Geschätzte 15 Prozent der erwachsenen Österreicher haben Probleme mit den grundlegenden Kulturtechniken - Kursangebote helfen, ihre Finanzierung ist aber unsicher
Salzburg - Frau R. ist weder Brillenträgerin noch besonders vergesslich. Aber wenn sie früher Amtswege zu erledigen hatte oder auf die Bank musste, vergaß sie regelmäßig, ihre Brille mitzunehmen. Zumindest behauptete sie das - um sich nicht beim Ausfüllen von Formularen oder Erlagscheinen zu blamieren.
Denn Frau R. hat Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben. In ihrer Kindheit war sie schwer krank gewesen, eine langwierige Stirnhöhlenvereiterung warf ihre Gedächtnisleistung um Jahre zurück. Mit sieben Jahren war sie auf dem Entwicklungsstand einer Dreijährigen. Neun Jahre Sonderschule halfen nur bedingt.
Durchs Leben schwindeln
Heute ist Frau R. 45, hat zwei Töchter und arbeitet als Reinigungskraft. Seit zwei Jahren sitzt sie jeden Donnerstag in einem Basisbildungskurs des "abc Salzburg". "Ich habe lange mit mir gerungen, dass ich da teilnehme", sagt sie heute. "Ich habe in der Öffentlichkeit geschaut, dass es nicht so sehr auffällt. Viele Leute schwindeln sich so durchs Leben durch."
Wie viele Menschen Lesen, Schreiben und Rechnen zwar einmal gelernt haben, aber diese Kulturtechniken kaum oder gar nicht mehr anwenden können, darüber gibt es nur Schätzungen. Brigitte Bauer vom "abc Salzburg" schätzt, dass 15 Prozent der Erwachsenen in Österreich "massive Probleme im Basisbildungsbereich" haben. Genaue Zahlen dazu wird es erst 2013 geben, wenn die ersten Ergebnisse der Studie PIAAC (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) vorliegen, einer Art PISA für Erwachsene.
Weniger Nischen in der Berufswelt
Dass es früher weniger Analphabeten gegeben habe, glaubt Gabriele Breitfuß-Muhr von der Pädagogischen Hochschule Salzburg nicht: "Ich bin überzeugt, dass es genauso viele waren." Heute fielen sie nur mehr auf - die Nischen der Berufswelt, in denen man ohne Schriftlichkeit auskommt, werden immer kleiner. Zur Basisbildung gehören für Brigitte Bauer heute auch grundlegende Computerkenntnisse, selbst Lagerarbeiter müssten heute mit einer Maus umgehen und einfache Eingabemasken ausfüllen können.
Auch das können die zur Zeit etwa 40 Teilnehmer an den Kursen des "abc Salzburg" lernen. Seit elf Jahren gibt es das Basisbildungszentrum in Salzburg, das inzwischen auch eine Zweigstelle in Bischofshofen hat. Die finanzielle Lage ist aber prekär, 60 Prozent des Budgets stammen aus EU-Projektförderung, die vom Bund kofinanziert wird, der Rest aus Subventionen von Stadt und Land Salzburg. Allein in Bischofshofen stehen Interessenten ein Jahr lang auf der Warteliste, bevor sie einen Kursplatz bekommen. Langfristiges Ziel müsse es sein, das kostenlose Basisbildungsangebot finanziell abzusichern, sagt Bauer.
Hohe Hemmschwelle
Betroffene in die Kurse zu locken, sei gar nicht so einfach, schildert sie: "Wenn man in einer Region frisch anfängt, arbeitet man einmal ein Dreivierteljahr, bis sich die Leute zu melden anfangen." Die potenziellen Teilnehmer müssten zumindest zwei oder drei Mal Ankündigungen für die Kurse wahrgenommen haben. "Viele Anrufer bei uns sagen, sie hätten die Telefonnummer schon drei Jahre lang im Küchenkastl liegen." Doch wer sich einmal gemeldet habe, habe die größte Hürde genommen.
Auch mit dem Arbeitsmarktservice und sozialökonomischen Betrieben arbeitet das "abc Salzburg" zusammen. Die Hemmschwelle, sich von sich aus zu seinen Defiziten zu bekennen, sei hoch, sagt Bauer: "Es gibt Leute, die lieber kündigen, bevor sie ihrem Arbeitgeber sagen, dass sie an dieser oder jener Weiterbildungsmaßnahme nicht teilnehmen können." Gerade um die Anschlussfähigkeit an Weiterbildung sicherzustellen, sei aber eine ausreichende Basisbildung unverzichtbar. Auch den Hauptschulabschluss können Kursteilnehmer nachholen, dafür gibt es ein eigenes Übergangsmodul an der Volkshochschule.
„Ich finde mich zurecht im Leben"
Frau R. kann mittlerweile ihrer älteren Tochter bei den Schulaufgaben helfen. "Ich finde mich zurecht im Leben und stottere nicht mehr so viel", sagt sie: "Ich habe Freude am Lernen." Am 8. September, dem Welttag der Basisbildung, will das "abc Salzburg" mit Aktionen rund um die Stadtbibliothek unter dem Titel "a trifft z" auch anderen potenziellen Kursteilnehmer Lust aufs Lesen und aufs Lernen machen. (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 07.09.2010)