"Bildungsinvestitionen sind für den Staat eine sehr sichere Anlage"

07. September 2010 18:41
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    Foto: oecd

    ANDREAS SCHLEICHER (46) leitet bei der OECD in Paris die Abteilung für Indikatoren und Analysen im Direktorat für Bildung. Der gebürtige Deutsche ist der "Erfinder" der internationalen Schülervergleichsstudie "Pisa".

OECD-Experte Andreas Schleicher rechnet Österreichs akademischen Nachholbedarf vor, rechtfertigt Studiengebühren samt Studienkrediten und hofft, "auch einen Finanzminister überzeugen" zu können

Standard: "Österreich hat zu wenige Akademiker" lautete der OECD-Befund 2005, '06, '07, '08, '09 und jetzt im sechsten Jahr in Folge wieder. Ein Zeichen für eine gescheiterte Hochschulpolitik?

Schleicher: Es ist richtig, dass in Österreich bei jungen Menschen, aber auch in der Bevölkerung insgesamt, der Anteil der Hochqualifizierten mit Studium oder höherer beruflicher Bildung sehr gering ist. Nehmen Sie die Schweiz, dort leben gut 1,4 Millionen Erwerbsfähige mit tertiärer Ausbildung, in Österreich sind es dagegen nur gut 800.000, und das bei einer vergleichbaren Bevölkerung. Österreich hat einen Nachholbedarf, der sich auch in den weiter wachsenden Einkommensvorteilen zeigt, die Hochqualifizierte gegenüber Absolventen einer beruflichen Bildung erzielen. In den vergangenen Jahren ist jedoch das Interesse am Studium und auch der Anteil der Absolventen deutlich gestiegen. Wenn sich diese Entwicklung verfestigt, können wir auch in Österreich von einem Aufholprozess sprechen.

Standard: Und was passiert, wenn diese absteigende Tendenz in Österreich ungebremst weitergeht? Was wären die Konsequenzen für die Volkswirtschaft?

Schleicher: Wenn die Fachkräfte, die die Wirtschaft offensichtlich nachfragt, nicht zur Verfügung stehen, macht sich das sehr schnell in höheren Lohnkosten für Spitzenqualifikationen, Abwanderung der Industrie und langfristig nachlassendem Wachstum und Wohlstand ab.

Standard: Als Verteidigungsargument kommt in Österreich oft: Andere Länder rechnen ihre Akademikerquoten geschickter, da sind Gruppen drin, die bei uns nicht als Akademiker zählen - Wahrheit oder Selbstbeschummelung?

Schleicher: Die Zuordnung einzelner Bildungsgänge zu Tertiär- oder Sekundarbereich geschieht anhand einer international abgestimmten Klassifikation, an der auch Österreich mitgearbeitet hat. Wie bei allen Statistiken, gibt es auch hier im Detail Abgrenzungsprobleme. Wir haben uns auch die Situation in Österreich angesehen und haben keine Hinweise, dass Qualifikationen in unseren Daten systematisch unterbewertet sind.

Standard: Was entgegnen Sie jenen, die sagen, es gäbe gar nicht so viele Arbeitsplätze für Akademiker, wie die OECD immer fordert?

Schleicher: Wenn das so wäre, müssten Akademiker im Verhältnis zu Absolventen einer beruflichen Ausbildung immer weniger verdienen und häufiger arbeitslos sein. Das Gegenteil ist der Fall. Für uns bedeutet das: Das Angebot an Hochqualifizierten steigt, aber die Nachfrage steigt eben noch schneller.

Standard: Die Staaten müssen sparen und Defizite abbauen - was soll das für die Bildungsausgaben heißen? Braucht es mehr Geld der Bürger? Studiengebühren? Immerhin zeigt auch die neue OECD-Studie, dass ein Studium sehr hohe individuelle Benefits bringt.

Schleicher: Das ist richtig. Gerade die tertiäre Ausbildung rechtfertigt aufgrund dieser persönlichen Renditen auch einen Eigenbeitrag des Individuums. Dieser sollte aber so erbracht werden, dass er den Einzelnen nicht von der Aufnahme eines Studiums abhält. Ein sinnvolles Modell hierfür wären Studienkredite, die dann in der Erwerbsphase abhängig vom Einkommen zurückgezahlt werden.

