Schwerpunkt Disziplin

"Das Internat ist eine gute soziale Schule"

Lisa Aigner, 09. September 2010 10:10
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    Foto: ap/gurinder osan

    In Reih und Glied müssen diese Kinder in Indien auf einem Elite-Internat Morgensport betreiben. In Österreich läuft das anders, wenn es auch viele Unterschiede zwischen den Internaten gibt.

Hausarrest, Schlechtpunkte und Disziplin, die Erziehungsmöglichkeiten an Internaten sind vielfältig - Zwei Ex-Schüler und eine Sozialpädagogin im Gespräch mit derStandard.at

Manchmal hat Lukas Steiner,21, (Name von der Redaktion geändert) bis ein Uhr früh lateinische Vokabel geschrieben. Sein Erzieher war sehr streng. "Wenn man sich an seine Regeln gehalten hat, hat alles gepasst", erklärt Steiner. Wenn nicht, dann gab es Strafen. Wie eben zum Beispiel "zwanzig Paragrafen lateinische Vokabel schreiben".

Ronald Hohl (22) war als "Schülerpräfekt" für zehn bis 15 Schüler an einem Gang verantwortlich. Er hat sie nie gerne bestraft. "In 80 Prozent der Fälle kann man das in einer dreiminütigen Diskussion regeln. Die Jugendlichen wissen manchmal nicht, was sie mit sich selber anfangen sollen und dann werden sie ungut", erklärt er.

Pädagoge und Zögling in Einem

Hohl und Steiner haben beide ein Internat besucht. Steiner neun Jahre lang, Hohl fünf. Während Steiner gelernt hat, mit seinem strengen Erzieher umzugehen, war Hohl nicht nur Zögling, sondern achtete an seinem Internat auch zwei Jahre lang auf die jüngeren Schüler, die in seinem Gang gewohnt haben. Er sorgte dafür, dass sie ihre Betten machten und ihren Müll ausleerten. Hohl hörte ihnen auch zu, wenn sie erklärten, warum sie die Musik mal wieder viel zu laut aufgedreht hatten.

Nachdem Steiner mit der Schule fertig war, musste sich sein Erzieher vom Internat verabschieden. "Die Kleinen waren das nicht gewohnt", glaubt er. Am Anfang hätte der Pädagoge eben immer "Gas gegeben", damit die Kinder sich an seine Regeln gewöhnen. Die Eltern konnten nicht verstehen, dass ihre Kinder sehr streng behandelt wurden und schon um acht ins Bett mussten, erklärt sich Steiner die Kündigung. Für den ehemaligen Inernatsschüler ist das Verhalten seines Erziehers allerdings nur verständlich. "Anders geht es nicht bei einer Horde pubertierenden Jugendlichen", glaubt er. "Außerdem haben wir bei ihm viel über Menschlichkeit, Kultur und gutes Benehmen gelernt. Er hat uns alle zur Selbstständigkeit angehalten und das kommt uns allen heute zu Gute", so Steiner.

"Den Jugendlichen wird etwas geboten, was sie anderswo nicht bekommen"

Dass sich Steiners Erzieher hauptsächlich darum gekümmert hat, dass die Schüler gute schulische Leistungen erbringen, ist für Karin Lauermann, Direktorin des Bundesinstituts für Sozialpädagogik in Baden, nicht genug. "Ein Internat ist ein pädagogischer Ort, der Jugendlichen etwas bietet, was sie anderswo nicht bekommen", erklärt sie, welchen Sinn für sie Internate haben.

Natürlich gebe es die Möglichkeit, ein einfaches Schülerheim zu sein. "Mir ist aber auch die persönliche Entfaltung der Jugendlichen wichtig. In einem Internat gibt es die wunderschöne Möglichkeit, die Beziehung zu anderen Menschen zu leben", sagt Lauermann. Persönliche und soziale Kompetenz könnten Kinder in der heutigen Kleinfamilie nicht mehr, oder nur schwerer lernen, so die Sozialpädagogin.

"Man lernt, wie man seine Grenzen absteckt"

Beide Internatsschüler bestätigen diesen Lerneffekt. "Das Internat ist eine gute soziale Schule, weil man einfach lernt, wie man seine eigenen Grenzen absteckt", erklärt Hohl. Er und Steiner haben beiden ihre besten Freunde am Internat kennengelernt, die noch heute für sie wie Brüder sind.

