"Heldenplatz" in der Josefstadt

"Wir sind alle ein bisschen elternlos"

08. September 2010 17:03
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    Foto: standard/andy urban

    "Dieser geniale Schimpfer, wie sehr vermisst man ihn!", sagt Regisseur Philip Tiedemann über den Schriftsteller Thomas Bernhard.

Regisseur Philip Tiedemann erzählt Isabella Pohl, weshalb man Thomas Bernhards 1988 uraufgeführtes Stück alle fünf Jahre spielen sollte

STANDARD: Bernhards "Heldenplatz" ist untrennbar mit dem Uraufführungsskandal 1988 verbunden. Kann man sich heute noch vorstellen, wie damals Sätze gewirkt haben wie "In jedem Österreicher steckt ein Massenmörder"?

Tiedemann: Ich kann es mir vorstellen. Die Stimmung hat sich elastisch hochgeschaukelt. Alte Theaterhasen sagen, politische Wirkung von Theater kann man nicht bestimmen, die entsteht. In diesem Sinne gibt es kein politisches Theater, sondern das Theater, das politisch wirkt in dem Moment. Heldenplatz 1988 ist vielleicht ein frühes Beispiel der Eventkultur.

STANDARD: Ein Event, den das Theater organisiert hat ...

Tiedemann: In Deutschland gibt es jetzt gerade diese Sarrazin-Aufregung. Das ist dasselbe Modell, da werden zugespitzte Aussagen vorab veröffentlicht, und man weiß nie genau, wie viel Methode steckt dahinter. Ich misstraue der heutigen wie der damaligen Mediengesellschaft. Man war 1988 sehr auf diese Parteiung aus, man wollte dafür oder dagegen sein und dazwischen gab es nichts mehr.

STANDARD: Aus Bernhards 6,5 Millionen katholisch-nationalsozialistischen Österreichern ist heute durch Migration eine 8-Millionen-Patchworkgesellschaft geworden. Wie wirkt das Stück heute?

Tiedemann: Ist die Gesellschaft durchwirkter, offener? Das wäre wünschenswert. Vielleicht gibt es keine solche Selbstidentität mehr, die sich angegriffen fühlen kann. Das Stück hat sehr viel mehr Aspekte als diese Frage nach 6,5 Millionen Debilen und Nazis. In der damaligen Aufregung wurde es auf diese Frage reduziert.

STANDARD: Was ging da verloren?

Tiedemann: Bernhard zeigt eine zunächst geleugnete, dann ignorierte und dann nur sehr fragwürdig bewältigte Vergangenheit. Die natürlich etwas mit dem Faschismus zu tun hat. Das war ja die Zeit des Wiederaufkommens von Parteien, die Sie jetzt in Ihrem schönen Land Ihr Eigen nennen. Da hat jemand eine Wunde aufgekratzt, weil sie ihn geschmerzt hat. Es ist der 100-seitige Klageruf eines Autors, der zugleich sein letzter ist. Vielleicht hat er das Stück sogar angesichts seines eigenen Todes geschrieben.

STANDARD: Welche Anwendung hat das heute noch?

Tiedemann: Wenn Sie auf die Situation der Parteien schauen, würde ich sagen, so furchtbar rosig sieht das nicht aus. Da ist sich auch etwas gleich geblieben. Dann hat Bernhard damals recht gehabt und hat es heute immer noch. Und vielleicht stellt man auch fest, dass wir in der Tat keine Perspektive haben. Es ist ja innerhalb dieser 22 Jahre seit der Uraufführung etwas passiert, was man den Zusammenbruch sämtlicher Utopien und Zukunftsvorstellungen nennen kann. Die Leute leben nur noch mit Blick nach hinten und in der Hoffnung, dass es nicht schlimmer wird.

STANDARD: Was geht einem durch den Kopf, wenn man sich so intensiv mit "Heldenplatz" beschäftigt und dann auf dem Heimweg von der Probe an Straches Wahlplakaten vorbeigeht?

Tiedemann: Das ist ein schreckliches Déjà-vu. Es gilt der Satz, der Faschismus stirbt nie aus. Im Gegenteil. Es geht dann nicht nur um Faschismus oder Strache-Plakate, aber es gibt so eine diffuse Wurstigkeit, die einem auf die Dauer nicht nur auf den Zeiger geht, sondern die etwas latent Existenzbedrohendes hat, wenn man sich ihr nicht ergeben möchte.

STANDARD: Was sind die Voraussetzungen für eine Neuinszenierung?

