Menschenaffen mit Mitgefühl

Auch Tiere sind einfühlsam, sagt der Primatologe Frans de Waal - In seinem neuen Buch ruft der Menschenaffenexperte gar ein "Zeitalter der Empathie" aus

Es muss eine dramatische Szene gewesen sein, die sich da im Schimpansengehege eines schwedischen Zoos abspielte: Ein Jungtier hatte sich beim Spielen das von oben herabhängende Seil um den Hals gewickelt und drohte nun vor den Augen der entsetzten Besucher zu ersticken.

Was tun? "Sie können nicht einfach in einen Schimpansenkäfig reinmarschieren", erklärt Primatenforscher Frans de Waal, das sei viel zu gefährlich. Als Retter in höchster Atemnot kam ein Artgenosse daher. Das Alpha-Männchen der Gruppe fasste das Jungtier mit einem Arm, um den Druck des Körpergewichtes zu nehmen, und löste dann mit der anderen Hand das Seil vom Hals.

Frans de Waal erzählt diese Geschichte häufig: in seinem 2009 erschienenen Buch The Age of Empathy (Deutsch so viel wie "Zeitalter des Mitgefühls"), das seit gestern auch als Taschenbuch vorliegt, in Interviews und bei Vorträgen. So etwa auch am letzten Sonntag als Hauptredner bei der Jahreskonferenz der EMBO (European Molecular Biology Organization) in Barcelona.

Zielgerichtetes Helfen

Die Geschichte illustriert bestens de Waals Konzept des "targeted helping", des zielgerichteten Helfens. Das Alpha-Männchen im schwedischen Zoo schien die Situation genau erfasst zu haben. Es hätte ja auch panisch am Körper des jungen Schimpansen zerren und ihn so erst recht strangulieren können, gibt de Waal zu bedenken.

Die Anekdote genieße in der Psychologie und in der Verhaltensforschung einen schlechten Ruf, gesteht de Waal im Interview mit dem Standard ein. Sie beruht auf Hörensagen und ist dem Zufall geschuldet, nicht einem wohldurchdachten experimentellen Design, ist also auch nicht reproduzierbar. De Waal hingegen argumentiert: Natürlich sei die Aussagekraft einer Anekdote begrenzt, aber sie könne ja das eigene Denken in Gang bringen und zu neuen Fragestellungen führen.

Und dann gebe es Situationen, die man experimentell nicht testen kann und will. Also etwa Schimpansen aufknüpfen, um zu sehen, ob die Artgenossen wissen, wie man den Probanden vor dem Ersticken rettet.

Würde man Menschen auf der Straße fragen, ob sie Tieren Gefühle und auch Einfühlungsvermögen zugestehen würden, sagten wohl die meisten ja, so de Waal. In der Verhaltensforschung sei das lange umgekehrt gewesen, viele Wissenschafter hielten diese Idee für eine menschliche Projektion.

Für de Waal ist hingegen klar: alle Säugetiere sind der Empathie fähig. Seit 1997 leitet de Waal das Living Links Center zur Erforschung der Evolution bei Menschenaffen und Menschen, das zum Yerkes Primatenforschungszentrum der Emory University im US-Bundesstaat Georgia gehört. Hier geht er mit seiner etwa zwanzigköpfigen Arbeitsgruppe Fragen nach tierischem Denken, Fühlen und Handeln nach.

Durch systematische, auf Video dokumentierte Versuche und anekdotenfrei, versteht sich. Vor kurzem publizierte seine Mitarbeiterin Teresa Romero eine Studie (PNAS, Bd. 107, S. 12110), die zeigt, dass sich Schimpansen, ähnlich wie Menschen, gegenseitig trösten. Empirische Grundlage: 4000 "Fälle".

Um sein Empathie-Argument zu untermauern, führt de Waal auch zahlreiche Studien anderer Forscher an. 2006 konnten Dale Langford und Kollegen zeigen, dass selbst Mäuse "mitleiden", wenn andere Mitglieder ihrer Gruppe Schmerz erfahren (Science Bd. 312, S. 1967). Zudem können einige höhere Säugetiere, wie Menschenaffen, Delfine und (laut rezenten Versuchen von de Waal im Bronx Zoo in New York) sogar Elefanten sich selbst im Spiegel erkennen und in andere Artgenossen hineinversetzen.

Die Versuche von de Waal und anderen Verhaltensforschern zeigen auch, dass Empathie, Hilfsbereitschaft und die Bereitschaft zur Kooperation unter Mitgliedern der selben Gruppe signifikant höher sind als zwischen fremdem Tieren.

De Waals jüngstes Buch The Age of Empathy heißt im Untertitel Nature's Lessons for a Kinder Society, auf Deutsch etwa: "Die Lehren der Natur für eine gütigere Gesellschaft". Von der US-amerikanischen Wissenschaftsforscherin Donna Haraway stammt das Bonmot, Primatologie sei Politik mit anderen Mitteln. Der gebürtige Niederländer de Waal lebt und forscht seit 1981 in den USA. Klar, sagt er im Interview, die Ansichten der Primatologie seien immer auch vom gesellschaftlichen Kontext geprägt.