Standard: Auffällig ist auch diesmal, dass Österreich, wenn es um Erfolgsquoten geht, meist auf der schlechten Seite der Skala landet, bei den Geldausgaben aber auf der besonders teuren Seite. Geben wir zu viel Geld für das Falsche aus, da die Ergebnisse offenkundig nicht stimmen, wie wir spätestens seit Pisa Schwarz auf Weiß haben?

Schleicher: Wir stellen in vielen OECD-Ländern fest, dass mehr Geld für Bildung nicht unbedingt zu besseren Ergebnissen führt. Gerade in der Bildung kommt es eben auch auf die Strukturen, Konzepte und Anreize an. Wenn ich für Lehrkräfte ein mit Berufserfahrung automatisch steigendes Gehalt biete, dies aber nicht an die individuellen Leistungen kopple, erreiche ich mit mehr Geld nicht unbedingt bessere Ergebnisse.

Standard: In Summe ist Österreich eines von nur einer Handvoll Ländern, deren (private und öffentliche) Bildungsausgaben gemessen am BIP von 1995 bis 2007 stetig gesunken sind - ein Armutszeugnis für ein Land von der wirtschaftlichen Potenz Österreichs oder politische Hochrisikostrategie?

Schleicher: Aus unserer Sicht wäre schon viel gewonnen, wenn man Bildungsausgaben als das bezeichnen würde, was sie faktisch sind: Investitionen, die bei kluger Anlage eine erhebliche Rendite abwerfen. Das zeigen unsere Berechnungen in "Bildung auf einen Blick". Die öffentliche Debatte sollte so geführt werden, dass man sich diese für den Staat und die Gesellschaft als Ganzes übrigens sehr sichere Anlage in keinem Fall entgehen lassen sollte. Das müsste auch einen Finanzminister überzeugen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2010)

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pacatianus
 
19.09.2010 20:40

Wirtschaftsstandort heißt Wissensstandort und darüber hinaus sollte Bildung für jeden Bürger den Grad seiner Entscheidungsfreiheit vergrößern. Dzt wird aber von den ÖVP Bildungsministern absolut nichts dafür getan. Außer der Forderung nach Studiengebühren fehlt jede inhaltliche Idee. Vielleicht will man ja auf dem Produktionssektor den Chinesen Konkurrenz machen, dann kann man das ja so lassen, das wäre aber langfristig nicht besonders schlau. Aber schlau ist relativ - bei der ÖVP halten sich manche schon für schlau, wenn sie im ganzen Leben ein einziges Buch gelesen haben.

Silvio Lackner
16.09.2010 12:42
Sind denn alle Akademiker und Bildungsexperten bloß noch Hamster in einem Laufradl? Wer ist denn nun wirklich gebildet, hierzulande? Ein einfacher, ehrlicher Arbeiter bald mehr, als dieses Hamster-Heer.

Ich verlange ein Recht auf Bildung ohne diesen unwürdigen Amortisationshintergedanken. Wenn Arbeit als sozialer Beitrag und Bildung nicht als blanker Vektor zum materiellen Reichtum angesehen wird, erübrigt sich diese Diskussion um Akademikerquoten.

harry 90210
08.09.2010 13:30
Naja

Sorry, aber ich denke ein Punkt wird hier übersehen, oder einfach nicht deutlich genug betont. Habe selbst in Mindestzeit ein Dok studium absolviert, jedoch sind keinerlei Arbeitsplätze vorhanden (nein liebe Kritiker, nicht Publizistik, sondern Biotech). Bin der Meinung daran fehlts, welcher Akademiker bleibt in einem Land wo er maximal als Taxler oder Kellner arbeiten kann, wenn im Ausland nette Gehälter und gute Jobs winken.
Daher Liebe Politiker, nicht Österreich Genfrei machen, sondern Arbeitsplätze schaffen, denn sonst brauch ich so ein Studium nicht mal anbieten!!!!

