger, sondern einer politischen Elite und mancher Medien, die die Leute für dumm verkaufen. Aktuelle Beispiele aus Wien: Schein-Bürgerbeteiligung mit anschließendem Drüberfahren über Anrainerinteressen am Augartenspitz, die Volksbefragung mit suggestiven No-na-Fragen, die Weigerung, den Rechnungshofbericht über die Verschleuderung hunderter Steuermillionen beim Skylink-Debakel zu veröffentlichen, weitere hundert Millionen zur Selbstbeweihräucherung der Stadtregierung - all das trägt zu dem diffusen Gefühl bei: Die da oben machen sowieso, was sie wollen. Und treibt die Menschen antidemokratischen Kräften in die Arme.
Lautstärke justieren

Demokratie aber heißt: den Bürger als Souverän respektieren. Ihn mitreden lassen, in Entscheidungsprozesse einbinden, Bürgerinteressen als verbindlich betrachten, sich auf die Finger und in die Akten schauen lassen - also Macht abgeben. Es bedeutet auch: offene und öffentliche Diskurse führen und um Positionen und Haltungen streiten.

Ja, Demokratie heißt auch streiten. In einer Parteiendemokratie, bei der man als Wähler ohnehin nur alle paar Jahre das Recht hat, sich für ein Gesamtpaket - das „geringste Übel" - zu entscheiden, muss Demokratie auch innerparteilich gelebt werden. 

Bei den Grünen gilt von der Listenerstellung für Wahlen bis zur thematischen Schwerpunktsetzung deshalb das Prinzip der Basisdemokratie. Mitglieder und teilweise sogar Nichtmitglieder, die die Grünen unterstützen wollen, dürfen mitreden, mitbestimmen und mitstreiten. Gemeinsam streiten sie für eine bedingungslose Achtung von Grund- und Menschenrechten, für Umwelt- und Klimaschutz, für soziale Gerechtigkeit, für Weltoffenheit, Vielfalt und Vielsprachigkeit, für Mitbestimmung und ein gutes Leben - und sie streiten mit Verve gegen Hass, Hetze, Rassismus und Kleingeistigkeit. Manche, in Wirklichkeit erstaunlich wenige, streiten um Posten, Anerkennung und verletzte Eitelkeiten.

Die stehen dann in der Zeitung. Das ist nur zum Teil die Schuld einer voyeuristischen Mediengesellschaft, die allen Ernstes dem Klima in einem Bezirksparteilokal mehr Bedeutung gibt als politischen Vorschlägen gegen den globalen Klimawandel. Es ist aber auch unsere eigene Schuld, weil zu guter demokratischer Streitkultur ein hohes Maß an Wertschätzung und ein gedämpfteres Maß an Lautstärke gehört. Ich zum Beispiel streite sogar mit meiner Frau, aber sie verlangt zu Recht von mir, dass ich das zu Hause und nicht auf der Straße tue. 

Wenn aber nun eine Zeitung von uns verlangt, „den Fetisch Basisdemokratie endlich zu entrümpeln", weil „die mächtige Basis mit ihren oft erratischen Wahlentscheidungen politisches Handeln schwierig macht" und Menschen, die ihre Freizeit in politische Mitgestaltung investieren gar zu „kleinen Stalins" (Zitat Hans Rauscher) erklärt, dann reizt mich das schon wieder zum Streiten. Weil es mich an jene eingangs erwähnte Wertestudie erinnert, die nach starken Führern auf Kosten der, ja, erratischen und konfliktreichen Demokratie ruft.

Demokratie hat ihren Preis - auch den, dass man mit Konflikten zurande kommen muss und hin und wieder über die eigenen Ansprüche stolpert. Der Lohn auf breiter Basis getroffener Entscheidungen ist ihre Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit: Während autoritär strukturierte Parteien ihre Grundsätze - egal ob sozialdemokratisch oder christlich-sozial - täglich über Bord werfen, wird man sich bei den Grünen auch dann auf ihre Nichtkorrumpierbarkeit verlassen können, wenn sie sich den Futtertrögen der Macht nähern: weil im Extremfall die vielgeschmähte Basis einschreiten würde.

