Michael Häupl lud, wie jedes Jahr, rund 200 Muslime zum Fasten-brechen in den Rathauskeller
Verstört drehen sie den Kopf und schauen nach, wo der Unruheherd ist. Die Touristengruppe auf dem Rathausplatz kann das Gebrülle nicht genau lokalisieren. Es kommt vom Rathaus-Eingang: Umzingelt von einem Haufen Polizisten, schreit eine Gruppe von Protestierenden: „Haut die Schweine raus!"
Ein paar Meter näher dem Erdmittelpunkt steht im Rathauskeller der Bürgermeister gerade hinterm Mikrofon. Der Saal des Restaurants ist rappelvoll, manche Männer tragen Turban, manche Frauen Kopftuch. Rund 200 Muslime sind der Einladung des Bürgermeisters gefolgt. Doch der Protest an der Oberfläche gilt nicht ihnen. Während Heinz-Christian Straches verregnetes Wahlkampf-Fest im Arkadenhof von einer wütenden Gegendemo fremdbeschallt wird, ist es unten im Rathauskeller ruhig und entspannt.
„Es kann kaum etwas Unterschiedlicheres geben, was da heute im Rathaus stattfindet", stellt Michael Häupl nüchtern fest. Der Bürgermeister hat zum Ramadan-Fastenbrechen geladen. Obwohl die meisten seit mehr als 13 Stunden nichts gegessen haben, hören sie aufmerksam zu, während der Bürgermeister zu ihnen spricht. Zuhause hätten sie sich längst die Bäuche vorgeschlagen. Hier nippen sie geduldig an Cola und Orangensaft, bis die Reden vorbei sind.
Stimmzettel als Waffe
„Wir wollen zum Ausdruck bringen, dass der Islam nicht nur eine anerkannte Religion ist, sondern dass die Muslimen in dieser Stadt auch willkommen sind", sagt Häupl und erntet dafür kräftigen Applaus. „Jeder, der zu uns kommt, und mithilft, die Wirtschaft aufzubauen, ist willkommen", fügt der Bürgermeister hinzu. Er verstehe, dass Zugewanderte sich „abgelehnt und nicht willkommen fühlen", wenn sie eine gewisse Stimmung „und bestimmte Plakate" wahrnehmen. „Aber ich versichere Ihnen, dass 80 bis 90 Prozent der Wiener anders denken!" Manche ZuhörerInnen schauen zwar etwas skeptisch, aber ihnen bietet der Bürgermeister gleich eine Möglichkeit an, "sich gegen solche Stimmungen aufzulehnen": am Wahltag das Kreuzerl bei der SPÖ zu machen. „Der Stimmzettel ist die Waffe gegen die Feinde der Demokratie", beendet der Bürgermeister seine Rede.
Als der Applaus versandet, flüstert ein Festgeladener: „Ich höre immer ‚Waffe‘. Sind wir etwa im Kampf?" Von seinen Tischnachbarn erhält er keine Antwort - doch ein Blick auf die Gegenwart bestätigt: Es herrscht Kampf, aber nicht jener der Kulturen, sondern der Kampf um die Wählerstimmen. Seit neun Jahren lädt der Bürgermeister zum Iftar-Essen ins Rathaus, doch heuer fällt es erstmals Mal mitten in die Vorwahlzeit.
Das dürfte auch der Grund sein, warum heuer erstmals auch ÖVP-Kandidatin Christine Marek zum Fastenbrechen geladen hat. „Mir hängen die ewigen Iftar-Einladungen eigentlich schon zum Hals raus", gesteht ein Teilnehmender beim Rathaus-Essen. Heute ist er dennoch hier: Zwar laden auch Bundespräsident, Bundeskanzler und der US-Botschafter zum Ramadan-Feiern, doch niemand feiert so groß wie der Bürgermeister.
Eierschwammerln und Okra
Gemeinderat Omar al-Rawi, der für die Einladungen zuständig ist, erklärt, warum: „Wir wollen möglichst alle dabei haben." Sprich: SchiitInnen, SunnitInnen, Menschen türkischer, arabischer, bosnischer, pakistanischer und österreichischer Herkunft, DiplomatInnen und SchülerInnen, auch nicht-praktizierende Muslime. Sie alle essen heute Hühner-Nudelsuppe und Eierschwammerl-Rostbraten mit Erdäpfelstrudel. Selten sieht man so viele unterschiedliche islamische Gruppierungen vereint.
Im Wiener Rathauskeller wurde heute halal gekocht, also nach islamischen Speisegesetzen. Und damit es nicht ganz so urwienerisch aussieht, liegen auch ein paar Okraschoten auf dem Teller. Aufgegessen ist schnell: Die meisten sind hungrig, viele machen sich auch schon bald auf den Weg zum Nachtgebet in der Moschee. Wieder andere haben noch andere Verpflichtungen: Michael Häupl verlässt die Veranstaltung heute früher als sonst. „Österreich spielt in der EM-Quali gegen Kasachstan", vermutet ein Festgast. „Selbst im Wahlkampf darf Fußball nicht fehlen."
Längst Tradition
Ein paar Männer stehen auf, um den Bürgermeister die Hand zu schütteln, das türkische Fernsehen filmt mit, doch die meisten setzen ihre Tischgespräche wieder fort. Der alljährliche Iftar ist längst zur Tradition geworden - Wahlkampf hin oder her. Als eine Gruppe von Frauen das Fest verlässt, ruft ihnen der junge Rathauskeller-Kellner grinsend „Salam aleikum" hinterher, und sie grinsen zurück. Harmonie und gute Stimmung herrschen - wenigstens für einen Abend scheint „Islam" im Rathaus kein Reizwort zu sein.
Ob Häupls Ruf zu den Urnen bei den Festgästen fruchten wird, bleibt ungewiss. Denn nach des Bürgermeisters Rede tritt Islamgemeinschafts-Präsident Anas Schakfeh ans Podium. Dem Aufruf Häupls, Rot zu wählen, um Blau zu bekämpfen, stellt Schakfeh seine hoffnungslose Sicht der Dinge entgegen: „Egal, was wir tun", sagte Schakfeh: „Sie mögen uns nicht." (derStandard.at, 8.9.2010)