Wenn das heurige Jahr so weitergeht, wird Österreich Ende 2010 eine der höchsten Mordraten seit langem haben - Mit einem "Bündnis gegen Gewalt" will die Innenministerin gegensteuern
Wien - "Wer einen anderen tötet, ist mit Freiheitsstrafe von zehn bis zu zwanzig Jahren oder mit lebenslanger Freiheitsstrafe zu bestrafen." So lautet der Strafrechtsparagraf 75, nach dem heuer bereits 89 Personen in Österreich wegen Mordverdachts verhaftet wurden. Verglichen mit vergangenen Jahren ist die Zahl der Morde damit eklatant gestiegen (Statistik und Strafgesetz machen keinen Unterschied zwischen versuchten und vollendeten Verbrechen). Im gesamten Jahr 2009 wurden 141 Morde und Mordversuche angezeigt.
Das heiße aber nicht, dass jetzt alles generell schrecklicher sei als früher, meint Innenministerin Maria Fekter (ÖVP). Denn bei anderen Gewaltdelikten weist die Statistik zum Teil auffällige Rückgänge aus: Raubüberfälle auf Tankstellen beispielsweise sind heuer im Vergleich zu den ersten sechs Monaten 2009 um 65 Prozentpunkte auf 24 Fälle gesunken. Ähnlich deutlich ist der Rückgang bei Raubüberfällen auf Taxilenker. Handtaschenraube (293 angezeigte Fälle) hingegen haben sich mehr als verdoppelt. Insgesamt wurden heuer laut Zwischenbilanz 40.910 strafbare Handlungen gegen Leib und Leben angezeigt, um 1703 Fälle weniger als im Vorjahr.
"Kompetenzgruppe Anti-Gewalt"
Das Referieren von Statistiken ist Fekter aber zu wenig. Deshalb hat sie die "Kompetenzgruppe Anti-Gewalt" gegründet. Gemeinsam mit Justiz- und Frauenministerium sollen Strategien ausgearbeitet werden, wie Behörden, Schulen, Freizeiteinrichtungen und Ärzte künftig besser vernetzt werden können, um so bereits im Vorfeld etwaige Auffälligkeiten zu erkennen. Die erste Tagung "Bündnis gegen Gewalt" ist für 23. September geplant.
Franz Lang, Leiter des Bundeskriminalamts, beschrieb das derzeitige Dilemma der Polizei so: Bei einem Mord würde lediglich der Täter ermittelt werden, allerdings nicht, wie es zu der Bluttat gekommen sei. "Es gibt eine Reihe von Entwicklungsstufen, die wir nicht kennen", sagt Lang. Diese Gewaltindikatoren sollen nun besser erforscht werden, um künftig vielleicht eine Tat im Vorfeld verhindern zu können.
Besonders bei Jugendlichen erhofft man sich, durch eine bessere Präventionsarbeit eine etwaige kriminelle Karriere verhindern zu können. Würden die einzelnen Einrichtungen in einem Ort vernetzt sein, so könnte man sich, so Lang, etwa ansehen, ob ein Jugendlicher, der in der Schule verhaltensauffällig ist, auch woanders Probleme hat - und so ein umfassenderes Bild bekommen. Danach könnte man etwa den Betroffenen und die Eltern zu einem Gespräch einladen, wo die Lage angesprochen wird.
Als wissenschaftliche Beraterin hat Fekter bereits die Psychotherapeutin und Gewaltforscherin Rotraut Perner ins Boot geholt. Perner nennt zwei Wurzeln für Gewalt: "Das Unterliegen in einem Konkurrenzverhältnis und die Unfähigkeit, mit eigenen Problemen fertigzuwerden ."
Gewalt im sozialen Netzwerk
Ausdrücklich geht es sowohl Fekter als auch Perner nicht nur um körperliche Übergriffe. Unter Gewaltausübung verstehe man auch verdeckt-aggressive Verhaltensweisen wie verbale Angriffe, Drohungen oder Einschüchterungen. Und das alles nicht nur in der realen Welt, sondern auch immer öfter in der virtuellen. Schmähungen und Drohungen via E-Mail, SMS oder in sozialen Netzwerken im Internet müssten genauso ernst genommen werden. Perner: "Was wir brauchen, sind Vorbilder für Gewaltverzicht. Und zwar in einer Art und Weise, die nicht schulmeisterlich wirkt."
Fekter empfiehlt jedenfalls, jegliche Form von Gewalt anzuzeigen: "Vielleicht nicht gleich jedes blaue Auge, das der Junior aus der Schule mitbringt. Aber dann zumindest vom Arzt behandeln und dokumentieren lassen." (Michael Simoner/DER STANDARD-Printausgabe, 9.9.2010)