Politik der Primatologie

Er verweist auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Primatologen ganz auf die Erforschung der Aggression fixiert waren. Und ja, seine Forschung sei sicherlich geprägt durch den Turbo-Kapitalismus der USA, die Bush-Jahre und die mangelhafte Ausgestaltung des Sozialstaates (Stichwort: Krankenversicherung). Gerade nach dem Wirtschaftscrash von 2008 werde nun in den USA viel über ein neues Menschenbild und die Notwendigkeit eines neuen Miteinander diskutiert.

Er habe eine politische Botschaft, sagt de Waal ganz offen. Er möchte darauf hinweisen, dass Säugetiere und damit auch Menschen eben nicht nur gierig, machtbesessen und egoistisch seien: "Wir sind von Natur aus weder gut noch böse." Klingt gut - und doch bleibt ein wenig Unbehagen zurück. Die Autorität der Natur in Anspruch zu nehmen, kann nämlich auch zu politischem Missbrauch führen.

Weniger wohlmeinende Geister als de Waal könnten sich etwa jene Aspekte dieser Forschungsrichtung herauspicken, die zeigen, dass bei Mäusen und Affen Empathie stark mit Verwandtschaft und der Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe korreliert. Und damit argumentieren, es sei "natürlich" weniger einfühlsam mit Fremden zu sein. (Oliver Hochadel aus Barcelona/DER STANDARD, Printausgabe, 08.09.2010)

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Dazu fällt mir ein Zitat v Gould ein:

Warum sollte unsere Bösartigkeit das Gepäck einer äffischen Vergangenheit und unsere Gutartigkeit etwas exklusiv Menschliches sein? Warum sollten wir nicht auch hinsichtlich unserer edlen Eigenschaften nach Kontinuität mit anderen Tieren suchen?

Dass Tiere, die in Rudeln leben zu Empathie fähig sind,

ist zwingend logisch. So lukriert die Gruppe durch gegenseitige und zeilgerichtete Hilfe entscheidende Überlebensvorteile. Unwahrscheinlich, dass die Evolution auf Dauer keine Empathie hervorbringt.

Unsere nicht. Im Gegenteil, sogar.

Unsere Ultrarechten und deren Wähler verstehen gar nicht, was Empathie ist. Sie haben im Mitgefühl ein riesenhaftes Defizit. Für Hunde und Katzen können sie fühlen; für ihre Mitmenschen nicht, das ist Gesindel (ein Beispiel: die Krone). Und alles, was sie respektieren, ist ihre eigene Gesinnung; sie kennen keine Demut, keine Verbeugung vor dem anderen; niemand weiß mehr als sie, ob der studiert hat und Bücher und so unnötigen Krempel geschrieben oder nicht....ebensowenig nehmen sie schlimme Erfahrungen als bedeutsam an. Sie assimilieren kein Wissen - sie verweigern es, und werden somit ignorant bleiben.

Sie haben enorme, unterdrückte, Minderwertigkeitsgefühle.

Die meisten sind wohl Soziopathen eines unerträglich aufgeblasenen Egos.

Und Sie sind frei von Ihrem Ego?

Wenn, dann bestünde Ihr Dasein nur aus bloßer Existenz, nicht aber menschlichen Lebens. Vielleicht meinen Sie Egozentrik.

du kannst nur mitgefühl wnen du ein ego hast wenn du ein ego hast dann bist du dann weißt du aber auch um die existenz der anderen..

Die von Ihnen Beschriebenen sind v.a. im Umgang mit den Bedürfnissen ihrer eigenen Kinder genauso empathielos (nix mit "innerhalb der eigenen Gruppe"), so wie deren Eltern es schon mit ihren Bedürfnissen waren.

Ja genau. Aber Hauptsache: VIELE keine Gschrappn zeugen. (Na ja vielleicht verteilt sich das Unglück dann ein bisserl?)

Empathie kann sich unser (Wirtschafts-) System nicht leisten. Schon gar nicht bei den "einfachen Arbeitstieren". Da ist Neid und Missgunst unter den Vasallen nur zuträglich, um das System stabil zu halten.

Natürlich haben Tiere auch Gefühle und natürlich korelliert (auch die menschl.) Empathie mit Verwandtschaft und Gruppenzugehörigkeit. Das hat im Laufe der Evolution eben Vorteile gebracht. Die Ansicht, dass etwas, das ist, auch automatisch gut ist, ist aber genausowenig hilfreich wie die, dass nicht sein kann was nicht sein darf. Deshalb ist es gut zu wissen was ist, dann kann man besser lernen, damit umzugehen. De Waal soll weiterforschen, die Ergebnisse sind interessant.

