OECD-Experte Andreas Schleicher rechnet Österreichs akademischen Nachholbedarf vor, rechtfertigt Studiengebühren samt Studienkrediten und hofft, "auch einen Finanzminister überzeugen" zu können
Standard: "Österreich hat zu wenige Akademiker" lautete der OECD-Befund 2005, '06, '07, '08, '09 und jetzt im sechsten Jahr in Folge wieder. Ein Zeichen für eine gescheiterte Hochschulpolitik?
Schleicher: Es ist richtig, dass in Österreich bei jungen Menschen, aber auch in der Bevölkerung insgesamt, der Anteil der Hochqualifizierten mit Studium oder höherer beruflicher Bildung sehr gering ist. Nehmen Sie die Schweiz, dort leben gut 1,4 Millionen Erwerbsfähige mit tertiärer Ausbildung, in Österreich sind es dagegen nur gut 800.000, und das bei einer vergleichbaren Bevölkerung. Österreich hat einen Nachholbedarf, der sich auch in den weiter wachsenden Einkommensvorteilen zeigt, die Hochqualifizierte gegenüber Absolventen einer beruflichen Bildung erzielen. In den vergangenen Jahren ist jedoch das Interesse am Studium und auch der Anteil der Absolventen deutlich gestiegen. Wenn sich diese Entwicklung verfestigt, können wir auch in Österreich von einem Aufholprozess sprechen.
Standard: Und was passiert, wenn diese absteigende Tendenz in Österreich ungebremst weitergeht? Was wären die Konsequenzen für die Volkswirtschaft?
Schleicher: Wenn die Fachkräfte, die die Wirtschaft offensichtlich nachfragt, nicht zur Verfügung stehen, macht sich das sehr schnell in höheren Lohnkosten für Spitzenqualifikationen, Abwanderung der Industrie und langfristig nachlassendem Wachstum und Wohlstand ab.
Standard: Als Verteidigungsargument kommt in Österreich oft: Andere Länder rechnen ihre Akademikerquoten geschickter, da sind Gruppen drin, die bei uns nicht als Akademiker zählen - Wahrheit oder Selbstbeschummelung?
Schleicher: Die Zuordnung einzelner Bildungsgänge zu Tertiär- oder Sekundarbereich geschieht anhand einer international abgestimmten Klassifikation, an der auch Österreich mitgearbeitet hat. Wie bei allen Statistiken, gibt es auch hier im Detail Abgrenzungsprobleme. Wir haben uns auch die Situation in Österreich angesehen und haben keine Hinweise, dass Qualifikationen in unseren Daten systematisch unterbewertet sind.
Standard: Was entgegnen Sie jenen, die sagen, es gäbe gar nicht so viele Arbeitsplätze für Akademiker, wie die OECD immer fordert?
Schleicher: Wenn das so wäre, müssten Akademiker im Verhältnis zu Absolventen einer beruflichen Ausbildung immer weniger verdienen und häufiger arbeitslos sein. Das Gegenteil ist der Fall. Für uns bedeutet das: Das Angebot an Hochqualifizierten steigt, aber die Nachfrage steigt eben noch schneller.
Standard: Die Staaten müssen sparen und Defizite abbauen - was soll das für die Bildungsausgaben heißen? Braucht es mehr Geld der Bürger? Studiengebühren? Immerhin zeigt auch die neue OECD-Studie, dass ein Studium sehr hohe individuelle Benefits bringt.
Schleicher: Das ist richtig. Gerade die tertiäre Ausbildung rechtfertigt aufgrund dieser persönlichen Renditen auch einen Eigenbeitrag des Individuums. Dieser sollte aber so erbracht werden, dass er den Einzelnen nicht von der Aufnahme eines Studiums abhält. Ein sinnvolles Modell hierfür wären Studienkredite, die dann in der Erwerbsphase abhängig vom Einkommen zurückgezahlt werden.
Standard: Auffällig ist auch diesmal, dass Österreich, wenn es um Erfolgsquoten geht, meist auf der schlechten Seite der Skala landet, bei den Geldausgaben aber auf der besonders teuren Seite. Geben wir zu viel Geld für das Falsche aus, da die Ergebnisse offenkundig nicht stimmen, wie wir spätestens seit Pisa Schwarz auf Weiß haben?
Schleicher: Wir stellen in vielen OECD-Ländern fest, dass mehr Geld für Bildung nicht unbedingt zu besseren Ergebnissen führt. Gerade in der Bildung kommt es eben auch auf die Strukturen, Konzepte und Anreize an. Wenn ich für Lehrkräfte ein mit Berufserfahrung automatisch steigendes Gehalt biete, dies aber nicht an die individuellen Leistungen kopple, erreiche ich mit mehr Geld nicht unbedingt bessere Ergebnisse.
Standard: In Summe ist Österreich eines von nur einer Handvoll Ländern, deren (private und öffentliche) Bildungsausgaben gemessen am BIP von 1995 bis 2007 stetig gesunken sind - ein Armutszeugnis für ein Land von der wirtschaftlichen Potenz Österreichs oder politische Hochrisikostrategie?
Schleicher: Aus unserer Sicht wäre schon viel gewonnen, wenn man Bildungsausgaben als das bezeichnen würde, was sie faktisch sind: Investitionen, die bei kluger Anlage eine erhebliche Rendite abwerfen. Das zeigen unsere Berechnungen in "Bildung auf einen Blick". Die öffentliche Debatte sollte so geführt werden, dass man sich diese für den Staat und die Gesellschaft als Ganzes übrigens sehr sichere Anlage in keinem Fall entgehen lassen sollte. Das müsste auch einen Finanzminister überzeugen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2010)