Demokratie braucht aber auch die permanente Erneuerung ihrer selbst. Natürlich müssen die Grünen der Parteispitze Durchsetzungsfähigkeit, Schlagfertigkeit und im Falle einer Regierungsbeteiligung auch Kompromissbereitschaft zugestehen, gleichzeitig aber auch die Basis verbreitern, neue Milieus erschließen und möglichst viele Menschen aktiv zur Mitgestaltung ermutigen - auch bei der Listenerstellung. Viel mehr aber sollten wir über die Erneuerung unseres gesamten demokratischen Systems und um die Stärkung partizipativer und plebiszitärer Elemente reden: In Hamburg konnte man kurzzeitig Kandidaten auch unterschiedlicher Parteien direkt wählen. In Salzburg kann die Bevölkerung relativ leicht Volksbegehren und Volksabstimmungen erzwingen. In Porto Alegre, Sevilla sowie in Kölner und Berliner Bezirken bestimmen überhaupt die Bürger selbst, wofür ihre Steuern verwendet werden.

Es geht um Transparenz, demokratische Bildung und verbindliche Bürgerbeteiligung, und zwar für alle. Denn wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf. Die Grünen streiten vielleicht, aber sie schlafen nicht. (Klaus Werner-Lobo, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.9.2010)

Klaus Werner-Lobo (Jg. 1967), Buchautor und Journalist, ist Kandidat der Grünen für die Wiener Landtagswahlen auf Listenplatz 10.

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    Posting 1 bis 25 von 183
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    Gretel
    00
    13.9.2010, 19:04
    Vorwahlinitiative

    Da ich mich bei den grünen Vorwahlen engagiert habe war ich über den Artikel einigermaßen überrascht. Feuereifer des Konvertiten...Die Wiener Ereignisse bleiben dennoch kein Ruhemsblatt . Schade dass gerade die Grünen so viele enttäuschte (ex)Funktionäre) erzeugen...

    Peter Sichrovsky
    10
    10.9.2010, 21:06
    demo-gequatsche

    da wird von demokratie gequasselt als ob die grünen im besitze der demokratischen wahrheit wären, dabei hängt im arbeitszimmer von p. pilz immer noch ein poster mit hammer und sichel, schöner spass, vielleicht könnten die grünen einmal mit vergangenheitsbewältigung der ex-kommunisten beginnen bevor anderen erklärt wird, was demokratie ist

    fridakeynes
    00
    10.9.2010, 11:25
    jeder, der an die futtertröge der macht gelangt,

    wird korrumpiert, der eine mehr, der andere weniger! egal ob basisdemokratisch abgewählt oder von oben herab abgesetzt, es geht in beiden fällen um macht! basisdemokratie ist nett und gut gemeint, aber für ein volk, das großteils deshalb eine politische partei wählt, weil die schon die großeltern gewählt haben, nicht anwendbar! hört endlich auf zu träumen!!!

    Migros Kulturprozent
    00
    10.9.2010, 10:33
    Immer, immer, immer

    sind die anderen viel schlimmer.

    wieso verzettelt ihr euch rechthaberisch in klein-stellungskriegen mit den Euch noch ansatzweise wohlgesonnenen medien, wenn ihr da draußen wahlkampf machen solltet?
    wien-wahl schon abgeschrieben?

    bskor
    74
    ich hab die letzten 25 Jahre ausschließlich grün gewählt

    bei der Wien-Wahl werde ich aber diesmal schwarz wählen.
    Das Binnen-I ist mir als Programm zu wenig.

    GarciaLorca
    23
    Super Kommentar!

    Noch eine kleine Frage an alle Grünen-Basher hier im Forum: welche Partei hat Intellektuelle wie Lobo und VdB, welche Fraktion hat einen ähnlich aktiven Abgeordneten wie Peter Pilz?

    Fekter? Faymann? Rudas? Pröll? Strache? Hojac?

