Niederösterreichs Landesvater kommt hervorragend mit Menschen aus - solange sie sich ihm nicht in den Weg stellen
Wien / St. Pölten - Es braucht nicht viel, dass Erwin Pröll der Kragen platzt. In der Regel reicht es schon, wenn dem niederösterreichischen Landeshauptmann beim Amtieren jemand in die Quere kommt. "Dann fängt er zu schreien an", weiß Madeleine Petrovic, langjährige Klubobfrau der Grünen im Landtag. Als ihre Partei es wagte, auf der Homepage einen Beschwerdebriefkasten für Bürger einzurichten, soll Pröll sie wütend angeherrscht haben: "Das ist eine Spitzelbox!" Und: "Das kommt sofort weg!" Als sich die Grüne weigerte, dem Befehl des Landesfürsten nachzukommen, stieß Pröll angeblich diese Drohung aus: "Das werden Sie büßen!"
Szenen aus dem tiefschwarzen Niederösterreich. Seit kurzem bekommt ein Regierungsmitglied im fernen Wien zu spüren, was es heißt, sich dem 64-jährigen Pröll zu widersetzen. Weil die rote Unterrichtsministerin Claudia Schmied der Idee, ihm die Kompetenzen über alle Lehrer zu überlassen, nichts abgewinnen kann, stellte der oberste Niederösterreicher via Österreich die als Imperativ gemeinte Frage: "Wann wird diese Ministerin abgelöst?" Um Schmied noch im selben Atemzug zu unterstellen, "von Machtgelüsten durchdrungen" zu sein.
Sagt ausgerechnet Pröll, der seit 1992 die ihm ergebenen Untertanen mit festem Griff regiert. Mehr als 53 Prozent der Stimmen weiß der gebürtige Radlbrunner und Sohn einer Weinbauernfamilie in seinem Reich hinter sich. Nicht umsonst wird die Landeshauptstadt scherzhaft "St. Pröllten" genannt. In den 21 Landesbezirken sind 21 Hauptleute schwarz. Das ORF-Landesstudio rückt tagtäglich die Errungenschaften des Regenten ins Bild. Und parallel dazu arbeitet Pröll seit drei Jahrzehnten an seinem bundespolitischen Einfluss - natürlich für "die Familie Niederösterreich", wie er sich gerne auszudrücken pflegt.
Was reitet Pröll also bei seinen berüchtigten Attacken? Er selbst hat zu seinem cholerischen Temperament - gelegentlich sollen sogar Aktenordner durchs Büro fliegen - einmal gemeint: "Ich lache laut und kann mich sehr ärgern. Das werde ich in meinem Alter sicher nicht mehr ändern."
Doch nicht nur politische Gegner, auch langjährige Weggefährten behaupten, Prölls Ausbrüche würden sich in letzter Zeit etwas häufen. Unter vier Augen hat Pröll selbst einem davon angeblich eingestanden, dass ihm derzeit "ein gewisser Challenge in der Politik" fehle. Und überhaupt, wäre er, Pröll, bei der Präsidentschaftswahl im Frühjahr angetreten, hätte "sicher nicht" Heinz Fischer, sondern er das Rennen um die Hofburg gemacht. Doch nicht nur die Partei, sondern auch der mächtige Raiffeisen-Boss Christian Konrad soll dem Radlbrunner von einem Wahlkampf um das erste Amt im Staat abgeraten haben. Vor sieben Jahren noch war das ganz anders.
Damals hatte Pröll soeben die Landtagswahl 2003 überzeugend gewonnen, nicht zuletzt, weil Konrad ihm ein Personenkomitee zusammengestellt hat, das jedem Präsidentschaftskandidaten zur Ehre gereicht hätte. Aber dann pochte die Schüssel-Vertraute Elisabeth Gehrer darauf, dass die ÖVP eine Frau aufstellen sollte. Und Schüssel hatte - nicht wirklich zur Freude des Onkels - Josef Pröll in die Regierung geholt.
Der Landeshauptmann musste sich damit begnügen, das auszubauen, was er seit seinen Tagen als Landesrat ab März 1980 konsequent gepflegt hatte: die niederösterreichische Identität. Dafür gibt es die Zeitschrift NÖ schön erhalten - schöner gestalten, die das Bild des Landes pflegt. Dafür wurden Kulturzentren gebaut (etwa der spektakuläre Wolkenturm in Grafenegg). Und dafür wurde sogar der von der SPÖ vergessene Antifaschist Theodor Kramer von Pröll wiederentdeckt und als Landesdichter gefeiert.
Pröll kommt nämlich hervorragend mit Menschen anderer Gesinnung aus - solange sie sich ihm nicht in den Weg stellen. Legendär ist seine Kooperation mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl, die zeitweise besser läuft als jene mit seiner eigenen Partei. Die hat Pröll nicht vergessen, dass er sie 1995 mit einem Überraschungskandidaten für die Spitze beglücken wollte, der jedoch bei der internen Präsentation glatt durchgefallen ist. Mehr aus Verlegenheit denn aus Überzeugung wurde dann Wolfgang Schüssel Obmann. Dem späteren schwarzen Kanzler lieferte Pröll freilich auch die eine oder andere Machtprobe. Bevorzugt über die Medien, versteht sich.
Der Politikberater Christian Scheucher, einst in Schüssels Team, meint: "Pröll ist als Politiker eine Klasse für sich. Er ist ein Dominator, der in Sitzungen das erste und das letzte Wort hat." Die Grüne Petrovic drückt es so aus: "Im persönlichen Umgang mit ihm bin ich dankbar für meinen chronisch niedrigen Blutdruck." (Conrad Seidl, Nina Weißensteiner, DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2010)