Die österreichische Medaillengewinnerin Sabrina Filzmoser vor der Judo-WM in Japan über Würger, Kohle und zerschnittene Oberschenkelmuskel
Tokio - Am Donnerstag startet mit der WM in Japan der Höhepunkt der diesjährigen Judo-Saison. Der österreichische Verband darf sich Hoffnung auf Medaillen machen, mit Ludwig Paischer und Sabrina Filzmoser steigen zwei hochdekorierte Routiniers auf die Matte. Die 30-jährige Vize-Europameisterin aus Wels gewann just bei der Generalprobe in Moskau erstmals ein Grand-Slam-Turnier. Nicht nur darüber sprach Philip Bauer mit ihr im derStandard.at-Interview.
Die wichtigste Frage vorweg: Wie geht es der Schulter?
Sehr gut, ich habe neben dem normalen Training das Stabilisierungsprogramm durchgezogen. Ich bin nicht absolut schmerzfrei, weiß aber wann die Schulter überbelastet ist und ich zurückstecken muss.
War es im Hinblick auf die WM in Tokio nicht riskant in Moskau trotz Schulterverletzung anzutreten? Es hieß ja nach Rio, Sie wollen eine Wettkampfpause einlegen.
Die Trainer meinten damals, ich sollte auf keinen Fall kämpfen. Es war eine schwierige Entscheidung, der Wettkampf für mich aber extrem wichtig. Ich musste mir das Selbstvertrauen und die Bestätigung holen, dass ich trotz meiner Verletzung bedenkenlos an den Start gehen kann. Mit einem Zweifel hätte ich nicht zur WM fahren können. Nun habe ich Zuversicht, es spielt sich vieles im Kopf ab.
Sie haben sich also über die Köpfe der Trainer hinweggesetzt?
Nein, die Entscheidung basiert auf langen Diskussionen in denen Für und Wider abgewägt werden. Ich habe aber viel Erfahrungen gesammelt, gerade im Umgang mit Verletzungen. Wenn ich den Trainern mitteile, dass es funktionieren könnte, bringen sie mir natürlich ein gewisses Vertrauen entgegen.
Auf Ihrer Webseite führen Sie Ihre erlittenen Verletzungen an. Unangenehm liest sich "Surfunfall: Oberschenkelmuskel zerschnitten". Klingt da ein gewisser Stolz durch?
Nein, mit dieser Auflistung wurde mir nur bewusst, wie oft man Rückschläge wegstecken muss, um sich wieder an die Spitze vorzuarbeiten. Es ist für mich immer positiv zu sehen, dass man wieder an seine Leistungen anschließen oder sogar noch besser zurückkommen kann. Mit jedem Rückschlag kann ich mich auch mental weiterentwickeln.
Einer unserer User meinte zuletzt nach Ihrem Erfolg in Moskau: "Gratulation, dürfte ruhig auch weiter oben stehen". Fühlen Sie sich in den Medien unterrepräsentiert?
Bei der Heim-EM in diesem Jahr gab es eine große mediale Aufmerksamkeit. Auch zur WM oder bei den olympischen Spielen treten wir ins Rampenlicht. Ansonsten wird den Leistungen in Österreich aber wenig Rechnung getragen, trotz anhaltend guter Ergebnisse. Ein Grand-Slam-Turnier ist im Judo bestenfalls eine Randnotiz wert. Ab und zu ist das ein bisschen traurig.
Welche Ursachen vermuten Sie hinter der oft geringen Aufmerksamkeit?
Das Beobachten erfordert die Kenntnis der nicht unkomplizierten Regeln. Warum gibt es diese oder jene Strafe? Ist das ein Würger? Ist das ein Hebel? Viele Zuseher können mit diesen Begriffen nichts anfangen und sich deshalb mit dem Sport nicht identifizieren.
"Der Zuseher bräuchte ständig Wiederholungen, um das Geschehen zu begreifen". Dieser Aussage von Olympiasieger Peter Seisenbacher stimmen Sie also prinzipiell zu?
Vollkommen. In der Halle gibt es bei großen Turnieren aber bereits einige Verbesserungen. In Paris wurden die Kämpfe auf den Videowänden nicht live sondern um einige Sekunden verzögert gezeigt. Eine enorme Hilfe für die Zuseher, das hat mir sehr gut gefallen. Aber trotz der komplizierten Regeln genießt Judo in Ländern wie Frankreich oder Deutschland einen viel höheren Stellenwert als bei uns. Von Japan oder Korea rede ich jetzt gar nicht, dort wachsen schon die Kinder mit Judo auf.