Streng, aber gerecht

Das Beste an seinem strengen Erzieher war für Steiner, dass er alle Schüler gleich behandelt hat. "Er hat keinen Unterschied gemacht", erzählt er. Jeder musste zwei Stunden täglich lernen. "Während der Lernstunden durfte keiner reden oder ihn etwas fragen. Er hat die Meinung vertreten, dass wir in der Schule aufpassen müssen und uns ansonsten alles selbstständig erarbeiten". Wer zu spät zur Lernstunde kam oder sich nicht rechtzeitig im Bett war, bekam Strafen, zum Beispiel Hausarrest.

"Keine Strafen, sondern Konsequenzen"

Für die Sozialpädagogin Karin Lauermann ist das Wort "Strafe" obsolet geworden und zu negativ besetzt. Sie bildet gleichzeitig Sozialpädagogen aus - die Bezeichnung "Erzieher" gibt es heute eigentlich gar nicht mehr - und leitet ein Internat, dass zu ihrer Schule gehört. "Bei uns gibt es Konsequenzen. Die Jugendlichen müssen die Folgen ihres Handelns aushalten. Meistens gibt es Formen des Ausgleiches oder des Wiedergutmachens", sagt sie im Gespräch mit derStandard.at. So müssen die Kosten für Beschädigungen getragen werden oder man muss überlegen, wie man jemandem, den man verletzt hat, etwas Gutes tun kann.

Wichtig sei, dass die Grenzen für die Jugendlichen im Vorhinein gesetzt werden."Ich kann nicht nach Lust und Laune sagen, was geht und was nicht", so Lauermann. An ihrem Internat ist beispielweise die Hausordnung gemeinsam mit den Schülerinnen erstellt worden.

"Der Erzieher muss sich auf das Ganze einlassen"

Hohl findet einen Sozialpädagogen, der nur Smalltalk führt und nicht auf die Schüler eingeht, nicht gut. "Der muss sich auf das Ganze einlassen. Der kommt am Nachmittag vorbei, geht eine Runde und fragt nach, ob alles passt", beschreibt er den "idealen Erzieher".

An seinem Internat gibt es andere Regeln. Wer mehr als zwanzig Schlechtpunkte sammelt, wird vom Internat suspendiert. Punkte bekommt man für Verstöße gegen die Hausordnung. Auch Hohl durfte als Schülerpräfekt Punkte vergeben. "In anderen Internaten läuft das eher nach Gutdünken ab, da finde ich das System eigentlich sehr gut, mir fällt jetzt spontan kein besseres ein", sagt der Student.

Pädagogen sind oft der "Reibebaum" für Pubertierende

Für Lauermann ist die größte Herausforderung für einen Sozialpädagogen der "Reibebaum" für die pubertierenden Jugendlichen zu sein. Man müsse lernen, sich von den Jugendlichen nicht persönlich angegriffen zu fühlen. "Man muss Abstand von sich selbst und der eigenen Jugendzeit nehmen. Jugendliche sind heute anders, und ich möchte betonen, sie sind nicht schwieriger, sondern anders", sagt sie. Selbst bei Augustus könne man schon nachlesen, dass die heutige Jugend die schrecklichste sei. "Man muss sich darauf einstellen und sie so mögen, wie sie sind", so die Pädagogin.

"Mein Erzieher hat seine Gefühle nicht so richtig zeigen können. Aber er hat mir geholfen, als ich Probleme in Englisch hatte und mit meinem Lehrer gesprochen, um eine Lösung zu finden", erzählt Steiner. Obwohl sein Erzieher nicht die Kriterien erfüllte, die Lauermann und Hohl für einen guten Pädagogen nennen, ist er ihm sehr dankbar. "Ohne ihn hätte ich die Schule nicht geschafft. Ich bin aus einfachen Verhältnissen, er hat bei einigen Sponsoren ein gutes Wort für mich eingelegt, damit mir geholfen wurde. Für mich zeigt das, dass er ein Erzieher mit sehr großer Sozialkompetenz ist. Manche Eltern kamen nicht gut mit ihm aus, aber kein Mensch wird nur gemocht", sagt Steiner.  (Lisa Aigner, derStandard.at, 9.9.2010)

Hintergrund:

In Österreich gibt es rund 80 Internate. Meist handelt es sich um private, zumeist kirchliche Einrichtungen. Die Ausbildung zum Sozialpädagogen oder zur Sozialpädagogin kann man in einer Bildungsanstalt für Sozialpädagogik (9. bis 13. Schulstufe) oder in einem Kolleg absolvieren.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 262
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metalwoman
22.09.2010 12:13

Für Landkinder ist das Internat oft der einzige Weg, eine höhere Schule besuchen zu können.
Für mich persönlich war es mit 14 ein großes Stück neuer Freiheit, die ganze Woche fern von den Eltern zu verbringen. Manche meiner Mitschülerinnen hatten furchtbares Heimweh und schmissen teilweise deswegen die Schule gleich wieder hin. Das konnte ich nicht verstehen, aber jeder Mensch ist halt anders.
Ich verbrachte 2 Jahre im schuleigenen INternat mit Lage am Stadtrand und schlechten VErkehrsverbindungen, dann wohnte ich die letzten 3 JAhre in einem Schülerheim, wo ich als 16-19-jährige ziemlich auf mich allein gestellt war und ab 17 einen Hausschlüssel besaß.

