Und was das mit dem großen Verbesserungspotenzial des Bildungssystem zu tun hat
Den Landeshauptleuten kann man getrost unterstellen, dass es ihnen nicht um "unsere Kleinsten" geht, wie Erwin Pröll, Regent in St. Pölten, so treuherzig versichert, sondern um Einflussbereich, um Geld, also um Macht. Die Schüler und Schulen sind dem Erwin und seinen Machthaberern im Grunde genommen egal. Nur deshalb kann es sein, dass der Republik eine Debatte über Bundes- oder Landeslehrer aufgezwungen wird, anstatt über die wichtigen und realen Probleme zu reden. Prölls Vision eines Zwergenstaates, in dem in jedem Klassenzimmer ein Haarkranz als Insignie seines Machtanspruchs hängt, ist Symptom einer verkehrten Bildungsdebatte, die an den Problemen des Systems und den Bedürfnissen der Betroffenen weiträumig vorbeigeht.
Wohin das führt, sieht man an den mittlerweile gefürchteten Pisa-Tests oder auch an der jüngsten OECD-Studie, die Bildungsindikatoren international vergleicht: Österreich schneidet schlecht ab. Österreich investiert viel in Bildung, aber es kommt relativ wenig dabei heraus. Die Kinder und Jugendlichen sind weniger gut gebildet und betreut als anderswo, die Akademikerquote ist im internationalen Vergleich immer noch schlecht. Das System ist sauteuer, aber wirkt nicht. Das Modell ist schlicht ineffizient, was auch daran liegt, dass viele Politiker Bildung immer noch als ideologisches Schlachtfeld missbrauchen, um dort ihre Scharmützel auszutragen.
Im Grunde genommen ist bekannt, was falsch läuft. Bereits im Kindergarten gehören die Kinder besser auf die Schule vorbereitet, auch mit sanftem Zwang. Ja, Kinder von Migranten tun sich aufgrund mangelhafter Sprachkenntnisse oft schwerer als andere. Ihnen muss geholfen werden. Dieses Problem wollen nicht alle erkennen.
Die Trennung der Kinder mit zehn Jahren in ein Zwei-Klassen-System mit angeblich weniger gscheiten und mehr gscheiten Kindern ist ungerecht, unsinnig und zementiert bloß soziale Unterschiede - dank des Elitedenkens einiger Menschen in der ÖVP. Das zu überwinden scheint eine unmögliche politische Kraftanstrengung.
Was ebenfalls bekannt ist, politisch aber nicht angetastet wird: In Österreich stehen die Lehrer weniger lang in der Klasse als im internationalen Vergleich. Um es freundlich zu sagen: Ihre Ressourcen werden schlecht genützt. Aber weil es die Gewerkschaft so will, nimmt es die Politik eben hin.
Ein Schlachtfeld auch die Hochschule: Der Streit um Studiengebühren wird an der Akademikerquote nichts ändern. Es ist einfallslos, Bildung kostenpflichtig zu machen. Sehr wohl aber ließen sich die Qualität des Studiums und vielleicht auch die Motivation der Studierenden durch Eingangsphasen und Auswahlverfahren heben - ohne dass dabei gleich der freie Hochschulzugang gekappt wird.
Es gäbe vieles zu tun, im Großen wie im Kleinen - und Prölls Provinzialisierungsfantasien gehören nicht dazu. Klar ist: Bildung braucht bessere Bedingungen. Es ist notwendig, Geld in die Hand zu nehmen. Bildung kostet. Und sie rentiert sich - für die Betroffenen, für den Staat, für die Gesellschaft. Diese Notwendigkeit mit Kanzler Werner Faymann und Vize Josef Pröll zu diskutieren ist leider ebenso erfüllend, wie mit Onkel Erwin die Abschaffung der Länder oder die jüngste Frisurenmode zu erörtern. Die Regierung hat derzeit nur das Sparen und den Budgetrahmen im Sinn. Da blickt niemand über den Tellerrand, der sich über dem Becken zwischen Wien und St. Pölten auftut, hinaus. (Michael Völker, DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2010)