Wiener Parteien sollen "Farbe bekennen"

8. September 2010, 13:04
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Forderungskatalog an Politiker: Versorgung in Großstadt, Kassensanierung und demografische Entwicklung sollten berücksichtigt werden

Wien - Die Wiener Ärztekammer will, dass die wahlwerbenden Parteien in der Bundeshauptstadt "Farbe bekennen", was die Gesundheitspolitik betrifft. Forderungs- und Fragenkataloge gingen an die Spitzenkandidaten Michael Häupl (SPÖ), Christine Marek (ÖVP), Maria Vassilakou (Grüne) und Heinz-Christian Strache (FPÖ), hieß es am Mittwoch bei einer Pressekonferenz der Standesvertretung. Vor allem gehe es um die Sicherstellung einer optimalen medizinischen Versorgung, Sanierung der Krankenkassen und Bürokratieabbau.

"Wir verlangen, dass man Farbe bekennt und seine Ideen und Versprechungen niederlegt. (...) Die Politik verspricht so manches und bemüht sich, wenig zu halten. Wir haben einen Leistungskatalog erstellt. Ein wichtiger Punkt ist der Großstadtfaktor in Wien, der anders ist als in Gramatneusiedl, die Situation der Wiener Gebietskrankenkasse und Mängel, zum Beispiel speziell in der kinderpsychiatrischen Versorgung. Wir brauchen dringend verstärkte Maßnahmen im Drogenbereich. Wir dürfen nicht vergessen, dass die demografische Entwicklung in der Stadt viel stärker zum Tragen kommt", betonte Wiens Ärztekammerpräsident Walter Dorner.

Zehn gesundheitspolitische Fragen

Die Ärztekammer hat zehn gesundheitspolitische Fragen an die wahlwerbenden Parteien bzw. deren Obleute gestellt. Die Antworten sind in einem Folder enthalten, der über die Ordinationen verteilt wird. Im niedergelassenen Bereich schlagen derzeit besonders die Finanzsorgen - speziell der Wiener Gebietskrankenkasse - zu Buche. Kammer-Vizepräsident Johannes Steinhart: "Es ist sicher von ganz entscheidender Bedeutung, dass eine nachhaltige Entschuldung der Kassen eintritt. Es ist auch dokumentiert, dass es verfassungswidrig ist, nicht genügend Mittel zur Verfügung zu stellen."

Heftig kritisiert werden von der Wiener Ärztestandesvertretung jene versicherungsfremden Leistungen, welche den Kassen in den vergangenen Jahren aufgebürdet wurden, ohne entsprechenden finanziellen Ausgleich. Der (bundesweit geltende) zu geringe Hebesatz für die Krankenkasse bei den ASVG-Pensionisten mache allein bei der WGKK im Jahr 2009 einen Betrag von 710 Mio. Euro aus, die Unterdeckung des Wochengeldes koste weitere 60 Mio. Euro pro Jahr. In Summe beliefen sich die Mindereinnahmen der WGKK durch alle versicherungsfremden Leistungen auf knapp 900 Mio. Euro, während die Kasse mit 109 Mio. Euro Minus bilanziere und einen Schuldenstand von 600 Mio. Euro aufweise, so die Berechnungen der Wiener Ärtztekammer.

"Stadtarztmodell"

Steinhart will für Wien ein "Stadtarztmodell", in dem ein Arzt des Vertrauens der erste Ansprechpartner des Patienten sein soll. Die Politik müsse auch endlich anerkennen, dass die Menschen nicht durch Behandlungsschemata, sondern durch menschliches Engagement des Arztes gesund würden. Medizinische Versorgung sei nicht mit einer "Schraubenfabrik" zu verwechseln.

Bei den angestellten Ärzten forderte Kammer-Vizepräsident Thomas Szekeresz eine Entlastung von den administrativen Tätigkeiten, welche in den Spitälern bereits 34 Prozent der Arbeitszeit der Mediziner ausmachten, und eine Reduktion von viel zu langen Arbeitszeiten. Szekeresz: "Die durchschnittliche Arbeitszeit eines Wiener Spitalsarztes liegt bei 56 Stunden." Im Rahmen besonders intensiver Dienste könne das bereits zu Problemen führen. Weiters sollte die Fortbildung durch den Spitalserhalter bezahlt werden. In Wirtschaft und Industrie würden die Dienstgeber dies ja auch tun.

Steinhart und Szekeresz werden in den kommenden Wochen Spitzenvertreter der Wiener Landtagsparteien auch bei Diskussion in der Kunsthalle MQ "in die Mangel nehmen" (Details und auch live zu verfolgen auf http://www.farbe-bekennen.at). (APA)

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