Quasselmodo
13.09.2010 09:25
Bindungsstörung und Autoritätsproblem

Nicht zwangsläufig, aber von meinem Logenplatz als Externer sehe ich das als die potentiellen Ergebnisse von Internaten. Je nach Rang in der Hackordnung gibt es aggressive Dominanz oder submisse Devotheit, eingelernt nach Halbwüchsigen-Schemen.

asinus
10.09.2010 22:22

Ich war nur ein Jahr als "Präfekt" in einem Internat (im Ausland) und habe dort gesehen, wie die Schüler überwiegend leiden. Mobbing kann man einfach nicht verhindern, weil es die Erwachsenen oft gar nicht wissen, wer davon betroffen ist. Ich halte vom Internatsdrill überhaupt nicht viel.

Lukas Chen
11.09.2010 15:08
Die Eltern sind daran schuld

Sie kuemmern sich nicht um eigene Kinder, und schickten die Kinder fern ins Internat. Die Kinder muessen mit Fremden weit von zu Hause allein leben, es ist herzlos und grausam, besonders wenn die Kinder noch klein sind. Kinder sollen mit den Eltern und Geschwistern in eigener Familie leben.

Francesca Antonia
10.09.2010 17:13
Nur nicht ins Internat!

Schickt Eure Kinder nicht ins Internat. Ich war sieben Jahre lang in einem katholischen Internat, das erste Jahr mit herzzerreißendem Heimweh. Meine durchhaltende ehrgeizige Mutter habe ich dabei als herzlos und abweisend erlebt, was mir reichlich Schuldgefühle beschert hat. Im Internat sollte ich mich integrieren, in meiner Herkunftsumgebung integriert bleiben – ein unmöglicher Spagat. Dazu das ständige Verteidigen der winzigen Privatsphäre ... unerträglich, ganz besonders für Halbwüchsige.

leo lander
10.09.2010 15:01
Internat ist ein gute Schule

- im Runterdrücken von Kleinen
- im Ansammeln menschlicher Wiederwertigkeiten
- im Leben in geistlosen Hirachien
- im Stoizismus gegenüber A...löcher
......
jede(r), der/die es seinem Kind ersparen kann, sollte es ihm ersparen.

politisch verfolgt
10.09.2010 15:22
sprechen sie aus erfahrung

oder führen sie nur ihre vorurteile gassi?

leo lander
13.09.2010 10:15
jeder einzelne der in einem Internat war, kennt die Antwort

vergessen, aber immer zu erleben
-- dümmliche Initiationsriten
-- mit Glück nur verbale sexuelle Übergriffe
keiner der positiven Aspekte die man Internaten finden kann, hat ursächlich mit der Organisation Internat zu tun oder könnte nur da gefunden werden.

metalwoman
22.09.2010 17:56

Natürlich entsteht überall, wo Menschen zusammenleben, eine Hierarchie. Bei uns in einem fast reinen Mädcheninternat gab es diese "Initiationsriten". Am 5. Dezember wurden die 1.Klassen von den 2. früh morgens aufgeweckt, im Pyjama durchs Schulhaus gejagt und mit Ruten mehr oder weniger "sanft" gepeitscht. Die Erzieherinnen sahen zu und das ganze war als "Brauch" anerkannt.
Und im nächsten Jahr machten sie es wieder genauso mit den nächsten Erstklässlern.

politisch verfolgt
13.09.2010 18:31
unsinn

ich war in einem internat und kann das nicht bestätigen. wie kommen sie auf die idee, daß ihre erlebnisse allgemeingültig sind?

hagane
12.09.2010 13:40

begründe doch gegenteilige behauptungen mit handfesten beweisen... oder führst du nur dich selbst als troll gassi?

politisch verfolgt
13.09.2010 09:32
hab ich längst

blättern sie zurück und lesen sie, bevor sie sich hier einmischen.