    Ich bin auch kein großer Fan von Vasilakou oder Lunacek. Und Glawischnig pack ich teilweise auch überhaupt nicht...aber bitte: für mich sind die Grünen immer noch meilenweit von den anderen Parteien entfernt.

    Neunkirchen
    03
    ?-?+!-!
    42
    Was da im 8ten abgeht ist echt nicht schlecht:

    1. Akt: Der amtierende Grüne Bezirksvorsteher Rahdjian der aufgrund seiner Beliebtheit für die Grünen wieder den Bezirksvorsteher geholt hätte von einer Bande Wahnsinniger abgewählt

    2. Akt: Hr. Rahdjian gründet eine eigene Liste!

    3. Akt: Der Profiteur auf der Seiten der Grünen Sprinzendorfer reagiert nun beleidigt, ob dem Voraussehbaren.

    Zitat aus der Website von Spritzendorfer:

    Das verzweifelte Festhalten an alten Positionen hat schon aus so mancher Respektsperson eine tragische Figur gemacht. Es stellt sich die Frage, was Rahdjian mit seiner Kandidatur bezwecken oder erreichen will, außer sich selbst zu beschädigen und lächerlich zu machen.

    ich bin gespannt auf Akt 4.
    und wer da am Schluss lacht

    Plaats van Samenkomst
    00
    12.9.2010, 07:27
    "ob dem"?

    Es wird scho' werden ...

    finz&finz
    00
    13.9.2010, 09:48

    in der furche gibts sowas nicht!

    Neunkirchen
    21
    Spritzendorfer ist der besser grüne Spitzenkanditat

    Das steht fest

    wolkenberg
    01
    12.9.2010, 16:04

    aber auch nur, wenn man früher gras-aktivist/in war.

    The Real Zet
     
    22

    Völlig wurscht wer von beiden der bessere ist. Sich ohne Not gegenseitig zu kannibalisieren ist, pardon, brunzdeppert! Ich weiss nicht welche Leuchten die beiden Kandidaten gegeneinander in Stellung gebracht haben, aber sie machen die Wiener Grünen auf alle Fälle zu Spitzenkandidaten: für den Darwin Award der politischen Parteien.

    Cbrando
    31
    Streiten, weil

    .. die Chefinnen nicht wissen, wie sie mit grünen Urgesteinen umgehen sollen, vor allem mit den männlichen Exemplaren a la Voggenhuber etc. Peter Pilz zeigt vor, wie's geht. PP for President. Yeaa!

    der tueftler
    10
    ganz ehrlich: es ist mir wurscht,...

    ...wie die grünen ihre listen erstellen. wenn sie interressante kandidaten aufstellen und in etwa meine politische überzeugung treffen und meine interessen unterstützen, dann kommen sie für mich in frage. das tun sie nicht.
    ungefähr so denken viele wähler.
    gerade die grünen wollen doch den eindruck einer humanen einstellung erwecken, mit ihren eigenen funktionären gehen sie aber recht rabiat um. aber wie gesagt, das ist nicht das hauptproblem. solange noch immer ideen wie die unterstützung von hausbesetzungen etc. von den kandidaten propagiert werden, ist die menge der angesprochenen wähler endlich um nicht zu sagen beschränkt.
    dass die grünen eine vergleichweise anständige einstellung haben, nützt wenig, wenn sie in eine andere richtung...

    FSK
    01

    hausbesetzungen kommen ja allen zu gute

    sociovation
    02
    Hr. Werner-Lobo hat natürlich recht

    Trotzdem fürchte ich, das die Zielgruppe, die er anspricht, sich auf jene Gruppe von Menschen beschränkt, die es aus irgend einem Grund nicht ins politische oder wirtschaftliche Establishment geschafft haben, trotzdem aber den Willen und den Intellekt zum Mitreden und Mitbestimmen haben.
    Dem überwiegenden Teil der restlichen Bevölkerung wird es (leider) ziemlich wurscht sein, ob sie mitbestimmen können oder nicht.