Trotzdem feiert Österreich seit Jahrzehnten Erfolge. Ist das nicht ein kleines Wunder?
Der niedrige Stellenwert hat auch seine Vorteile: Wenn es schlecht läuft, sind wir nicht die "Versager" auf der Titelseite. Wir beziehen Kritik in erster Linie intern. Das nimmt natürlich auch Druck weg, man kann in Ruhe arbeiten. Die Erfolge in Österreich fallen aber in erster Linie auf Freaks, auf Fanatiker, auf Egoisten zurück, nicht auf das System. Der Judosport ist bei uns nicht so gut strukturiert wie in anderen Ländern. Es fehlt an konsequenter Unterstützung durch Sponsoren, Bund oder Land.
Wo könnte man für Verbesserungen ansetzen?
Das Bundesheer ist unser Hauptarbeitgeber, ohne es könnten wir dem Profisport gar nicht nachgehen. Aber auch hier gibt es Lücken im System: bei den Männern dauert der Sprung zwischen Junioren und der allgemeinen Klasse oft zwei bis drei Jahre, die Burschen bekommen jedoch nur ein Jahr Zeit, um im Weltcup Medaillen zu produzieren. Das geht aber nicht so schnell, die körperliche Entwicklung sowie der Aufbau der notwendigen Fähigkeiten dauern länger. Wenn der Athlet nicht mehr gefördert wird, wie soll er den Sport und sein Leben finanzieren? Wenn einer intelligent ist und studiert, verdient er wahrscheinlich mehr Kohle als jemals mit Judo möglich wäre.
Können Sie Ihr Leben dank Ihrer sportlichen Erfolge finanzieren?
Ja, bei mir funktioniert das gut. Mein Verein steht voll hinter mir, kümmert sich um das Auskosten der Förderungen und nimmt mir die finanziellen Sorgen ab. Aber in Österreich können wohl nur Ludwig Paischer und ich vom Judo leben. Alle anderen sind total abhängig von Sporthilfe und Bundesheer.
Und welche Rolle spielt der heimische Judo-Verband?
Er ist nicht in der Lage große Sponsoren aufzutreiben, deshalb sind wir fast zu 100 Prozent von den Förderungen durch das "Team Rot Weiß Rot" abhängig. Das funktioniert solange wir Top-Leistungen bringen, hängt aber eben oft an einem seidenen Faden. Man muss nur an die Gefahr einer Verletzung denken. Ich hoffe der Verband denkt bald einmal nicht nur an uns Profis, sondern auch an die Jungen, die nachkommen wollen und sollen.
Ihre größten Wünsche in puncto Verband?
Wichtig wäre eine Zukunftsstrategie, Sponsoren die sowohl Spitzensportler als auch den Nachwuchs unterstützen. Auch ein Sportdirektor, der die Sachen koordiniert und mehr Trainer, die hauptamtlich arbeiten dürfen, wären wünschenswert.
Nach Ihrem Vorrunden-Aus bei den Olympischen Spielen 2008 meinten Sie enttäuscht: "Ich habe das ganze Leben für diesen Tag aufgeopfert. Mein Lebenstraum ging den Bach hinunter". Sie waren die Nummer 1 der Weltrangliste, Europameisterin. Olympia ist doch überbewertet, oder?
Das kommt ganz auf die Sportart an: Im Tennis sind die Spiele nicht so wichtig, im Judo steigen Sponsoren und Medien nur ein, wenn Du bei olympischen Spielen Erfolge feierst. Die Qualifikation ist in unserer Sportart schon schwierig genug, das große Ziel bleibt für mich aber eine Medaille.
Sie betreiben eine Sportart sehr erfolgreich über Jahre hinweg und dann soll an einem einzigen Tag festgemacht werden, ob sich der ganze Aufwand auch ausgezahlt hat. Ist das nicht zu sehr auf die Spitze getrieben?
Wenn man ganz klar darüber nachdenkt, ist es bestimmt so. 2008 war ich total fokussiert auf diesen einen Tag. Danach bin ich ein tiefes Loch gefallen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in der ersten Runde scheitern könnte. Es braucht viel Sicherheit und Selbstvertrauen, um sich ein weiteres Mal an diese Aufgabe heranzuwagen. Ich werde bei den nächsten Spielen aber sicher wieder dabei sein, dann mit der ganzen Situation vielleicht auch eine Spur lockerer umgehen können.