Achtung - wenn Sie meinen, alles Gute im Menschen auf Vorteile für ihn während der Evolution zurückführen zu können, reduzieren Sie den Mn ebenfalls auf die reine Biologie. Ich müßte ständig nur auf mein Vorteil bedacht sein, das ist nicht der Fall. Wenn die Empathie mit anderen (nur) Vorteile bringt, warum sind haben dann viele ökonomisch erfolgreiche Mn ein diesbezügliches starkes Defizit? Siehe auch -> @greenberetta

Bitte Gefühle nicht mit Emotionen verwechseln!

Tiere - auch Menschen - finden hauptsächlich wegen Gerüche - Pheromone - zueinander bzw. wieder, jedoch nicht: Ach, da ist mein Kerl mit dem schönen Federschmuck... Sonst sind die Erkenntnisse von de Waal interessant, aber nicht in Bezug auf menschliches Verhalten der Gegenwart, wo die Evolution ohnehin seit den Neanderthaler abgeschlossen ist - scheinbar.

Wozu dann der Federschmuck? Ich finde de Waals Erkenntnisse auch in Bezug auf menschl Verhalten interessant und wichtig. 'Der Mensch hat noch viel vom Affen', auch wenn er sich weiterentwickelt hat. Dieses Weiterentwickeln führte u.a. dazu, dass der Mensch überlegen und diskutieren kann, ob es gut ist, wenn man der Verwandtschaft mehr Empathie entgegenbringt als anderen oder ob man es doch anders machen sollte. Affen stellen solche Überlegeungen mE nicht an. Aber das behauptet de Waal meines Wissens auch nicht, obwohl ich auch schon den Eindruck hatte, dass er ein bißchen zu sehr vermenschlicht.

Was...ist der Unterschied zwischen Gefühl und Emotion?

Also, bitte Darwin genauer lesen.

Wir Menschen entstammen aus einer genetischen Linie, in der auch Affen vorkommen, nicht aber direkt von dieser Art. Das Einzige, was direkt sich zurückfolgen lässt, ist, das wir mal sowas wie Fische waren - davon zeugt heute noch ein Rest von Rest eines Kiemen im Gehirn - ohne Funktion. Und daraus unser Ohr...

Hei, Sie haben Kiemen im Gehirn?

Wie geschrieben,

in jedem von uns. Nur ohne aktuelle Bedeutung. Und ich möchte meine Zigarre jetzt in Ruhe zu Ende rauchen. Und Akten liegen auf meinem Privattisch.

Empfehle der Staatsanwaltschaft eine Hausdurchsuchung. Aber dalli!

Na, na!

Die Sache mit den Kiemenbögen im Laufe der Wirbeltier-Evolution hat halt gar nix mit der Gehirnentwicklung zu tun. Gucken´s mal unter Viscerocranium und Neurulation nach, vielleicht sehen Sie dann klarer.
Und nicht vergessen: auch Fische mit noch vorhandenen Kiemenbögen und Kiemen haben ein Gehirn.

Belassen wir es bei Kiemen.

Emotionen sind Ausdrucksformen der Sinne,

Gefühle übers Hirn verarbeitete Emotionen - bewusst wie unbewusst.

:(

"Würde man Menschen auf der Straße fragen, ob sie Tieren Gefühle und auch Einfühlungsvermögen zugestehen würden, sagten wohl die meisten ja, so de Waal."

Hab leider schon oft das Gegenteil gehört :(
Halt durchwegs von Leuten mit Imaginären Freunden, die verstaubten Lehren folgen.

http://www.zeit.de/2007/34/N... kastration

Nicht nur verstaubten Lehren, sondern leider sogar mainstream.

Elefanten sind fast blind!

'Gut' und 'böse' sind menschliche moralische Begriffe. Was dem einen gut tut, kann für den anderen bös ausgehen. Denken wir dabei an KH Grasser & Co. Auch Mobbing ist Empathie, genauso wie Schadenfreude. Die Vernunft, die Schutzhaut gegen das Irrationale, ist rissig geworden. Auf einmal klafft da eine Lücke, die egozentrischen Gefühlen Raum bietet. Es wird einem etwas vorgelitten, aber man kann deshalb noch lange nicht mitleiden. Nichts mit Empathie. Kant trennte daher strikt das Reich der Freiheit und jenes der Natur. Beide sind unvereinbar. Ähnlichkeit ist keine Voraussetzung für Empathie, sondern ihr Ergebnis.

Sie meinen, empathisch handelt jeder, egal was er tut?

Dann bräuchte es keine Voraussetzungen dafür. Denn man ist mit seinesgleichen sowieso solidarisch. (Genetisch vorgegeben?) Wenn man mit seinesgleichen sowieso solidarisch ist, dann ist Ähnlichkeit aber eine Voraussetzung.

Bitte nichts durcheinander bringen.

Empathie - was das auch immer sein soll, ist ja nur eine sprachliche Metapher - nicht mit Solidarität verwechseln! Auch ein Mörder solidarisiert sich mit einem Mörder, wenn beide in derselben Zelle einsitzen.

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