    eamon clever
    132
    linke unterwanderung

    lobo ist ein vertreter der funktionärsschichte der grünen, die langjährige förderer und wähler verschreckt. Ein quereinsteiger,der sich durch die endlosen sitzungen bis hinaufargumentiert, linkslinken mief vermittelt und das unter dem deckmäntelchen von basisdemokratie und sonstigen schmafu auch noch verteidigt.
    die grünen werden von solchen fantasten jetzt übernommen und kapieren nicht, dass ihr ursprüngliche basis, bürgerlich und liberal war - die weder mit den roten und schon gar nicht mit den schwarzen wollte- die werden jetzt an den rand gedrängt von den fundis. Weil die realos setzen sich jetzt ab oder werden abgewählt. Gründet doch eine links partei & lasst die ökos in frieden.

    masterjo
    01

    furchtbar gell? immer diese argumente und fakten... so a schas

    Cbrando
    13
    Tja

    Die "linke Unterwanderung" ist ein ziemliches Kas-Argument. Sowohl Links als auch bürgerlich-konservativ anmutend waren die Grünen seit Gründungstagen. Ich finde, dass die grüne Spitze keine Einladungen ausspricht an Neueinsteiger, Umsteiger und sonstige engagierte Leute, die was ändern wollen. Früher gabs als Neuzugänge einen Staatsanwalt Geyer, einen Uni-Professor VdB, eine Frauenkämpferin Petrovic etc. - wen gibts heutzutage als Newcomer?

    sociovation
    25
    Konnt ihren Text leider aufgrund der vielen Etiketten

    nicht entziffern.
    Wäre ihnen sehr verbunden, wenn sie einen Text mit Inhalt verfassen könnten, dankeschön...

    Gregor-Jus
    13
    Basisdemokratie hat ihren Preis

    und zu viele Leute freuen sich über die auswirkungen die Basisdemokratie haben kann. Wenn es dabei zu solchen vorfällen wie im 8.Bezirk kommt, dann ist das schade, aber letztlich nicht so wichtig. Wenn es andere Parteigruppen vor der Wahl zerlegt (SPÖ in Graz und in NÖ, ÖVP in Währing,...) ist das allerdings immer nur eine Randnotiz, das wundert mich eher...

    good news 08
    20
    Keine Sorge

    Die Grazer SPÖ wird die Rechnung für ihre Uneinigkeit schon präsentiert bekommen. Sie wird Voves den LH-Sessel kosten.

    MondXicht
    10

    Kleingeistig sind immer die anderen, aber wer im Glashaus sitzt sollte nicht Trompete spielen, schon gar nicht die Grünen. Basisdemokratie ist eine tolle Sache, aber warum ist die Schweiz dann ebenso geplagt von Korruption und Misswirtschaft, warum dürfen dort Novartis und BASF über die Interessen der Bürger drüberfahren wie sie wollen, die haben doch die Basisdemokratie? Über jedes Fünkchen wird abgestimmt, solang es nur ein Fünkchen ist und nicht mehr.
    Und die Grünen, die wollen also neue Milieus erschließen? Ist ihnen ja auch gut gelungen, was die höheren Gesellschaftsschichten anbelangt, aber auch nur da. Eine Basisdemokratie ohne Substanz ist auch nur wie ein Fahrrad ohne Räder.

    was ich immer schon sagen wollte ...
    14
    also ich finde streiten und eine lebhafte partei/ demokratie super ...

    ... aber die gruenen schiessen sich mit einer uhrwerksgleichen regelmaessigkeit vor jeder wahl - insbesondere in wien - mit unnoetig-oeffentlichen streitigkeiten um irgendwelche listenplaetze und asehnlichen krimskrams ins knie ...

    kann sowas nicht etwas laenger vor der wahl im gruenen kaemmerchen ausgefochten werden? warum immer in voller medialer aufmerksamkeit 1 2 monate vor der wahl? und dann noch moeglichst selbstbeschaedigend und medial im unguenstigen licht so dass es dem/der letzten anhaenger/in die die gaensehaut aufzieht und zu verstaendnislosem kopfschuetteln beitraegt ...

    just my 0.02€

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