Hausarrest, Schlechtpunkte und Disziplin, die Erziehungsmöglichkeiten an Internaten sind vielfältig - Zwei Ex-Schüler und eine Sozialpädagogin im Gespräch mit derStandard.at
Manchmal hat Lukas Steiner,21, (Name von der Redaktion geändert) bis ein Uhr früh lateinische Vokabel geschrieben. Sein Erzieher war sehr streng. "Wenn man sich an seine Regeln gehalten hat, hat alles gepasst", erklärt Steiner. Wenn nicht, dann gab es Strafen. Wie eben zum Beispiel "zwanzig Paragrafen lateinische Vokabel schreiben".
Ronald Hohl (22) war als "Schülerpräfekt" für zehn bis 15 Schüler an einem Gang verantwortlich. Er hat sie nie gerne bestraft. "In 80 Prozent der Fälle kann man das in einer dreiminütigen Diskussion regeln. Die Jugendlichen wissen manchmal nicht, was sie mit sich selber anfangen sollen und dann werden sie ungut", erklärt er.
Pädagoge und Zögling in Einem
Hohl und Steiner haben beide ein Internat besucht. Steiner neun Jahre lang, Hohl fünf. Während Steiner gelernt hat, mit seinem strengen Erzieher umzugehen, war Hohl nicht nur Zögling, sondern achtete an seinem Internat auch zwei Jahre lang auf die jüngeren Schüler, die in seinem Gang gewohnt haben. Er sorgte dafür, dass sie ihre Betten machten und ihren Müll ausleerten. Hohl hörte ihnen auch zu, wenn sie erklärten, warum sie die Musik mal wieder viel zu laut aufgedreht hatten.
Nachdem Steiner mit der Schule fertig war, musste sich sein Erzieher vom Internat verabschieden. "Die Kleinen waren das nicht gewohnt", glaubt er. Am Anfang hätte der Pädagoge eben immer "Gas gegeben", damit die Kinder sich an seine Regeln gewöhnen. Die Eltern konnten nicht verstehen, dass ihre Kinder sehr streng behandelt wurden und schon um acht ins Bett mussten, erklärt sich Steiner die Kündigung. Für den ehemaligen Inernatsschüler ist das Verhalten seines Erziehers allerdings nur verständlich. "Anders geht es nicht bei einer Horde pubertierenden Jugendlichen", glaubt er. "Außerdem haben wir bei ihm viel über Menschlichkeit, Kultur und gutes Benehmen gelernt. Er hat uns alle zur Selbstständigkeit angehalten und das kommt uns allen heute zu Gute", so Steiner.
"Den Jugendlichen wird etwas geboten, was sie anderswo nicht bekommen"
Dass sich Steiners Erzieher hauptsächlich darum gekümmert hat, dass die Schüler gute schulische Leistungen erbringen, ist für Karin Lauermann, Direktorin des Bundesinstituts für Sozialpädagogik in Baden, nicht genug. "Ein Internat ist ein pädagogischer Ort, der Jugendlichen etwas bietet, was sie anderswo nicht bekommen", erklärt sie, welchen Sinn für sie Internate haben.
Natürlich gebe es die Möglichkeit, ein einfaches Schülerheim zu sein. "Mir ist aber auch die persönliche Entfaltung der Jugendlichen wichtig. In einem Internat gibt es die wunderschöne Möglichkeit, die Beziehung zu anderen Menschen zu leben", sagt Lauermann. Persönliche und soziale Kompetenz könnten Kinder in der heutigen Kleinfamilie nicht mehr, oder nur schwerer lernen, so die Sozialpädagogin.
"Man lernt, wie man seine Grenzen absteckt"
Beide Internatsschüler bestätigen diesen Lerneffekt. "Das Internat ist eine gute soziale Schule, weil man einfach lernt, wie man seine eigenen Grenzen absteckt", erklärt Hohl. Er und Steiner haben beiden ihre besten Freunde am Internat kennengelernt, die noch heute für sie wie Brüder sind.
