Ware Wasser

Wasser zwischen Markt und Menschenrecht

Martin Putschögl, 09. September 2010 06:18

Trinkwasser wird weltweit zunehmend zum überlebenswichtigen Thema. Eine US-amerikanische Firma will sogar Trinkwasser von Alaska nach Indien verschiffen

In Stockholm läuft derzeit die 20. Weltwasserwoche. Bis Samstag wird dort über die Herausforderungen in Sachen Trinkwasserversorgung diskutiert, auch im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten und Gegebenheiten. In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, dass der Zugang zu sauberem Wasser und der Anspruch auf Sanitärversorgung erst im vergangenen Frühjahr von der UN-Vollversammlung als Menschenrecht anerkannt wurde - ohne Gegenstimmen, allerdings mit 41 Enthaltungen (auch von Österreich).

Der Verankerung des Wassers als Menschenrecht wurde ein hoher symbolischer Wert zugesprochen - völkerrechtlich verbindlich ist sie freilich nicht. Knapp die Hälfte der Menschheit wird im Jahr 2030 aber in wasserarmen Regionen leben. Viele Großstädte müssen schon jetzt von immer weiter entfernten Quellen versorgt werden. Schlägt die Stunde der privaten Wasser-Versorger?

"Wasserbörse ist die Lösung"

Einer wie Peter Brabeck-Letmathe, Verwaltungsratspräsident des Schweizer Lebensmittelriesen Nestlé, hört das gerne. In einem Interview mit der deutschen "Zeit" sagte Brabeck (übrigens gebürtiger Villacher), dass die Schaffung so genannter "Wasserbörsen" die Lösung sei. Brabeck sprach zwar vordergründig nicht allgemein, sondern bezog sich auf ein konkretes Projekt in der kanadischen Provinz Alberta, wo die extrem wasserintensive Öl-Gewinnung aus dem dort sehr verbreitet vorhandenen Teersand mittlerweile zu einer höchst kritischen Versorgungslage führte. Wer Brabeck kennt, weiß aber, dass er sich schon lange einen "Preis" für das Wasser wünscht, unter anderem deshalb, weil damit seiner Ansicht nach die Verschwendung eingedämmt werden könnte.

Das Problem in Alberta ist, dass die Provinz nur zwei Prozent der kanadischen Wasservorkommen besitzt, aber in niederschlagsarmen Jahren rund die Hälfte des kanadischen Wasserverbrauchs schluckt. Und dieses Missverhältnis dürfte sich in Zukunft noch verstärken. Bei konventioneller Pumpen-Förderung von Erdöl lautete nämlich die Faustregel noch: ein Barrel Wasser für ein Barrel Öl. Bei der Teersand-Gewinnung ist aber die drei- bis fünffache Menge Wasser nötig (ganz abgesehen davon, dass dabei enorm viel umweltschädliches Kohlendioxid freigesetzt wird). Eine von der Regionalregierung eingesetzte Kommission hat nun vorgeschlagen, neben einem "Pool" mit "geschütztem Wasser" auch einen "Transfer-Markt" aufzubauen. Derzeit wird noch geprüft, ob der Vorschlag tatsächlich umgesetzt werden soll, aber es sieht ganz danach aus.

Wasser in Tankern nach Indien

Die US-Firma "S2C Global Systems" will hingegen noch einen großen Schritt weiter gehen. Sie kündigte im Juli an, demnächst reines Quellwasser aus den Bergen Alaskas in riesigen Tankern an die indische Westküste transportieren zu wollen. Über den dort noch aufzubauenden "India World Water Hub" sollen dann jährlich eine halbe Milliarde Gallonen Wasser (etwa 1,9 Mio. Kubikmeter, Anm; zum Vergleich: Ein österreichischer 4-Personen-Haushalt benötigt etwa 200 Kubikmeter pro Jahr) verkauft werden, so S2C-Präsident Rod Bartlett in der Pressemitteilung. "Indien stellt mit seinen 1,15 Milliarden Menschen, einer aufstrebenden Mittelschicht und einer zunehmenden Wasserknappheit einen beträchtlichen Wachstumsmarkt dar", so Bartlett, in kleineren Schiffen soll das Trinkwasser von dort aber auch etwa in den Nahen Osten geschafft werden. Für die 30-tägige Reise von Alaska nach Indien müsse das Wasser lediglich mit Ozon behandelt werden.

Das dahinterliegende "Geschäftsmodell" ist simpel: Die größten Süßwasservorkommen der Erde befinden sich nahe den Polen, dort leben aber kaum Menschen. "Man muss das Wasser bewegen, weil man die Menschen nicht bewegen kann", wird Bartlett im "Guardian" zitiert. Für die Verschiffung von Trinkwasser in riesigen Tankern macht der internationale Wasserexperte Peter Gleick aber sowas wie eine kritische Distanz aus: Maximal 1500 Meilen, dann sei es wegen des Treibstoffverbrauchs unprofitabel.

