"Für viele heißt es: Kind ist unterwegs, raus aus der Stadt"

8. September 2010, 09:46
  • Artikelbild
    foto: florian spielauer

    "Der Müll wird weggeräumt, weil der ist schiach und stinkt, aber der Strom stinkt leider nicht".

  • Artikelbild
    foto: apa/gindl

    In Wien fahren sechs Prozent regelmäßig Rad, in Kopenhagen sind es 38.

Autofreie Stadtteile, Begrünung, Energieumdenken - Grüne wollen Stadtplanung umkrempeln

Muss es so sein, dass Städte kinderfeindlich sind? Wieso gibt es nicht mehr autofreie Stadtteile? Warum werden Glasdächer bei Neubauten nicht für Photovoltaik genützt? Wieso kann man seinen eigenen Stromverbrauch nicht einfach ablesen? Warum gibt es nicht mehr Passivhäuser? Und wie bringt man mehr Wiener aufs Fahrrad?

Diese und andere Stadtplanungs-Fragen wollen die Grünen im Wahlkampf thematisieren. Offensiv auf Themen und Inhalte setzen, statt über die Querelen zu debattieren, mit denen die Grünen in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen dominierten - das ist das Rezept einer Veranstaltungsreihe, die in den nächsten Wochen stattfindet. "Ein Kampf gegen die politische Floskel", stehe dahinter, wie die Wiener Grünen-Chefin Maria Vassilakou kommentiert.

"Was kommt wenn Grün kommt?", lautet die Grundfrage, was würde Rot-Grün in Wien bringen, was verändern? Den Anfang machte Grünen-Gemeinderat Christoph Chorherr zum Thema Stadtentwicklung, Verkehr und Energie. derStandard.at hat zugehört und die wichtigsten Punkte zusammengefasst.

  • Muss es so sein, dass Städte kinderfeindlich sind?

"Für viele heißt es: Kind ist unterwegs, raus aus der Stadt". Der "Suburbanisationsschub" rund um große Städte sei aber "ein Desaster", verkehr- wie stadtplanungspolitisch. Die europäische Stadt sei „eine unglaubliche Errungenschaft der Zivilisation" - Aber man frage sich viel zu wenig, wie man jene Qualitäten, die Leute im Umland suchen, in die Stadt bringen kann, so Chorherr. Dabei gehe es um Begrünung bestehender Flächen, darum Lebensqualität zu steigern. Wohnbauten am Handelskai etwa, so ein grüner Kritikpunkt, lägen völlig abgeschirmt vom Donauufer. "Wie wäre es denn diese Trasse und Straße zu überbrücken und die Menschen näher an die Donau zu bringen?"

  • Wieso gibt es nicht mehr "autofreie Städte"? 

Ein Projekt, das es seit etwa zehn Jahren in Wien gibt, ist der autofreie Stadtteil in Wien-Floridsdorf. "Und das zeig ich darum her, weil es mich so ärgert", so Chorherr - "das funktioniert, die Menschen leben gerne dort, es gibt übrigens signifikant mehr Kinder als in normalen Siedlungen". Außerdem sei die Fahrradnutzung viel höher als im Wiener Durchschnitt. Dennoch sei es bei dem einen Pilotprojekt geblieben. "Die Stadt tut da einfach nichts". Stattdessen würde man Tiefgaragen unter Häuser bauen, so dass die Straßenzüge davor verwaisen und die Geschäftslokale eingehen, weil die Bewohner direkt ins Auto und damit zu "megalomanen Einkaufszentren" fahren, so Chorherr.

  • Warum werden riesige Glasdächer bei Neubauten nicht für Photovoltaik genützt? Und wieso kann man seinen eigenen Stromverbrauch nicht einfach ablesen?

Chorherr würde "Stromzähler in jedem Haus installieren. Überall dort, wo man das macht, geht der Stromverbrauch zurück, minus ein Drittel ist überhaupt kein Problem". Für die Verschwendung von Strom sei schlicht kein Bewusstsein da. "Der Müll wird weggeräumt, weil der ist schiach und stinkt, aber der Strom stinkt leider nicht". Auch in Sachen Photovoltaik sieht Chorherr Nachholbedarf. "Beim Praterstern-Vordach könnte man mittels Solarpanelen Strom erzeugen, oder beim Hauptbahnhof, das ist immerhin das größte Glasdach Österreichs."

