Nachlese 2010

Der Mensch als erniedrigte Kreatur

Isabella Reicher aus Venedig, 8. September 2010, 17:17
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    foto: filmfestival venedig

    Eine Südafrikanerin, die von ihrem Impresario als exotisches Schaustück missbraucht wird: Yahima Torres und Olivier Gourmet in Abdellatif Kechiches Kostümfilm "Vénus noire".

Schwere Kost im Wettbewerb: Abdellatif Kechiche, Wang Bing und Jerzy Skolimowski leisten ungewöhnliche Geschichtsaufarbeitung

Mit Fortdauer des Festivals entsteht allmählich eine Übersicht. Man meint, thematische Bögen zu erkennen, von einem Film zum nächsten wird anschaulich, wie unterschiedlich zum Beispiel existenzielle Leidensgeschichten filmisch zu lösen sind:

Der französische Filmemacher Abdellatif Kechiche, der in Venedig 2007 Couscous mit Fisch vorstellte, setzt vor allem auf Schauspielnaturalismus. In Vénus noire, seinem ersten Kostümfilm, erzählt er die Geschichte jener Südafrikanerin, welche in den 1810er-Jahren als "Hottentot Venus" auf britischen Jahrmärkten auftrat und das Interesse französischer Naturwissenschafter weckte, denen sie nach einem elenden, frühen Tod als Forschungsobjekt diente.

Es geht um einen realen Fall von ökonomischer, sexueller und rassistischer Ausbeutung - die sterblichen Überreste der Sarah Baartman wurden erst vor wenigen Jahren aus Frankreich in ihre Heimat überstellt. So wie er dies schon in früheren Filmen praktiziert hat, verdichtet Kechiche eine Geschichte in einzelnen intensiven Episoden, die ein Geschehen jeweils langsam und lang an- und ausrollen lassen.

Yahima Torres spielt darin die sich mit Alkohol betäubende, den Versprechungen immer wieder erliegende und zugleich widerstrebende Hauptfigur und verleiht ihr eine eigentümliche somnambule Präsenz; Olivier Gourmet umgarnt, umschmeichelt und erniedrigt "Saartjie" als perfide manipulativer Impresario.

Durch die Historie schimmern Bezüge auf jüngere Vergangenheit und Gegenwart, von Josephine Bakers Liebeserklärung an Paris bis zur Bevormundung im Namen politischer Korrektheit. Noch die aufgeklärten Bürger, welche einen Prozess gegen Saartjies ersten Vermarkter wegen Erniedrigung anstrengen, nehmen letztlich die Interessen der Afrikanerin nicht zur Kenntnis.

Häftlinge in Erdhöhlen

Der Chinese Wang Bing, bisher als Dokumentarist bekannt, hat mit Le fossé / The Ditch sein Spielfilmdebüt auf dem Überraschungsticket im Wettbewerb präsentiert: Dass sein Film wesentlich karger ausfällt als Vénus noire liegt schon im Stoff begründet. The Ditch ist in den 1960er-Jahren in einem chinesischen Umerziehungslager in der Wüste Gobi angesiedelt. Die Häftlinge sind in Erdhöhlen untergebracht. Weil im ganzen Land Nahrungsmittel knapp sind, werden sie erst recht nicht ausreichend versorgt.

Die Männer sterben wie die Fliegen, vorher beschreibt der Film in materialistischer Genauigkeit ihre Versuche, irgendetwas essbar zu machen. Wang folgt ihnen mit wendiger Kamera, hält die Einstellungen über der Erde weit - umso beklemmender wirken die Gänge ins Halbdunkel unter Tag, wo die geblümten Steppdecken die noch Lebenden mangelhaft wärmen und den Toten zum Leichensack werden.

Vor diesen beiden monumentalen Arbeiten verblasst die Anstrengung des US-Exzentrikers Vincent Gallo. Dieser hat eine Regiearbeit im Wettbewerb, die zartbittere, grandios fotografierte Gallo-Selbstbespiegelung Promises Written in Water, aber der polnische Veteran Jerzy Skolimowski hat ihn in Essential Killing auch durch eine Passionsgeschichte gejagt: Als namenloser Taliban verschlägt es ihn im tiefsten Winter in eine einsame polnische Waldgegend. Ein aktionistischer Parcours wird mehr und mehr von Mystik infiziert.

Angesichts all dieser Intensität kann man es fast als Publikumsservice betrachten, wenn das Niveau zwischendurch einmal abgesenkt wird: Außer Konkurrenz lief der Thriller The Town, die zweite Regiearbeit von Ben Affleck nach Gone Baby Gone. Der Hollywood-Star spielt diesmal auch selbst die Hauptrolle. Aber aus der Figur von Doug MacRay, Kind des verrufenen Bostoner Stadtteils Charlestown und Profibankräuber, der aussteigen will und dafür alle gewachsenen Bande kappen müsste, vermag er keinen wirklichen Charakter zu formen.

Angefangen mit dem wendigen Sprung eines lustig Maskierten über den Banktresen wirkt hier alles wie bei anderen Filmen entlehnt und roh zusammengezimmert. Während die Ausläufer des Morgengewitters in Venedig fröhlich in den Kinosaal pritschelten, hatte man aber wenigstens was zu lachen. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 9. September 2010)

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