Die größte "Konkurrenz" für die Wasser-Transporteure sind aber sowieso schon heute Entsalzungsanlagen. Ein Kubikmeter Wasser aus einer Meerwasser-Entsalzungsanlage kostet rund einen Dollar, die Kosten für Bau und Betrieb der Anlage sind da schon inkludiert. Laut Bartlett kostet S2C die Verschiffung eines Kubikmeters Wasser etwa 18 Dollar - 18-mal so viel.

Meerwasser als Ausweg

In Australien wird bereits viel Geld in die Errichtung solcher Anlagen investiert, die Trinkwasser-Versorgung der Großstädte Adelaide, Sydney, Melbourne, Brisbane und Perth - mit insgesamt zwölf Millionen Einwohnern - wird schon bald zu einem Drittel aus dem Meer passieren. Für sechs Entsalzungsanlagen werden mehr als neun Milliarden Euro ausgegeben.

Auch in Israel, wo derzeit siebeneinhalb Millionen Menschen aus nur drei Quellen versorgt werden, wird voll auf Entsalzung gesetzt. Ab 2013 soll so die Hälfte des Bedarfs befriedigt werden können.

Neben den hohen Kosten hat aber auch diese Trinkwasser-Gewinnung einen Schönheitsfehler: Es sind Unmengen an Energie nötig, um das Wasser im so genannten "Umkehrosmose-Verfahren" unter Hochdruck durch halbdurchlässige Membranen zu pressen. Dreck und andere Verunreinigungen, Viren und Salz bleiben zurück. Übrig bleibt Trinkwasser.

Landwirtschaft als größter Verbraucher

Dieses fließt übrigens weltweit zu einem Fünftel in die Industrie, nur ein Zehntel davon wird in den Haushalten verbraucht. Der Löwenanteil, nämlich 70 Prozent, wird von der Landwirtschaft förmlich aufgesaugt. Hier ist wiederum die Fleischproduktion der größte Posten, sie benötigt acht- bis zehnmal so viel Wasser wie die Produktion derselben Menge Getreides. Für die Herstellung eines Hamburgers werden 2.400 Liter Wasser benötigt, und selbst wer eine Tasse Kaffee trinkt, nimmt eigentlich viel mehr Wasser zu sich: 140 Liter werden dafür benötigt.

Wer diese Waren und Güter importiert, importiert damit auch das Wasser, das zu deren Herstellung benötigt wurde. 1,6 Billionen Kubikmeter solchen "virtuellen Wassers" werden bereits jetzt jährlich rund um den Globus geschickt, besagt eine Statistik, die im Rahmen der Weltwasserwoche veröffentlicht wurde.

Wie sich dieser hohe "Wasser-Fußabdruck" der westlichen Welt, der vor allem dem hohen Konsum von Industrieprodukten und dem hohen Fleischkonsum geschuldet ist, verringern lässt, gehört zu den wichtigsten Fragen der nahen Zukunft. (Martin Putschögl, derStandard.at, 9.9.2010)

Links

World Water Week

Stockholm International Water Institute (Veranstalter der Weltwasserwoche)

"Guardian"-Artikel von Lisa Song ("Solve Climate")

"Trinkwasser in Österreich - Zahlen, Daten, Fakten" (ÖVGW)

Kommentar posten
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angus1
02.10.2010 18:14

Also da stellt sich ja die frage warum so viele menschen in wasserarmen gebieten leben (wollen) ? wenns dort nicht geht gehts halt nicht dort. irgend wann stellt sich sowieso die frage ob es nicht zu viele menschen auf der welt geben wird. auch wenn wir uns noch so bemühen unseren fussabdruck auf der erde zu verkleinern, wird er dann - möglicherweise in ferner zukunft, oder auch schon früher - trotzdem zu groß sein.... fragt sich halt wer dann zuerst aufhören soll sich zu vermehren.....

MagnaMater
25.09.2010 11:54

Hä? In alaska gibt's wasser und in kanada fehlt es bei der ölsandverarbeitung? Wie wär's damit, das wasser von Alaska nach Kanada zu leiten? ist kürzer...und man kann jede menge dafür verlangen: die ölindustrie zahlt eh...

agarthianer
14.09.2010 16:59

Wasser aus Alaska nach Indien zu verschiffen ist
Schwachsinn und unrentabel : Auswege a.d.Meer:
ohne Fremdenergie : http://www.heliotech.net/
in der Region gibt es genug Wasser , wie die Indus-flut z.Zt. beweist , intelligente Nutzung !
http://en.wikipedia.org/wiki/Sutlej_River
auch hier in SW-Indien gibt es ausreichend Wasser
http://www.keralabackwater.com/ sowie alte
und neue Technologien des rainwaterharvesting
http://www.rainwaterharvesting.org/

yes2bertl
09.09.2010 21:50
Wasserbörse, aha.