Tiedemann: Heldenplatz lief ja lange, und danach dachte man, jetzt kann man das nicht mehr machen. Ich finde, man sollte sich alle fünf Jahre anschauen, wie viel man da wiederfindet. Die Josefstadt ist auch Thema in dem Stück, insofern ist es wichtig, die Verhandlung und auch die Beschimpfung des eigenen Hauses zuzulassen. Das würde jedem Theater guttun. In diesem Haus trifft das nun vielleicht auf ein Publikum, das seine Bekanntschaft mit Heldenplatz und Thomas Bernhard noch nicht so ausführlich gemacht hat. Das sollte es dann bitte nachholen.

STANDARD: Die heimliche Hauptfigur des Stückes ist tot ...

Tiedemann: Jetzt, 21 Jahre nach Bernhards Tod dieses Stück zu machen und zu sehen, kommt mir vor, als wäre diese Figur, die weg ist und ständig zitiert wird, ein Stück weit der Autor selber. Auch das ist wieder etwas, wo man sagt, dieser geniale Schimpfer, wie sehr vermisst man ihn! Im Stück beziehen sich alle Figuren auf diesen Toten und nehmen ihn für sich in Anspruch, und in einem Moment wird gesagt, das war ein ekelhafter Egoist, und der Nächste sagt, ich habe ihn geliebt wie kein anderer. Und das passiert natürlich auch mit Thomas Bernhard selber.

STANDARD: Die Hinterbliebenen wiederholen die Suada des Vaters.

Tiedemann: Das sind lauter Waisenkinder. Greise Waisen. Da gibt es eine Verwandtschaft mit Figuren bei Beckett, oder auch, was man manchmal in der postmodernen Literatur findet, die Elternlosen. Wir sind alle ein bisschen elternlos. Da gibt es nichts mehr, woran man sich orientiert, oder wo man nachfragen könnte. (Isabella Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 9. September 2010)

Philip Tiedemann, geboren 1969, inszenierte bei Claus Peymann in Wien und Berlin. Der Bernhard-erprobte Regisseur zeigte an der Josefstadt zuletzt Ingmar Bergmans "Das Leben der Marionetten".

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12 Postings
Herzerzog Johann
09.09.2010 11:01
Aufregung ...

... verursacht ein Stück nur genau einmal. Wenn es dann zum Repertoire zählt, lockt es doch keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor.

mika33
09.09.2010 09:33

Ja genau, immer wieder spielen, damit auch der jungen Generation die österreichsiche WK2-Erbschuld bewusst bleibt.

KTHXBYE
09.09.2010 11:59

Erbschuld. Aha. Spinner.

Cerberus303
09.09.2010 10:21
Ich finde das ja auch schon...

... ziemlich lästig, wie gerne und mit Nachdruck dieser miese Teil geschichte immer wieder hervorgeholt wird.

Ich für meinen Teil fühle mich nicht schuldig, ich war ja noch nicht mal geboren. Und die Werte, die mir mein Elternhaus mitgegeben hat, verhindern automatisch, dass ich derlei Gesinnungen etwas abgewinnen kann. Von daher nervt mich das. Ich bin mir aber andererseits auch ned sicher, ob man es in der Schublade des Vergessens verstecken sollte, vielleicht brauchen manche ein Mahnmal - ich nicht. Es ärgert mich allerdings, dass ich mit meinen Steuern für diese Schuld auch zahlen muss (Entschädigungszahlungen des Staates an die Opfer). Verstehe ja die Zahlungen - aber da soll sich der Staat andere Quellen suchen... Immobilienverkauf.

Bitte Bitte
11.09.2010 01:02
Ihnen scheint das Konzept der Erbsünde nicht bekannt zu sein

i.S. dass die von uns gestaltete Welt nicht göttlich perfekt ist, sondern davon getrennt.

D.h. wir verursachen, dulden und ertragen mit dem Freiheitsgrad unseres Handelns somit bewusst aber unausweichlich tagtäglich Dinge, deren wir uns unwiderruflich in einem Ausmaß auch jenseits allem Vorstellbaren schuldig machen, wie uns u.a. auch jene Zeit zeigt.

Sich davor durch Werte aus dem Elternhaus automatisch gefeit und als ungeboren freigezeichnet zu fühlen, kann nur durch eine Reduktion auf die Gesinnung anderer ja sogar Einzelner geschehen, ist zwar nicht anmaßend zu nennen, da das Maß fehlt, aber dennoch maßlos selbstgerecht.

