Wiederaufnahme von Puccinis "Bohème"
Wien - Dominique Meyer dürfte mit dem Theaterdirektor aus Goethes Faust die Einsicht teilen, dass es klug sei, dem Publikum ein möglichst breit gestreutes Angebot vorzulegen. Das Bekenntnis zum "Tannhäuser" in der Lesart von 2010 zu Saisonbeginn ist diesbezüglich ein ebenso klares Signal wie Puccinis "Bohème", die der neue Staatsoperndirektor am zweiten Abend seiner Ära in der legendären Bilderbuchinszenierung von Franco Zeffirelli (1963) auf den Spielplan setzte.
Szenisch aufpoliert und gründlich geprobt, wurde die Wiederaufnahme am Montag zu Recht rundweg bejubelt. Denn innerhalb des pittoresken Settings wäre eine stimmigere, poetischere Aufführung kaum denkbar gewesen. Dafür sorgten bewährte Hauskräfte wie Alexandra Reinprecht als erst kokette, dann emphatische Musetta, Urkomödiant Alfred Šramek (Benoit/Alcindoro) oder Boaz Daniel als funkelnder Marcello.
Sowohl vokal als auch - im gebotenen Rahmen - darstellerisch leisteten die Hauptfiguren Bezauberndes:Krassimira Stoyanova war eine schlichtweg ideale Mimì von weicher Wendigkeit, Stephen Costello - erstmals an der Staatsoper - gab den Rodolfo mit unaufdringlich metallischem Glanz.
Dirigent Franz Welser-Möst - auch ihn nennt der Programmzettel als Debütanten - hob teils Ungewohntes hervor, wenn er die burlesken Passagen mit kantigen Konturen ausstattete, allzu viel Gefühlsüberschwang vermied und stattdessen allerhand instrumentatorische Feinheiten zu Tage förderte. Dass das Orchester dabei etwa im 1. Akt auch ein wenig zu laut wurde, lag wohl an seiner gesteigerten Spielfreude. (daen/DER STANDARD, Printausgabe, 8. 9. 2010)