Weltraumarchitekten zeigen am Forschungsfest Rückzugsorte für Büro und Weltall
Was haben eine Raumstation und ein Großraumbüro gemeinsam? "Beides sind extreme Arbeitsumgebungen", sagt Barbara Imhof vom Weltraum-Architekturbüro Liquifer. "Mehrere Menschen arbeiten über lange Zeit in Missionen oder Projekten zusammen. Im All ist permanent volle Leistung gefordert. Aber auch in einem Büro herrschen oft Hektik und Termindruck vor."
Umso wichtiger ist es, in solchen Situationen Rückzugsorte zu schaffen, um Körper wie Psyche kurzfristig zu entlasten, sind Imhof und ihre Kollegin Waltraut Hoheneder überzeugt. Deshalb haben die beiden Architektinnen, die die Erde als Teil des Weltraums betrachten, sowohl eine auffaltbare Hängekabine für Astronauten als auch einen Kokon fürs Büro entwickelt. Das Liquifer-Mobiliar wird als eines von 50 Projekten am Wiener Forschungsfest zu sehen sein, das am 18. und 19. September auf der Kaiserwiese im Prater seine Zelte aufschlägt.
Synergien von All zu Erde
"Uns interessieren Synergieeffekte jenseits von Materialien und Technologien", sagt Imhof. Aus der Raumfahrt könne man schließlich auch lernen, wie beschränkte Ressourcen am sinnvollsten eingesetzt werden und welche Bedürfnisse und Verhaltensweisen Menschen in stressigen Situationen entwickeln.
Es liegt auf der Hand, dass es auf einer beengten Raumstation, auf der es keine Fluchtmöglichkeit gibt, notwendig ist, sich in eine Privatsphäre zurückziehen zu können. Aber auch im Großraumbüro, wo Lärmpegel und Anspannung hoch sind, können ein Powernap oder ein abgeschiedener Ort zum Nachdenken Wunder wirken. "Befragungen von Personalmanagern haben ergeben, dass in vielen Büros das WC der einzige persönliche Rückzugsraum ist", erzählt Imhof.
Gemeinsam mit einem Arbeitsmediziner hat das Liquifer-Team eine Art Schirm kreiert, der sich teleskopartig herunterziehen lässt, vor Blicken schützt und den Umgebungslärm dämpft. In einem ergonomisch optimieren, voll verstellbaren Bürostuhl lässt es sich entspannen, Musikhören, lümmeln, aber auch in Ruhe arbeiten. Integriert sind ein Klapptisch, Kopfhörer, Lese-, und Ambientelicht. "Es hat sich herausgestellt, dass eine halb liegende Arbeitsposition am wenigsten belastend für den Körper ist - ähnlich dem Liegen in der Schwerelosigkeit", sagt Hoheneder.
Damit Raumfahrer dem Lagerkoller entkommen können, haben die Liquifer-Forscher eine Ruhe- und Arbeitskabine konzipiert, die sich bei Bedarf zur vollen Größe ausfalten lässt. Ausgestattet mit einem Schlafsack können sich Astronauten in der Schwerelosigkeit fledermausartig darin einklinken. Allerlei Module können per Klettverschluss adaptiert werden: eine Laptop-Vorrichtung etwa oder Fächer für persönliche Gegenstände. Für ein wohliges Gefühl sorgen Nackenkissen und "Wangenkuschler". "Interviews mit Astronauten haben gezeigt, dass es große Unterschiede bei den Bedürfnissen gibt, die auch kulturell geprägt sind", erläutert Imhof. Genauso wie in Großraumbüros individuelle und interkulturelle Bedürfnisse aufeinandertreffen.
Welche weitern Innovationen von Wiener Unternehmen und Forschungseinrichtungen ersonnen wurden, kann am Forschungsfest begutachtet und ausprobiert werden. Unter dem Motto "Wien. Meine Stadt 2020" finden sich Wasser sparende Bewässerungsanlagen genauso wie eine Trockendusche, eine kopfgesteuerte Computermaus oder eine Kamera, die aus Bewegungsmustern schließt, wie man sich fühlt. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 08.09.2010)