  • Wieso gibt es nicht mehr Passivhäuser?

"Wir können heute Häuser bauen, die mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen", so Chorherr. "Wien ist die Großstadt mit den meisten Passivhäusern". Trotz der Erfolgsgeschichte werde hier viel zu zögerlich weiter ausgebaut.

  • Wie bringt man mehr Wiener aufs Fahrrad?

In Wien fahren sechs Prozent regelmäßig Rad, in Kopenhagen sind es 38. "Wenn jedesmal der Parkplatz wichtiger ist als der Fußgänger oder Radfahrer, dann wird sich das nicht ändern", so Chorherr. Aber: "Der Wiener ist nicht genetisch anders als der Kopenhagener, ändern kann man es." Eine der Ideen: Eine Art Radfahr-Nordosttangente, also eine Verbindung vom Nordwestbahnhof bis zur Donau, die dem Weg aufgelassener Bahnschienen folgen würde. So ein Art "Brigittenauer Hauptallee", erklärt der grüne Gemeinderat. Außerdem müssten die Citybikes und die zugehörigen Stationen deutlich aufgestockt werden.

Eine Frage, die immer wieder auftaucht: Auf wieviel Bequemlichkeit muss man im Sinne der Nachhaltigkeit verzichten? Was, wenn der Wiener gerne direkt unter seinem Haus die Tiefgarage hat und dann in die Shopping City Süd fährt? Prinzipiell, so Chorherr, nehme man den Leuten "ja nichts weg, sondern gibt ihnen Lebensqualität dafür." Aber: "Ja, wir muten den Leuten was zu". Das sei notwendig in einer Urbanitätsdebatte. (Anita Zielina, derStandard.at, 8.9.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 689
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15
mm6015
01
15.9.2010, 15:11
"Für viele heißt es: Kind ist unterwegs, raus aus der Stadt".

Also die Begründung von Hrn Chorherr, warum er glaubt, dass werdende Familien - seiner Meinung nach - aus der Stadt flüchten, zeigen nur, dass er überhaupt keine Ahnung von den Menschen hat. Also bei mir und meiner Familie, und einigen Anderen, die ebenfalls aufs Land gezogen sind, waren folgende Motivationen ausschlaggebend: Ich wollte nicht, dass meine Kinder in die Volkschule Grundsteingasse gehen Privatschule konnten wir uns für 2 Kinder nicht leisten, die Betriebskosten explodierten Anfang der 2000-er Jahre enorm. Die Parkplatzsucherei, die Unzahl von muslimischen Nachbarn und deren Gebräuche. Das Zusperren der kleinen Läden, überall nur Kebabhütten und kaum mehr Würstelstände. Das war nicht mehr "mein" Wien.

affdsewrq
11
13.9.2010, 18:44
ich zieh auch mal in den Speckgürtel

Vorteil:
-eigener Garten ohne Hundekot
-die Natur vor der Haustüre
-fürn selben Kaufpreis einer 100 m² Wohnung erhält man schon ein kleines Haus mit Garten.
-Heizkosten kann man selbst regulieren durch bauliche Maßnahmen
-keine lärmenden Nachbarn, weil die Wände zu den Nachbarswohnungen sehr dünn sind.
- ...

wie gesagt, es hat kaum Nachteile, außer die Wegzeit.

Kaktus
00
14.9.2010, 00:43
Schau, das gleiche hab' ich in Floridsdorf.

Nur bin ich in 30 min mit dem Rad in der Innenstadt, in 5 min baden in der neuen Donau, in 25 min mit dem Rad im Weinviertel und in 3 min zu Fuß beim nächsten Nahversorger. Es ist ruhiger als am Land, dennoch urban und traditionell wienerisch. ;-)
Ein Neo-Foridsdorfer.

baumfreund
00
14.9.2010, 20:17
noch ist es so!

hoffentlich schlagen auch bei ihnen nicht die baulöwen zu wie in jedlesee!