Prof. Alois
 
16.09.2010 16:12
Ohne Ihnen zu nahe treten zun wollen

Dass man mit einer bestimmten Ausbildung einen Job finden muss, ist nicht gesagt. Da gehören schon auch Persönlichkeitsmerkmale dazu, dass man genommen wird.
Es ist also denkbar, dass die Persönlichkeit eines Doktoranden nicht für eine Anstellung im eigenen Fachbereich genügt, aber für Taxifahren allemal.

Grashalm
08.09.2010 10:26
und die uni wird wieder brennen, diesen herbst..

El Chó
08.09.2010 10:06
Herzlichen Dank an Schüssel, Gehrer, Grasser und Co

MondXicht
08.09.2010 10:02
Österreich hat zu wenige Akademiker

Zuwenige Publizistik und IE-Studenten werden's aber wohl nicht sein.
Einen Mangel gibt es, hört man seit Jahren, zB bei Technik Studenten. Was ich verstehen kann, Technik hat nunmal viel mit Mathe zu tun und wird mit allgemeinem Nerd-tum assoziiert. Für viele, die sich selbst verwirklichen wollen, ist Technik halt nicht attraktiv genug. Für Ankömmlinge aus den unteren Schichten ist es aber, glaub ich, eine gute Möglichkeit gesellschaftlich und finanziell aufzusteigen.

Rot bis in den Tod - nein danke
08.09.2010 09:49
SPÖ und ÖVP bauen um 3 Milliarden EUR den Lobautunneln

Das ist unser Steuergeld das verschwendet wird.

Für 3 Milliarden EUR bekämen wir die besten Schulen und Universitäten, und das Sozialsystem wäre für Jahre abgesichert.

Prof. Alois
 
16.09.2010 16:15
Die ÖBb fressen 4 Milliarden Steuergeld jedes Jahr

Und wer damit fahren will, muss nochmal extra zahlen. Was beim Studieren ja nicht ist.

mr_harrison
08.09.2010 10:31
Nein wäre es nicht...

Nein wäre es nicht! Um das Budget des Wissenschaftsministeriums auf die versprochenen 2% des BIP zu heben, wären jährlich 2 Mrd. Euro nötig! Der Lobautunnel wird (falls er gebaut wird) nur einmal gebaut.
Ein Bekenntnis zu Wissenschaft und Forschung als Wohlstandstreiber und ein "Umdenken im großen Stil" ist notwendig, um den Wohlstand und den Standort für die Zukunft zu sichern.
har

Rot bis in den Tod - nein danke
08.09.2010 13:47
Die Betreibung des Lobautunnels, Wartungsarbeiten, und Umweltkosten

haben Sie vergessen

Nie mehr SPÖ
08.09.2010 09:45
Die Grünen fordern dies schon seit 10 Jahren

SPÖ und ÖVP bringen nix zusammen , weil Sie nur Ihre Lobbies versorgen wollen.
Ich wünsche mir das zumindest alle standard LeserInnen den Grünen Ihre Stimme geben, damit sich endlich was in Bewegung setzt.

BildungsKarenz
08.09.2010 10:03

den grünen eine stimme geben um etwas zu bewegen, finde ich schon sehr optimistisch...

gibts nicht - gibts nicht
08.09.2010 09:31
Eingespart und verludert....

jetzt mit der Schließung der Universitäten drohen wenn keine Studiengebühren eingehoben werden und über externe Freunderl ausrichten, dass das Bildungsbudget erhöht werden muß.

DIE BILDUNGSPOLITIK DER ÖVP !!!

Die Ente Lippens
08.09.2010 09:24
Österreich braucht dringend noch mehr Publizistik-, Anglizistik- , Geographie- Volkswirtschaftsabsolventen!!!

Das hat auch den tollen Nebeneffekt, dass wir dann später noch zusätzlich super-stories über akademikerarbeitslosigkeit und unbegreifliche Flaute auf dem Arbeitsmarkt für Publizisten usw im profil etc lesen können.