Streng, aber gerecht
Das Beste an seinem strengen Erzieher war für Steiner, dass er alle Schüler gleich behandelt hat. "Er hat keinen Unterschied gemacht", erzählt er. Jeder musste zwei Stunden täglich lernen. "Während der Lernstunden durfte keiner reden oder ihn etwas fragen. Er hat die Meinung vertreten, dass wir in der Schule aufpassen müssen und uns ansonsten alles selbstständig erarbeiten". Wer zu spät zur Lernstunde kam oder sich nicht rechtzeitig im Bett war, bekam Strafen, zum Beispiel Hausarrest.
"Keine Strafen, sondern Konsequenzen"
Für die Sozialpädagogin Karin Lauermann ist das Wort "Strafe" obsolet geworden und zu negativ besetzt. Sie bildet gleichzeitig Sozialpädagogen aus - die Bezeichnung "Erzieher" gibt es heute eigentlich gar nicht mehr - und leitet ein Internat, dass zu ihrer Schule gehört. "Bei uns gibt es Konsequenzen. Die Jugendlichen müssen die Folgen ihres Handelns aushalten. Meistens gibt es Formen des Ausgleiches oder des Wiedergutmachens", sagt sie im Gespräch mit derStandard.at. So müssen die Kosten für Beschädigungen getragen werden oder man muss überlegen, wie man jemandem, den man verletzt hat, etwas Gutes tun kann.
Wichtig sei, dass die Grenzen für die Jugendlichen im Vorhinein gesetzt werden."Ich kann nicht nach Lust und Laune sagen, was geht und was nicht", so Lauermann. An ihrem Internat ist beispielweise die Hausordnung gemeinsam mit den Schülerinnen erstellt worden.
"Der Erzieher muss sich auf das Ganze einlassen"
Hohl findet einen Sozialpädagogen, der nur Smalltalk führt und
nicht auf die Schüler eingeht, nicht gut. "Der muss sich auf das Ganze
einlassen. Der kommt am Nachmittag vorbei, geht eine Runde und fragt
nach, ob alles passt", beschreibt er den "idealen Erzieher".
An seinem Internat gibt es andere Regeln. Wer mehr als zwanzig Schlechtpunkte sammelt, wird vom Internat suspendiert. Punkte bekommt man für Verstöße gegen die Hausordnung. Auch Hohl durfte als Schülerpräfekt Punkte vergeben. "In anderen Internaten läuft das eher nach Gutdünken ab, da finde ich das System eigentlich sehr gut, mir fällt jetzt spontan kein besseres ein", sagt der Student.
Pädagogen sind oft der "Reibebaum" für Pubertierende
Für Lauermann ist die größte Herausforderung für einen Sozialpädagogen der "Reibebaum" für die pubertierenden Jugendlichen zu sein. Man müsse lernen, sich von den Jugendlichen nicht persönlich angegriffen zu fühlen. "Man muss Abstand von sich selbst und der eigenen Jugendzeit nehmen. Jugendliche sind heute anders, und ich möchte betonen, sie sind nicht schwieriger, sondern anders", sagt sie. Selbst bei Augustus könne man schon nachlesen, dass die heutige Jugend die schrecklichste sei. "Man muss sich darauf einstellen und sie so mögen, wie sie sind", so die Pädagogin.
"Mein Erzieher hat seine Gefühle nicht so richtig zeigen können. Aber er hat mir geholfen, als ich Probleme in Englisch hatte und mit meinem Lehrer gesprochen, um eine Lösung zu finden", erzählt Steiner. Obwohl sein Erzieher nicht die Kriterien erfüllte, die Lauermann und Hohl für einen guten Pädagogen nennen, ist er ihm sehr dankbar. "Ohne ihn hätte ich die Schule nicht geschafft. Ich bin aus einfachen Verhältnissen, er hat bei einigen Sponsoren ein gutes Wort für mich eingelegt, damit mir geholfen wurde. Für mich zeigt das, dass er ein Erzieher mit sehr großer Sozialkompetenz ist. Manche Eltern kamen nicht gut mit ihm aus, aber kein Mensch wird nur gemocht", sagt Steiner. (Lisa Aigner, derStandard.at, 9.9.2010)
Hintergrund:
In Österreich gibt es rund 80 Internate. Meist handelt es sich um private, zumeist kirchliche Einrichtungen. Die Ausbildung zum Sozialpädagogen oder zur Sozialpädagogin kann man in einer Bildungsanstalt für Sozialpädagogik (9. bis 13. Schulstufe) oder in einem Kolleg absolvieren.