Roland Schweiger
00
13.9.2010, 18:38
Na toll! Die Grünen haben die Sub-Urbanisierung entdeckt, wow!

Briefmarkenkleber
10
13.9.2010, 11:40

Für viele heißt es: Kind unterwegs, Ernst des Lebens beginnt, Grün wählen war gestern.

christoph chorherr1
00
13.9.2010, 08:43
gasamte Präsentation jetzt online

für alle, die der gesamte Vortrag interessiert (dauert rund 50 min), er ist hier ( http://chorherr.twoday.net/stories/6505183/) über mein blog verlinkt.
Freu mich auch dort auf eine lebhafte Debatte.

Ravenspower
32
12.9.2010, 17:58
Wien = Uninteressant

eines vorweg: ich komme aus kärnten und wohne in einer knapp 3000 einwohner gemeinde im grünen, einfamilienhaus, 2000qm grundfläche. nach klagenfurt und villach brauche ich mit dem auto 15 minuten.

meine ex stammte aus wien und wohnte in döbling. was mir auffiel: sie hatte zwar eine eigentumswohnung, jedoch keinen fixen parkplatz. es war immer das gleiche: 5 - 6 runden um den "block" fahren wie ein volldepp und auf eine parklücke hoffen. einkaufen musste man erst mit dem auto fahren - weil niemand gerne zu fuß die waren schleppen wollte. weiters: dreckige atemluft, beschissen schmeckendes leitungswasser.

kulturangebot? für 80% der otto-normalos uninteressant.

was ist also "schön" an wien? warum so lebenswert?

aculus populus
 
00
1.10.2010, 08:09
London, New York

und weitere Weltmetropolen haben auch viele Ausländer, aber bei denen stellen diese eine Bereicherung und machen Stadtteile so richtig interessant ... nur im kleinkariertem Land wo die Täler schmäler sind, stellen Ausländer "nur" ein Problem dar.

Ravenspower
22
12.9.2010, 18:23
Wien = Uninteressant Teil 2

weiters kam mir die stadt, obwohl angeblich sauber, vielerorts sehr dreckig und verschmutzt vor. auf den strassen dahinwehende zeitungsblätter, stinkende abgase sowie viele ausländer überall. auf vielen strassen fixer und drogensüchtige, am abend auch noch huren. betritt man ein cafe oder lokal und man grüsst wird nicht zurückgegrüsst, die einheimischen schauen nur dumm aus der wäsche.
verständlich daher das viele wiener familien das weite suchen, für kinder gibt es wahrlich bessere orte um heranzuwachsen.

doch nicht jede stadt ist derartig eigenartig.
in graz beispielsweise sieht es gleich mal anders aus.

natürlich ist wien für singles und gesellschaftliche "aussenseiter" interessant WEIL anonym!

Extrabreit
00
30.9.2010, 09:00
Eine gewissen Klescher

kann man Ihnen aber auch nicht absprechen.
Viel haben Sie anscheinend von Wien nicht gesehen, aber aufspielen wir der promovierte Fremdenführer...

LSDBlue
30
13.9.2010, 07:11
sowie viele ausländer überall

haha, du bist a richtiga Kärtna gö? Wien mag für euch vielleicht uninteressant erscheinen aber Kärnten is einfach das Letzte

affdsewrq
01
13.9.2010, 18:34

und du bist wohl ein richtiger Sozi!
wirfst alle "Kärntna" in einen Topf!!!

vray
00
10.9.2010, 22:22

Stichwort: New Urbanism.
Dafür bräuchte es aber auch eine ordentliche Planung.
Wird also nix.
Liegt jetzt nicht an Wien aber es gibt einfach zu viele Interessen in einer großen Stadt.

Briefmarkenkleber
05
10.9.2010, 13:09
Liesing hat Recht!

Der Liesinger Bezirksvorsteher hat etwas sehr richtiges beim Thema "Speckgürtel" gefordert:
Alle Stadteinfahrten (vor allem Perchtoldsdorf) mit Ampeln ausstatten, die auf Grün schalten NACHDEM die Städter ihre Kinder in den Kindergarten/zur Schule gebracht haben und am Arbeitsplatz angelangt sind.

