Trinkwasser wird weltweit zunehmend zum überlebenswichtigen Thema. Eine US-amerikanische Firma will sogar Trinkwasser von Alaska nach Indien verschiffen
In Stockholm läuft derzeit die 20. Weltwasserwoche. Bis Samstag wird dort über die Herausforderungen in Sachen Trinkwasserversorgung diskutiert, auch im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten und Gegebenheiten. In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, dass der Zugang zu sauberem Wasser und der Anspruch auf Sanitärversorgung erst im vergangenen Frühjahr von der UN-Vollversammlung als Menschenrecht anerkannt wurde - ohne Gegenstimmen, allerdings mit 41 Enthaltungen (auch von Österreich).
Der Verankerung des Wassers als Menschenrecht wurde ein hoher
symbolischer Wert zugesprochen - völkerrechtlich verbindlich ist sie freilich nicht. Knapp die Hälfte der Menschheit wird im Jahr 2030 aber in wasserarmen Regionen leben. Viele Großstädte müssen schon jetzt von immer weiter entfernten Quellen versorgt werden. Schlägt die Stunde der privaten Wasser-Versorger?
"Wasserbörse ist die Lösung"
Einer wie Peter Brabeck-Letmathe, Verwaltungsratspräsident des Schweizer Lebensmittelriesen Nestlé, hört das gerne. In einem Interview mit der deutschen "Zeit" sagte Brabeck (übrigens gebürtiger Villacher), dass die Schaffung so genannter "Wasserbörsen" die Lösung sei. Brabeck sprach zwar vordergründig nicht allgemein, sondern bezog sich auf ein konkretes Projekt in der kanadischen Provinz Alberta, wo die extrem wasserintensive Öl-Gewinnung aus dem dort sehr verbreitet vorhandenen Teersand mittlerweile zu einer höchst kritischen Versorgungslage führte. Wer Brabeck kennt, weiß aber, dass er sich schon lange einen "Preis" für das Wasser wünscht, unter anderem deshalb, weil damit seiner Ansicht nach die Verschwendung eingedämmt werden könnte.
Das Problem in Alberta ist, dass die Provinz nur zwei Prozent der kanadischen Wasservorkommen besitzt, aber in niederschlagsarmen Jahren rund die Hälfte des kanadischen Wasserverbrauchs schluckt. Und dieses Missverhältnis dürfte sich in Zukunft noch verstärken. Bei konventioneller Pumpen-Förderung von Erdöl lautete nämlich die Faustregel noch: ein Barrel Wasser für ein Barrel Öl. Bei der Teersand-Gewinnung ist aber die drei- bis fünffache Menge Wasser nötig (ganz abgesehen davon, dass dabei enorm viel umweltschädliches Kohlendioxid freigesetzt wird). Eine von der Regionalregierung eingesetzte Kommission hat nun vorgeschlagen, neben einem "Pool" mit "geschütztem Wasser" auch einen "Transfer-Markt" aufzubauen. Derzeit wird noch geprüft, ob der Vorschlag tatsächlich umgesetzt werden soll, aber es sieht ganz danach aus.
Wasser in Tankern nach Indien
Die US-Firma "S2C Global Systems" will hingegen noch einen großen Schritt weiter gehen. Sie kündigte im Juli an, demnächst reines Quellwasser aus den Bergen Alaskas in riesigen Tankern an die indische Westküste transportieren zu wollen. Über den dort noch aufzubauenden "India World Water Hub" sollen dann jährlich eine halbe Milliarde Gallonen Wasser (etwa 1,9 Mio. Kubikmeter, Anm; zum Vergleich: Ein österreichischer 4-Personen-Haushalt benötigt etwa 200 Kubikmeter pro Jahr) verkauft werden, so S2C-Präsident Rod Bartlett in der Pressemitteilung. "Indien stellt mit seinen 1,15 Milliarden Menschen, einer aufstrebenden Mittelschicht und einer zunehmenden Wasserknappheit einen beträchtlichen Wachstumsmarkt dar", so Bartlett, in kleineren Schiffen soll das Trinkwasser von dort aber auch etwa in den Nahen Osten geschafft werden. Für die 30-tägige Reise von Alaska nach Indien müsse das Wasser lediglich mit Ozon behandelt werden.