The Chaos Path
08.09.2010 09:29

ändert aber nichts daran, dass die bildungsausgaben in österreich offensichtlich relativ niedrig sind. sagt ja keiner, dass eine erhöhung nur in die akademische bildung gehen muss.

Die Ente Lippens
08.09.2010 09:22
schön, ein oecd experte zu sein. immer besserwisser, keinerlei verantwortung, viel geld, und der groesste unsinn ist nach wenigen tagen bereits vergessen (weil es allen egal ist) und löst selbst nach entdeckung keinerlei öffentliche empörung aus (wei

l es allen wurscht ist)

lemming0815
08.09.2010 08:21
Zusammenhang?

[...] In den vergangenen Jahren ist jedoch das Interesse am Studium und auch der Anteil der Absolventen deutlich gestiegen. Wenn sich diese Entwicklung verfestigt, können wir auch in Österreich von einem Aufholprozess sprechen.

Standard: Und was passiert, wenn diese absteigende Tendenz in Österreich ungebremst weitergeht?

-Lucien-
08.09.2010 08:21

Schleicher schleich dich! Wir brauchen keine Belehrungen von Deutschen aus dem Ausland!

MondXicht
08.09.2010 10:03

Na, Graf Dracula, hast das Interview überhaupt gelesen?

adler15
08.09.2010 08:16
Bildungsoffensive s o f o r t

Vorschlag: Abtausch: Studiengebühren sozial gestaffelt, dafür freie Hand für Schmied für die 7-14 jährigen Schüler.

Und ja keine Verländerung: Die Lehrer (VS, HS, NM) sollen dem Bund unterstellt werden, weil ja sonst keine Schulreform möglich ist.

und:

Liebe Frau Schmied, halten Sie durch!

Lassen Sie Sich von der Männerriege Häupl, Pröll und Co. nicht einschüchtern. Es geht um unsere Kinder!!!

Neuwahlen sind nichts Schlimmes, da bekommt die ÖVP dann den verdienten Rüffel für die Blockade der Bildungsreform. (Ganztagsschulen, gemeinsame Schule der 9-14jährigen, mehr Geld für die Bildungsoffensive etc.)

Liebe Grüße

Eine besorgte Mutter

m rams
08.09.2010 08:50
Mehr Geld für eine Bildungsoffensive

wird es von Fr. Schmied aber sicher nicht geben. Die hat ja bisher nur "Offensiven" gestartet die vorrangig das Sparen zum Ziel hatten. Und selbst das neue Dienstrecht, das noch ansteht ist ein Sparprogramm.
Sie sollten in Ihrem Fall lieber für die "Verländerung" sein, da die Länder dem Bund so bisher zig Millionen für Bildung abgeluchst haben.

mountaineer
08.09.2010 08:25

ich als besorgter vater weiß, dass mein kind fleißig und talentiert ist und es auch trotz des ö. bildungssystems zu etwas bringen wird - vorausgesetzt, die einstellung stimmt.

MondXicht
08.09.2010 10:08

Wenn wir so ein mieses untergebildetes Land sind, warum sind wir dann internationale Exportgröße beim Knowhow für Hydrotechnik, Stahlverarbeitung, Chemie und andere hochindustrielle Bereiche?
Will nicht sagen ich hab nix gelernt an der Schule in diesem bösen, garstigen land wo alle dumm sind, aber hauptsächlich hab ich eins gelernt: Mir selbst beizubringen was mich interessiert.
Ich kann mir vorstellen, bei ihrem Sohn ist das ähnlich.

Altered States
 
08.09.2010 10:05
Schön,

dass Sie sich um Ihr Kind keine Sorgen machen müssen. Sozialdarwinistisch - Haupsache meine Brut kommt durch.... Es müssen aber auch die weniger "talentierten" Kinder gut ausgebildet werden, sonst werden diese einmal Ihrem Superkind auf der Tasche liegen.
Sehr kurz gegriffen und egozentrisch, Ihre Sichteweise. Es gibt sicher viele talentierte Kinder, nur stimmen die Rahmenbedingungen für sie nicht und das muss sich verbessern!

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