Regisseur Philip Tiedemann erzählt Isabella Pohl, weshalb man Thomas Bernhards 1988 uraufgeführtes Stück alle fünf Jahre spielen sollte
STANDARD: Bernhards "Heldenplatz" ist untrennbar mit dem Uraufführungsskandal 1988 verbunden. Kann man sich heute noch vorstellen, wie damals Sätze gewirkt haben wie "In jedem Österreicher steckt ein Massenmörder"?
Tiedemann: Ich kann es mir vorstellen. Die Stimmung hat sich elastisch hochgeschaukelt. Alte Theaterhasen sagen, politische Wirkung von Theater kann man nicht bestimmen, die entsteht. In diesem Sinne gibt es kein politisches Theater, sondern das Theater, das politisch wirkt in dem Moment. Heldenplatz 1988 ist vielleicht ein frühes Beispiel der Eventkultur.
STANDARD: Ein Event, den das Theater organisiert hat ...
Tiedemann: In Deutschland gibt es jetzt gerade diese Sarrazin-Aufregung. Das ist dasselbe Modell, da werden zugespitzte Aussagen vorab veröffentlicht, und man weiß nie genau, wie viel Methode steckt dahinter. Ich misstraue der heutigen wie der damaligen Mediengesellschaft. Man war 1988 sehr auf diese Parteiung aus, man wollte dafür oder dagegen sein und dazwischen gab es nichts mehr.
STANDARD: Aus Bernhards 6,5 Millionen katholisch-nationalsozialistischen Österreichern ist heute durch Migration eine 8-Millionen-Patchworkgesellschaft geworden. Wie wirkt das Stück heute?
Tiedemann: Ist die Gesellschaft durchwirkter, offener? Das wäre wünschenswert. Vielleicht gibt es keine solche Selbstidentität mehr, die sich angegriffen fühlen kann. Das Stück hat sehr viel mehr Aspekte als diese Frage nach 6,5 Millionen Debilen und Nazis. In der damaligen Aufregung wurde es auf diese Frage reduziert.
STANDARD: Was ging da verloren?
Tiedemann: Bernhard zeigt eine zunächst geleugnete, dann ignorierte und dann nur sehr fragwürdig bewältigte Vergangenheit. Die natürlich etwas mit dem Faschismus zu tun hat. Das war ja die Zeit des Wiederaufkommens von Parteien, die Sie jetzt in Ihrem schönen Land Ihr Eigen nennen. Da hat jemand eine Wunde aufgekratzt, weil sie ihn geschmerzt hat. Es ist der 100-seitige Klageruf eines Autors, der zugleich sein letzter ist. Vielleicht hat er das Stück sogar angesichts seines eigenen Todes geschrieben.
STANDARD: Welche Anwendung hat das heute noch?
Tiedemann: Wenn Sie auf die Situation der Parteien schauen, würde ich sagen, so furchtbar rosig sieht das nicht aus. Da ist sich auch etwas gleich geblieben. Dann hat Bernhard damals recht gehabt und hat es heute immer noch. Und vielleicht stellt man auch fest, dass wir in der Tat keine Perspektive haben. Es ist ja innerhalb dieser 22 Jahre seit der Uraufführung etwas passiert, was man den Zusammenbruch sämtlicher Utopien und Zukunftsvorstellungen nennen kann. Die Leute leben nur noch mit Blick nach hinten und in der Hoffnung, dass es nicht schlimmer wird.
STANDARD: Was geht einem durch den Kopf, wenn man sich so intensiv mit "Heldenplatz" beschäftigt und dann auf dem Heimweg von der Probe an Straches Wahlplakaten vorbeigeht?
Tiedemann: Das ist ein schreckliches Déjà-vu. Es gilt der Satz, der Faschismus stirbt nie aus. Im Gegenteil. Es geht dann nicht nur um Faschismus oder Strache-Plakate, aber es gibt so eine diffuse Wurstigkeit, die einem auf die Dauer nicht nur auf den Zeiger geht, sondern die etwas latent Existenzbedrohendes hat, wenn man sich ihr nicht ergeben möchte.
STANDARD: Was sind die Voraussetzungen für eine Neuinszenierung?
Tiedemann: Heldenplatz lief ja lange, und danach dachte man, jetzt kann man das nicht mehr machen. Ich finde, man sollte sich alle fünf Jahre anschauen, wie viel man da wiederfindet. Die Josefstadt ist auch Thema in dem Stück, insofern ist es wichtig, die Verhandlung und auch die Beschimpfung des eigenen Hauses zuzulassen. Das würde jedem Theater guttun. In diesem Haus trifft das nun vielleicht auf ein Publikum, das seine Bekanntschaft mit Heldenplatz und Thomas Bernhard noch nicht so ausführlich gemacht hat. Das sollte es dann bitte nachholen.
STANDARD: Die heimliche Hauptfigur des Stückes ist tot ...
Tiedemann: Jetzt, 21 Jahre nach Bernhards Tod dieses Stück zu machen und zu sehen, kommt mir vor, als wäre diese Figur, die weg ist und ständig zitiert wird, ein Stück weit der Autor selber. Auch das ist wieder etwas, wo man sagt, dieser geniale Schimpfer, wie sehr vermisst man ihn! Im Stück beziehen sich alle Figuren auf diesen Toten und nehmen ihn für sich in Anspruch, und in einem Moment wird gesagt, das war ein ekelhafter Egoist, und der Nächste sagt, ich habe ihn geliebt wie kein anderer. Und das passiert natürlich auch mit Thomas Bernhard selber.
STANDARD: Die Hinterbliebenen wiederholen die Suada des Vaters.
Tiedemann: Das sind lauter Waisenkinder. Greise Waisen. Da gibt es eine Verwandtschaft mit Figuren bei Beckett, oder auch, was man manchmal in der postmodernen Literatur findet, die Elternlosen. Wir sind alle ein bisschen elternlos. Da gibt es nichts mehr, woran man sich orientiert, oder wo man nachfragen könnte. (Isabella Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 9. September 2010)
Philip Tiedemann, geboren 1969, inszenierte bei Claus Peymann in Wien
und Berlin. Der Bernhard-erprobte Regisseur zeigte an der Josefstadt
zuletzt Ingmar Bergmans "Das Leben der Marionetten".