Zudem zeigen Sie, dass das pro vocare eines TB noch immer bestens funktioniert, wofür ich mich aufrichtig bedanke.

Cerberus303
11.09.2010 08:37

doch doch, mein Lieber, Erbsünde ist mir bekannt. Hat nur einen Haken - sie ist eine Erfindung, ein Konstrukt. Geschaffen von den frühen Führern, lange vor der Aufklärung. Ein Führungsinstrument, dass sich prima eignete, dem Volk einen moralischen Rahmen zu geben, Steuern zu installieren und es in den Krieg zu schicken.

Die Erbsünde an sich ist nicht existent. Dass Sie mir damit kommen, beleidigt Ihre eigene Intelligenz, die Sie - Ihrer Ausdrucksweise nach - zu haben scheinen.

Bitte Bitte
11.09.2010 20:22
Das Konzept der Erbsünde ist für wahr ein anthropologisch philosophisches Bild,

eine Konstruktion, was denn sonst, welches uns ähnlich dem Existentialismus eines Satre unsere Ausgesetztheit im eigenen Tun bis hin zum sozialen Verband als Menscheit vor Augen führt.

Auch ich halte die Kath-K für eine von Kaiser Konstantin installierte Instutition, welche ihre Schäfchen u. a. über Schuldgefühle unterdrückt.

Darum geht es nicht.

Es ist die menschliche Ratio, jene von der Aufklärung stilisierte Göttin der Vernunft, deren Scheitern uns in der Apokalypse jener Zeit als Hybris unabstrahierbar entgegenschreit, mitten unter uns geschehen und so per se mit Fingerzeig auf andere nicht rückweisbar.

Die Chance jener Zeit liegt darin sich dieser Hybris bewusst zu sein. Sie nicht anzuerkennen, darin liegt die Anklage eines TB.

Léonor de Guzman
09.09.2010 12:42
es geht nicht darum

dass sie sich schuldig fühlen sollen, sonder dass sie erkennen, dass Österreich nicht nur Opfer war, sondern auch Mitschuld an den Greueln des 3. Reiches hatte!

Und über die Verteilung von Steuergeldern brauch wirklich nicht diskutiert werden, denn jeder bezahlt etwas was er selbst nie bezahlen würde - nach meiner Meinung gäbe es sicher keine Eurofighter in diesem "Zwergstaat".

Umberto Lenzi
10.09.2010 01:26
Österreich hat damals nicht mehr existiert.

Im Unterschied übrigens zu Italien und Vichy-Frankreich, deren Truppen fleißig mitgekriegt und mitgetötet haben.
Und ein Staat an sich hat an gar nichts schuld. Es sind immer nur einzelne Menschen.
Im übrigen sollte man die Sache langsam ruhiger angehen. Wie kurios würde es uns vorkommen, hätten sich 1910 noch ein paar Leute wegen der Revolution von 1848 befetzt.

Bitte Bitte
12.09.2010 05:03
Wir waren gar nicht da! LOL

Übrigens der WK I ist eine Folge der zunehmenden Spannungen zwischen 1848 und der Restauration, welche ihren Niederschlag auch aussenpolitisch fand. Spätestens seit 1885 galt er als unausweichlich. 1910 war 1848 noch hoch präsent.

Btw, die Restaurationssehnsüchte der Kerzerlschlucker ist ungebrochen. Da stört der WK II ein bisschen, sich den unreflektierten Blick auf das 18. Jhd. freizuhalten.

Cerberus303
09.09.2010 21:59

und nebenbei... jeder weiß dass es passiert ist. Aber ich muß das nicht auch noch meinen Kindern umhängen, das ist streng genommen sogar unverantwortlich. Wenn schon Österreich ein Verbrecher war, sollen sie die Mittel aus ihren eigenen Beständen holen und nicht aus den zumeist eh schon mageren Einkommen derer, die nix damit zu tun haben und hatten...

Cerberus303
09.09.2010 21:54
ja genau...

... kannst den Topfen noch ein paar hundert jahr weiterführen - von wegen österreich beteiligt und den blödsinn... Leute aus Österreich waren beteiligt, ein Land kann das nicht... Diese dauernde "man muss bewusst sein" Leier ist sowas vollödes, blödes, unnötiges und ich zahl für den Mist. Weil solche Menschen wie Sie meinen, ein Land kann Verbrechen begehen... Willkommen in der ewigen Rückschau des Lebens

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