Sie meinten zuletzt, der Weltcup-Triumph in Moskau wäre auch durch die niedrige Erwartungshaltung und die damit entstandene Lockerheit möglich geworden. Können Sie diese Leichtigkeit zur WM mitnehmen?
Ich hoffe stark, dass ich dieses Gefühl nach Tokio retten kann. Aber der Druck vor der WM und die Erwartungshaltung durch den Erfolg sind natürlich wieder gestiegen. Man meint nun wieder, ich könne jede Gegnerin schlagen.
Sie meinen Kaori Matsumoto wäre derzeit "eine Klasse für sich" in der Gewichtsklasse bis 57 kg. Was macht die Japanerin besser als der Rest?
Aufgrund ihrer Erfolge dachte ich, Matsumoto wäre unschlagbar. Aber seit ich in Rio de Janeiro gegen sie gekämpft habe, weiß ich trotz der Niederlage, dass es auch gegen sie probate Mittel gibt. Man kann sie bestimmt austricksen, aber klar ist: ihr technisches Gespür habe ich in meiner Gewichtsklasse selten gesehen.
Eine WM in Japan gilt für jeden Judoka als Höhepunkt. Was erwartet die AthletInnen?
Der Wahnsinn. Bezüglich Organisation wird dies mit kaum einem anderen Ereignis vergleichbar sein. Im sportlichen Bereich wird es gegen die Japanerinnen allerdings sehr schwer. Es gibt dort jedes Jahr ein Grand-Slam-Turnier und sie sind quasi unschlagbar. In manchen Gewichtsklassen werden zwei von ihnen am Stockerl stehen - und das obwohl nur zwei an den Start gehen dürfen.
Wie lautet das japanische Erfolgsrezept?
Sie stehen unter einem unvorstellbaren Druck. Wenn eine Kämpferin dort kurzzeitig Probleme hat, rückt auf der Stelle die nächste nach, und die ist bestimmt ebenso stark. Deshalb trainieren sie wie die Tiere, man kann es nicht anders sagen, mehr als der Rest der Welt. Das Level steigt dort stetig und für uns Europäerinnen wird es schwierig dagegenzuhalten. Wir können so ein Trainingsprogramm gar nicht fahren, da uns die Partnerinnen fehlen.
Kurz vor dem Turnier gilt es einmal mehr das Wettkampfgewicht zu erreichen. Ist das problematisch?
Im Normalfall ist man im Training um zwei bis drei Kilo schwerer als im Wettkampf. Zwei Wochen vor dem Wettkampf wird die Kalorienzufuhr reduziert, am Vortag reguliert man dann über die Flüssigkeit: viel schwitzen, wenig trinken. Aber Gewicht machen ist nicht das Problem, das trainieren wir über Jahre hinweg. Die Herausforderung besteht darin, sich trotz des Substanzverlustes mit ausreichend Explosivität und Schnellkraft auf die Matte zu stellen. Und natürlich müssen wir aufpassen, nicht krank oder verletzungsanfällig zu werden.
Der Laie fragt sich: Kann man nicht einfach immer das gleiche Gewicht halten?
Nein, das würde geringere Muskelmasse bedeuten und damit auch die Möglichkeit reduzieren, im Wettkampf überraschend und schnell zu werfen.
Muss man im Wettkampf auch ein kleines Schlitzohr sein?
Im Bodenkampf nimmt man keine Rücksicht. Man will den Gegner nicht verletzen, ihn aber um jeden Preis zur Aufgabe zwingen. Es kann zum Beispiel aus dem Geschehen heraus passieren, dass man den Kimono nicht direkt über den Hals zieht, sondern den Kopf mitnimmt. Ich warte nicht darauf, dass der Kampfrichter dann "Stopp" sagt. Ich mache es einfach, das ist der kompromisslose Wille zum Sieg.
Heißt das, es wird auch "schmutzig" gekämpft?
"Schmutzig" würde ich es nicht nennen. Wenn ich ein unfaires Mittel benutze, ist das meist ohnehin so offensichtlich, dass ich bestraft werde. Das würde nur Nachteile bringen. Nein, sowas gibt es im Judo einfach nicht. (derStandard.at; 8. September 2010)
Zur Person
Sabrina Filzmoser (* 12. Juni 1980 in Wels) führte bis jetzt viermal die Europarangliste bis 57 kg an. Sie wurde 2008 in Lissabon Europameisterin sowie 2008 in Wien Vize-Europameisterin. Bei der WM 2005 in Kairo belegte sie Rang drei.
Link
http://www.sabrina.filzmoser.at