Nachsatz: Der angrenzende Bezirk Mödling hat die größte SUV-Dichte Österreichs!

Extrabreit
00
30.9.2010, 09:01
Haha!

Solche Aussagen trau ich dem Wurm gar nicht zu...

Quim Barreiros
00
10.9.2010, 18:30

Der Herr Wurm sollte den Mund aber nicht zu voll nehmen. Sein eigener Bezirk ist verkehrsmäßig auch nicht ohne. Es wird alles zugebaut (Liesinger Brauerei, Inzersdorfer-Fabrik, Zementwerk Waldmühle) und der Autoverkehr immer mehr... Sonst passiert aber nichts. Der öffentliche Verkehr in Ost-West-Richtung ist nicht so gut, wie er sein könnte; genauso könnte rad-mäßig mehr getan werden (der Osten des Bezirks ist eh bretteleben).

Extrabreit
00
30.9.2010, 09:02
Stimmt...

Ost-West verbindung in Liesing ist ein Horror...

Bert Brecht
28
Kostenrechnung

Ein Problem ist doch auch, dass Herr und Frau Österreicher schlicht und einfach nicht rechnen können.

Ja, eine Stadtwohnung ist teurer als die gleiche Wohnfläche im Speckgürtel. Aber:
- mind. 1 h Zeitersparnis jeden Tag
- nur ein PKW nötig (5.000-10.000 Euro Ersparnis pro Jahr)
- unzählige Wege mit Rad und Öffis bewältigbar statt mit dem Auto
- Kinder-Freizeitangebote an der nächsten Ecke statt im Nachbarort - niedrigere Heizkosten durch dichtere Verbauung

uvm.

Ja, die Städte müssen was tun. Unter anderem müssen die Einpendler damit rechnen, dass weite Stadtteile zu Wohn-Zonen gemacht werden und für den Durchzugsverkehr komplett gesperrt. Es sind nämlich u.a. die Rauszieher, die den Drinnenbleibern das Leben versauen!

affdsewrq
00
13.9.2010, 18:37

ich hab eine Wohnstraße bei mir um die Ecke. Jeder, sogar die Polizei nutzt diese, um durchzufahren!!

bluebeard's 8th wife.
00
13.9.2010, 10:29

soviel grün kann ich gar nicht geben, wie sie dafür verdienen!

miles6
27
Herr und Frau AUT:

103 qm Genossenschaft mit Eigentumsoption plus 20 qm Terr. 22. Bezirk, Bezug 2003. Miete 690 kalt bei Bezug, Steigerung um 30 per annum, Garage 40 E. Es begann mit Parkverboten, schnalzte die Garage auf 85! Dann die Polizei, welche den betonierten Platz vor der Stiege als Geldbeschaffer fuer die Hofer-Einkaeufer nutzte. Als man die Muetter in 2. Spur vorm KiGA (290E im Monat) auch noch strafte und die Fixkosten bei 1200 lagen (ohne Essen und Strom) begannen wir uns umzusehen. Als die Anzeigen gegen die Kinder am Spielplatz kamen, zogen wir aus. Meine Zwei spielen jetzt unterm Baum, Zugverbindung ist super. Weiterhin nur ein Kfz.
Als wir auszogen eroeffnete das Asylantenheim! Nachmieter zahlt 980.
Alles Gute!

bluebeard's 8th wife.
00
13.9.2010, 10:32

hm - meine zwei haben mit 13 den baum umgesägt und sich in die stadt vertschüßt.

bluebeard's 8th wife.
00
13.9.2010, 10:30

und es war ihrer frau und den kindern absolut unzumutbar, zu fuß zum kindergarten zu gehen?

warum beschleicht mich der verdacht, dass sie und ihre frau zu den eher übergewichtigen gehören?

bob langer
25
na bitte

"Als man die Muetter in 2. Spur vorm KiGA (290E im Monat) auch noch strafte"

was denn sonst?

den verkehr einstellen weil die im SUV und VAN die sie nicht einparken können auch noch die straßen verstellen und dann noch auf der fahrerseite kinder ein und aussteigen lassen?

was hat der preis der kindergartens mit der vermeintlichen 2. spur parkerlaubnis zu tun?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 689
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.