Linus Tintifax
10.09.2010 06:42
komisch

dachte immer sozialpädagogen gäbs eh genug (sie werbeinfo am ende des artikels)....jedenfalls kenne ich keinen internatsschüler, der sich gern an die repressive zeit dort erinnert. warum auch: stumpfsinniger gefängnis(artiger)alltag begleitet von denuntiation, sadismus und verzweiflung. nicht jeder ist so "stark" wie die beiden begeisterten fälle aus dem artikel. nur wenn der schwächste meint es sei wunderbar im internat, wäre ich bereit das zu glauben. nur wird das nicht passieren...

Linus Tintifax
10.09.2010 07:36
ähm

es muss nat. "ehemaligen internatsschüler" heißen...

das täntchen wieder
09.09.2010 21:11
nachdem aufgrund einschlägiger skandale der rkk-internate

die nachfrage nachlies, lesen Sie nun hier eine werbeeinschaltung. zielgruppe: oberschicht.

ich gebs zu
09.09.2010 21:26
Aus welchem Finger haben Sie sich das mit der nachlassenden Nachfrage denn gesogen?

Die Idee, dass gerade der Standard "Werbung" für kath. Internate machen würde, dürfte im Abstrusitäten-Kammerl einen prominenten Platz einnehmen.

das täntchen wieder
09.09.2010 21:32

keinen humor?

ich gebs zu
10.09.2010 08:44
Tschuldigung.

Aber die meisten Postings hier sind so erbärmlich, dass man Ironie schon manchmal übersieht.

Ich muss gestehen, dass ich noch nie so gern und bewusst katholisch war wie heute. Dieses Kesseltreiben gegen Alles und Jeden, der auch nur neben einer Kirche wohnt, geht mir gewaltig auf die Nerven.

MAGOS
09.09.2010 21:09
Hab selten so einen Schwachsinn gelesen

Ich war selber von 10 bis 18 in einem ( katholischen) Internat - das Gymnasium war öffentlich. Vorteile hinsichtlich Persönlichkeitsbildung sehe ich keine, Nachteile bemerke ich ( zum Glück) bei mir kaum. Aber Werte wie Vertrauen, Sicherheit, Geborgenheit ( keine unwesentlichen Dinge für Kinder/"Pubertierende" a alleine dieser Begriff erzählt schon alles) werden ausgeblendet. Sozialisation im Internat besitzt ähnliche Muster/Regeln wie die Sozialisation durch Mitgliedschaft bei einer "Straßen-Gang".
Das Wort "Liebe" ( nicht unwesentlich für Kinder) kommt weder in diesem Artikel vor noch in der Internatsrealität (abgesehen von pädophilen Neigungen).
Es wird ausgeblendet ... denn: sexuelle Übergriffe gab es auch in meinem Internat

superficial
09.09.2010 20:05

Also, ich habe auch mehrere Jahre in einem Internat gelebt. Und auch wenn wir eine Horde von pubertierenden Jugendlichen waren, die BetreuerInnen sind uns stets respektvoll begegnet. Es gab eine gute Gesprächskultur und sehrwohl auch Konsequenzen für Blödsinn, aber ganz ohne Vokabelschreiben und anderen Unfug.

Diese Zeit hat aus mir einen selbständig denkenden und handelnden Menschen gemacht, und vieles an sozialer Kompetenz hätte ich wo anders nie so gelernt.

Rosa Stahl
09.09.2010 19:48

Wofür kriegt man Kinder, wenn man sie dann in Internate steckt?

GoodieGoodie
10.09.2010 16:55

Wofür kriegt man Kinder, wenn man sie dann in Ganztagsschulen steckt?
Da schlafen sie halt zuhause.
Dafür bieten Internate mehr und sind besser ausgestattet.

Amadox
09.09.2010 21:39

und überhaupt, wie egoistisch ist diese Frage eigentlich?

Kriegt man Kinder ihrer Meinung etwa der eigenen Unterhaltung wegen? Damit man sich die nächsten 2 Jahrzehnte nicht langweilt?

Amadox
09.09.2010 21:37

für die Erhaltung der Menschheit?
für die ersten 10-14 Jahre?

davon ab: die meisten schmeissen ihre Kinder doch sowieso mit spätestens 18 raus und entlassen sie in ihr eigenes Leben, da kommts auf die paar Jahre auch ned an.

MAGOS
09.09.2010 21:21
... zum Beispiel um den Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen

... anstatt diese am Land in eine miese Hauptschule, ein letztklassiges Gymnasium stecken oder ihnen täglich 2-3 Stunden Reisezeit für den Schulbesuch zuzumuten. Da brauchen Sie gar nicht so weit weg von einer grösseren Stsdt zu wohnen.

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