Alle die Ideen gab es doch, wie war das nochmal in Cochabamba. Die Regeln der privatisierten Wasserversorgung besagten, dass das Sammeln von Regenwasser illegal sei und das Trinkwasser gekauft werden musste.

Aber zugegeben die Idee hat Phantasie.
Luftbörse, es soll endlich eine Luftbörse eingerichtet werden. Hat auch den gravierenden Vorteil, dass alles nur mehr rechnerisch passieren muss und die Konsumenten, die Atmenden, die Kosten tragen. Ob es Effekte einer wünschenswerten Steuerung gibt ist nicht so klar aber zwischen zeitlich kann eine Menge Geld verdient werden.
Ahso, das gibt es schon, na dann müssen wir es halt auf Sauerstoffverbrauchsrechte erweitern.

das täntchen wieder
09.09.2010 21:12
irgendwann ist schluss

jetzt noch nicht - aber es ist absehbar.

fizcaraldo
09.09.2010 18:35

Wann beginnt Nestle damit firsche Luft in Dosen zu verkaufen? Natürlich nur an die, die sich das auch leisten können.

Kapier ich nicht
09.09.2010 18:50
gibts schon

zumindest bei spaceballs ;)

Cogito Ergo Dumm
09.09.2010 16:48
Für alle, die auf Brabeck einschlagen,

ein paar nützliche Informationen.

Vor ein paar Jahren schon hat die Weltbank eine Studie herausgegeben, in der festgestellt wurde (und von niemandem in Frage gestellt), dass nur um die bestehende Trinkwasserinfrastruktur weltweit zu erhalten (ohne Ausbau!), Investitionen von 100 Milliarden US$ pro Jahr notwendig wären. In Wirklichkeit werden nur 50 Milliarden ausgegeben.
Daher kann nur eines eintreten: eine schleichende Verschlechterung der Wasserqualität.
Brabek hat das verstanden, und bietet einfach eine Alternative an. Schließlich ist es nicht die Aufgabe von Nestlé, die Investitionen der öffentlichen Hand zu substituieren, sondern Marktmöglichkeiten zu nutzen (nicht zu schaffen).

JH87
30.09.2010 10:05

Und Nestle kauft nur zufällig die Quellen, verbreitet öffentl. Unfinanzierbarkeit und schon hat man einen Megadeal. Tausendmal schon gehabt dieses Muster auf unsere so schönen Welt.
Wasser und Energie sind keine unlösbaren Probleme, nur kostet es was und die Reichen würden die Kontrolle verlieren wären beide Güter ausreichend vorhanden. Millionen ausgezeichnete Köpfe würden ihren "Job" als Spekulanten, Broker usw. verlieren und sich produktiv betätigen dürfen. Und plötzlich wird die Welt wieder schön.

herbiee
09.09.2010 21:40

Ebenfalls vor ein paar Jahren hat die UNO eine Studie herausgegeben, die besagt, dass mit mehreren 100 Mrd Investition alle Menschen Zugang zu sauberem Wasser hätten. Danach wären laut dieser Studie jährlich 40 Mrd notwendig um diese Infrastruktur aufrecht zu erhalten.
Wenn man daneben 45 Mrd Gewinn von Exxon-Mobil (2008; und 2009 immerhin noch 20 Mrd) und die Billionen, die in den letzten 2 Jahren in die Wirtschaft gestopft wurden, hinstellt, sind diese Kosten lächerlich. Nestlé und Brabeck geht's ganz einfach darum, die ärmsten der Armen noch weiter zu schröpfen. (Wie auch z. B. mit radioaktivem Milchpulver)

Cogito Ergo Dumm
10.09.2010 08:28
Die Ärmsten der Armen

können sich Nestlés Wasser nicht leisten.

Fragen Sie sich doch einmal, warum in der Welt (nicht in Westeuropa) nicht einmal genug Geld investiert wird, um das, was es schon gibt, auf dem qualitativen Standard zu halten...

Fritz Brause
09.09.2010 20:00

Kann schon sein, dass er das verstanden hat, aber um die Qualität des Wassers geht es ihm nicht, sondern darum Märkte zu erschliessen. Eine Wasserbörse wäre für alle die nicht damit Geld verdienen eine schlechte Sache.