Das dahinterliegende "Geschäftsmodell" ist simpel: Die größten Süßwasservorkommen der Erde befinden sich nahe den Polen, dort leben aber kaum Menschen. "Man muss das Wasser bewegen, weil man die Menschen nicht bewegen kann", wird Bartlett im "Guardian" zitiert. Für die Verschiffung von Trinkwasser in riesigen Tankern macht der internationale Wasserexperte Peter Gleick aber sowas wie eine kritische Distanz aus: Maximal 1500 Meilen, dann sei es wegen des Treibstoffverbrauchs unprofitabel.
Die größte "Konkurrenz" für die Wasser-Transporteure sind aber sowieso schon heute Entsalzungsanlagen. Ein Kubikmeter Wasser aus einer Meerwasser-Entsalzungsanlage kostet rund einen Dollar, die Kosten für Bau und Betrieb der Anlage sind da schon inkludiert. Laut Bartlett kostet S2C die Verschiffung eines Kubikmeters Wasser etwa 18 Dollar - 18-mal so viel.
Meerwasser als Ausweg
In Australien wird bereits viel Geld in die Errichtung solcher Anlagen investiert, die Trinkwasser-Versorgung der Großstädte Adelaide, Sydney, Melbourne, Brisbane und Perth - mit insgesamt zwölf Millionen Einwohnern - wird schon bald zu einem Drittel aus dem Meer passieren. Für sechs Entsalzungsanlagen werden mehr als neun Milliarden Euro ausgegeben.
Auch in Israel, wo derzeit siebeneinhalb Millionen Menschen aus nur drei Quellen versorgt werden, wird voll auf Entsalzung gesetzt. Ab 2013 soll so die Hälfte des Bedarfs befriedigt werden können.
Neben den hohen Kosten hat aber auch diese Trinkwasser-Gewinnung einen Schönheitsfehler: Es sind Unmengen an Energie nötig, um das Wasser im so genannten "Umkehrosmose-Verfahren" unter Hochdruck durch halbdurchlässige Membranen zu pressen. Dreck und andere Verunreinigungen, Viren und Salz bleiben zurück. Übrig bleibt Trinkwasser.
Landwirtschaft als größter Verbraucher
Dieses fließt übrigens weltweit zu einem Fünftel in die Industrie, nur ein Zehntel davon wird in den Haushalten verbraucht. Der Löwenanteil, nämlich 70 Prozent, wird von der Landwirtschaft förmlich aufgesaugt. Hier ist wiederum die Fleischproduktion der größte Posten, sie benötigt acht- bis zehnmal so viel Wasser wie die Produktion derselben Menge Getreides. Für die Herstellung eines Hamburgers werden 2.400 Liter Wasser benötigt, und selbst wer eine Tasse Kaffee trinkt, nimmt eigentlich viel mehr Wasser zu sich: 140 Liter werden dafür benötigt.
Wer diese Waren und Güter importiert, importiert damit auch das Wasser, das zu deren Herstellung benötigt wurde. 1,6 Billionen Kubikmeter solchen "virtuellen Wassers" werden bereits jetzt jährlich rund um den Globus geschickt, besagt eine Statistik, die im Rahmen der Weltwasserwoche veröffentlicht wurde.
Wie sich dieser hohe "Wasser-Fußabdruck" der westlichen Welt, der vor allem dem hohen Konsum von Industrieprodukten und dem hohen Fleischkonsum geschuldet ist, verringern lässt, gehört zu den wichtigsten Fragen der nahen Zukunft. (Martin Putschögl, derStandard.at, 9.9.2010)