Arme, reiche Schweizer

Die massive Währungsaufwertung bringt mehr Probleme als Vorteile – die sich Österreich dank des Euros erspart

Um 15 Prozent ist der Schweizer Franken seit Jahresbeginn gegenüber dem Euro gestiegen, und Analysten rechnen mit einer weiteren Aufwärtsbewegung. Der Franken ist die Fluchtwährung für alle Investoren geworden, die den Euro in der Krise sehen, einen schwache Konjunktur in den USA erwarten und ihr Geld schon gar nicht im überschuldeten Japan anlegen wollen. Das lässt nicht viele Möglichkeiten offen.

Vergangenes Jahr hat die Schweizerische Nationalbank noch versucht, mit Devisenankäufen den Höhenflug zu stoppen – und hat sich dabei mit Milliardenverlusten die Finger verbrannt. Solange sich die weltwirtschaftliche Konstellation nicht grundlegend ändert, werden die Schweizer mit einer starken, eigentlich überbewerteten Währung leben müssen.

Was bedeutet das für unsere Nachbarn? Auf dem Papier ist das wohl reichste Volk der Welt noch ein wenig reicher geworden – zumindest im internationalen Vergleich. Importe werden billiger, die Inflation bleibt niedrig, und auch die Banken können sich über den weiteren Zufluss von privaten Geldern freuen, die zuletzt wegen der Sorge um das Bankgeheimnis ausgeblieben sind.

Dank hoher Exportüberschüsse kann sich die Schweiz den starken Franken leisten. Aber viele einzelne Exporteure leiden darunter. Manche müssen das Match um die Weltmärkte mit deutschen und österreichischen Konkurrenten aufgeben, andere werden einfach nur Arbeitsplätze abbauen. Eine so starke Währung dämpft das Wachstum und führt zu höherer Arbeitslosigkeit.

Für die Händler in Grenznähe – und das ist fast die halbe Schweiz - ist der Frankenkurs eine Katastrophe. In den Euroländern Österreich, Deutschland, Frankreich und Italien locken viel niedrigere Preise, und die Grenzen sind offen.

Wenn die Arbeitslosigkeit steigt, dann wachsen auch die sozialen Spannungen, denn nicht alle Schweizer profitieren vom Reichtum. Vor allem die Ausländerfeindlichkeit erhält dadurch neue Nahrung.

Zwar ist die Schweiz schon in früheren Zeiten mit Währungsaufwertungen gut fertig geworden – sie zwingen zu niedrigen Lohnabschlüssen und noch mehr Produktivität – aber insgesamt überwiegen die Nachteile. Die Schweiz wird auf dem Papier reicher und in Wirklichkeit etwas ärmer.

Das ist für Österreich aus zwei Gründen interessant. Erstens hilft es jenen Unternehmen, die direkt mit Schweizern konkurrieren, und da gibt es nicht so wenige. Und zweitens zeigt es auf, wie es uns in der Finanzkrise ergehen würde, wenn wir nicht beim Euro wären.

Denn ohne Euro hätte Deutschland auch kräftig gegenüber den meisten anderen europäischen Staaten aufgewertet – und wir wären mit dem Schilling wohl mitgezogen. Unsere Urlaube am Mittelmeer wären viel billiger, und der Spritpreis etwas niedriger. Und wir müssten nicht für die Schulden der Griechen und der Spanier haften, die sich mit massiven Abwertungen aus dem eigenen Schuldendilemma befreien könnten.

Dafür wären viele Touristen ausgeblieben, und die Exportwirtschaft hätte laut gestöhnt.  Sie hätte sich angepasst, aber insgesamt hätten wir bald weniger Wachstum und mehr Arbeitslose. Unternehmensgewinne würden fallen, und die Aktienkurse an der Wiener Börse schwächeln.

Alles in allem kann Österreich froh sein, sich die üblichen Währungsturbulenzen als Folge einer Weltkrise zu ersparen. Diese wären viel schmerzhafter als die eher hypothetischen  Probleme, die von den Spannungen in der Eurozone verursacht werden.

Es gibt schon viele gute Gründe für die Währungsunion. Auch wenn die Schweizer das nicht zugeben wollen, sie blicken in diesen Tage mit Neid nach Österreich.

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