Cogito Ergo Dumm
10.09.2010 08:26
Natürlich geht es ihm nicht um Wasserqualität,

sondern um eine Marktchance.
Die Aufgabe von Nestlé (und anderen ähnlich aufgestellten Gesellschaften) ist es ja nicht, die Investitionen, die die öffentliche Hand NICHT tätigt, an deren statt durchzuführen.
Wenn die öffentliche Hand genug investieren würde, gäbe es auch kaum einen Markt für Tafelwasser...
Und wenn Sie wie ich oft reisen, dann lernen Sie es zu schätzen, wenn Sie zum Zähneputzen nicht auf das aus der Leitung rinnende Etwas angewiesen sind. Gilt natürlich nicht für alle Städte, aber in Afrika und Asien gibt es genug Beispiele, wo der Gebrauch von "Trink"wasser nicht ratsam ist, wenn es aus der Leitung kommt.

Gewissenhaft
09.09.2010 15:52
Ja, ja, der Herr Brabeck........

Geld muss gemacht werden, auch wenn Millionen von Menschen auf Grund der von Nestlé praktizierten Ausbeutung zu Grunde gehen.

a wiener kind
09.09.2010 17:11
...ad dummes Kommentar:...

...wie kann man so kurzsichtig sein! Und was machen wir mit der Produktion von Handy´s, von Kleidung oder was auch immer?! Nur und wirklich nur damit sich der Normalverbraucher in Westeuropa seinen Lebensstil leben kann wird ausgebeutet. Und beginnen Sie damit aufzuhören?! Die einzige Lösung ist, Wasser teurer zu machen (so wie fast alles was wir verwenden), nur somit kann man die Ressourcen kontrollieren!

a z
09.09.2010 17:35

Handys werden hergestellt, um dem Industiestaatler seinen Lebensstil zu erhalten?
Wir leben in einem gemachten wirtschaftlichen, monetären und gesetzlichen Rahmen der auf exorbitantem Wachstum beruht und an dem sich alle zu halten bzw. deren Gesetzte zu befolgen haben.
Anstatt immer neue Märkte zu erschließen, sollte m.E eine vernunftbegabte Spezies daran arbeiten ein vernünftiges System zu verwirklichen. Aber vor lauter wachsen bleibt wohl kein Intellekt für Vernunft mehr übrig.

flotter denker
09.09.2010 18:21
Das System IST vernuenftig

kann aber natuerlich im Detail immer verbessert werden.

herbiee
09.09.2010 21:47
Vernünftig für die reichsten 10 %, die 85 % des weltweiten Vermögens besitzen.

a wiener kind
09.09.2010 17:01
...dummes...

...Kommentar!

flotter denker
09.09.2010 14:57
Der Mann hat vollkommen recht

Das Problem ist tatsaechlich, dass Wasser oft viel zu billig angeboten wird.

Michael B
09.09.2010 16:12
WO ist deswegen zu wenig TRINKEASSER da, weil es zu billig angeboten wird??

Wasser ist immer nur für die GROSSVERBRAUCHER zu billig, aber die haben immer die nötige politische Macht, um zu billigem Wasser zu kommen.
Sie glauben wohl nicht, dass die Verschwendung von Wasser in Spanien bei der Tomatenproduktion reduziert würde, wenn man das Trinkwasser in den Städten, wo es jetzt schon fehlt, teurer machen würde? Die Bauern setzen sich immer durch, die haben eine milliardenschwere Lobby hinter sich!
Berlin und Budapest versuchen verzweifelt, aus den Verträgen mit den privaten Wasserunternehmen wieder herauszukommen, weil die natürlich kein Interesse haben, Investitionen durchzuführen, die für 100 Jahre vorhalten (so lange hält ein neues Wasserrohr). Lieber senkt man die Qualität, und erhöht den Preis.

flotter denker
09.09.2010 18:20
Na sehen sie, sie stimmen zu

den Bauern wird Wasser zu billig angeboten. Gaebe es zum Beispiel einen privaten Anbieter, nuetzte den Bauern ihre Lobby wenig.

a wiener kind
09.09.2010 17:02
...ja sicher,...

...und Sie Großverbraucher spülen Ihr KLo in Österreich mit Schmutzwasser....na sicher ist das Wasser zu billig...wir verschwenden es al gäbe es kein morgen!

a z
09.09.2010 17:37

Und das Wasser bleibt in der Erde wenn wir es nicht verwenden? Jedenfalls in Österreich ein schon sehr einfältiges Argument.

fem.-jüd.-islam. freimaurer-bilderberger, reptiloid
09.09.2010 15:46

machen wir es teurer, dann können noch weniger es sich leisten!

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