Alphabetisierung

Reportage: Wenn Lesen und Schreiben zum Problem wird

Markus Peherstorfer, 7. September 2010, 16:05
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    foto: abc salzburg

Geschätzte 15 Prozent der erwachsenen Österreicher haben Probleme mit den grundlegenden Kulturtechniken - Kursangebote helfen, ihre Finanzierung ist aber unsicher

Salzburg - Frau R. ist weder Brillenträgerin noch besonders vergesslich. Aber wenn sie früher Amtswege zu erledigen hatte oder auf die Bank musste, vergaß sie regelmäßig, ihre Brille mitzunehmen. Zumindest behauptete sie das - um sich nicht beim Ausfüllen von Formularen oder Erlagscheinen zu blamieren.

Denn Frau R. hat Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben. In ihrer Kindheit war sie schwer krank gewesen, eine langwierige Stirnhöhlenvereiterung warf ihre Gedächtnisleistung um Jahre zurück. Mit sieben Jahren war sie auf dem Entwicklungsstand einer Dreijährigen. Neun Jahre Sonderschule halfen nur bedingt.

Durchs Leben schwindeln

Heute ist Frau R. 45, hat zwei Töchter und arbeitet als Reinigungskraft. Seit zwei Jahren sitzt sie jeden Donnerstag in einem Basisbildungskurs des "abc Salzburg". "Ich habe lange mit mir gerungen, dass ich da teilnehme", sagt sie heute. "Ich habe in der Öffentlichkeit geschaut, dass es nicht so sehr auffällt. Viele Leute schwindeln sich so durchs Leben durch."

Wie viele Menschen Lesen, Schreiben und Rechnen zwar einmal gelernt haben, aber diese Kulturtechniken kaum oder gar nicht mehr anwenden können, darüber gibt es nur Schätzungen. Brigitte Bauer vom "abc Salzburg" schätzt, dass 15 Prozent der Erwachsenen in Österreich "massive Probleme im Basisbildungsbereich" haben. Genaue Zahlen dazu wird es erst 2013 geben, wenn die ersten Ergebnisse der Studie PIAAC (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) vorliegen, einer Art PISA für Erwachsene.

Weniger Nischen in der Berufswelt

Dass es früher weniger Analphabeten gegeben habe, glaubt Gabriele Breitfuß-Muhr von der Pädagogischen Hochschule Salzburg nicht: "Ich bin überzeugt, dass es genauso viele waren." Heute fielen sie nur mehr auf - die Nischen der Berufswelt, in denen man ohne Schriftlichkeit auskommt, werden immer kleiner. Zur Basisbildung gehören für Brigitte Bauer heute auch grundlegende Computerkenntnisse, selbst Lagerarbeiter müssten heute mit einer Maus umgehen und einfache Eingabemasken ausfüllen können.

Auch das können die zur Zeit etwa 40 Teilnehmer an den Kursen des "abc Salzburg" lernen. Seit elf Jahren gibt es das Basisbildungszentrum in Salzburg, das inzwischen auch eine Zweigstelle in Bischofshofen hat. Die finanzielle Lage ist aber prekär, 60 Prozent des Budgets stammen aus EU-Projektförderung, die vom Bund kofinanziert wird, der Rest aus Subventionen von Stadt und Land Salzburg. Allein in Bischofshofen stehen Interessenten ein Jahr lang auf der Warteliste, bevor sie einen Kursplatz bekommen. Langfristiges Ziel müsse es sein, das kostenlose Basisbildungsangebot finanziell abzusichern, sagt Bauer.

Hohe Hemmschwelle

Betroffene in die Kurse zu locken, sei gar nicht so einfach, schildert sie: "Wenn man in einer Region frisch anfängt, arbeitet man einmal ein Dreivierteljahr, bis sich die Leute zu melden anfangen." Die potenziellen Teilnehmer müssten zumindest zwei oder drei Mal Ankündigungen für die Kurse wahrgenommen haben. "Viele Anrufer bei uns sagen, sie hätten die Telefonnummer schon drei Jahre lang im Küchenkastl liegen." Doch wer sich einmal gemeldet habe, habe die größte Hürde genommen.

Auch mit dem Arbeitsmarktservice und sozialökonomischen Betrieben arbeitet das "abc Salzburg" zusammen. Die Hemmschwelle, sich von sich aus zu seinen Defiziten zu bekennen, sei hoch, sagt Bauer: "Es gibt Leute, die lieber kündigen, bevor sie ihrem Arbeitgeber sagen, dass sie an dieser oder jener Weiterbildungsmaßnahme nicht teilnehmen können." Gerade um die Anschlussfähigkeit an Weiterbildung sicherzustellen, sei aber eine ausreichende Basisbildung unverzichtbar. Auch den Hauptschulabschluss können Kursteilnehmer nachholen, dafür gibt es ein eigenes Übergangsmodul an der Volkshochschule.

„Ich finde mich zurecht im Leben"

Frau R. kann mittlerweile ihrer älteren Tochter bei den Schulaufgaben helfen. "Ich finde mich zurecht im Leben und stottere nicht mehr so viel", sagt sie: "Ich habe Freude am Lernen." Am 8. September, dem Welttag der Basisbildung, will das "abc Salzburg" mit Aktionen rund um die Stadtbibliothek unter dem Titel "a trifft z" auch anderen potenziellen Kursteilnehmer Lust aufs Lesen und aufs Lernen machen. (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 07.09.2010)

Informationen zu Basisbildungskursen für Erwachsene in ganz Österreich gibt es am "Alfa-Telefon" unter 0810 20 0810.

Links:

http://www.abc.salzburg.at/
abc Salzburg

http://www.alphabetisierung.at/
Österreichweites Netzwerk "Basisbildung und Alphabetisierung"

http://www.phsalzburg.at/
Pädagogische Hochschule Salzburg

http://www.volkshochschule.at/
Volkshochschule Salzburg

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 46
1 2
665
00
Es gibt zwar wenige Situationen wo das wirklich zutrifft...

.. aber hier hilft wirklich das regelmäßige Lesen der Krone oder der Ganzen Woche, selbst die U-Bahn Zeitung hilft.

Zwergli
00
10.9.2010, 12:01

deutsch Sprach schweres Sprach

XD

sam duke
11
lernen ist anstrengend

und mit dem leistungsbegriff verwandt. das widerspricht dem mainstream. fun wollen diese i.dioten.

Zwergli
01
10.9.2010, 12:10

es würde schon reichen ab und zu ein Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen

sanginius
00
bei der APA gibts immer einen Job für diese Menschen

charles darwin
01
mit ein bissl kreativität

versteht man den text links oben perfekt.

Also, worüber aufregen.

Wenn die entwicklung so weitergeht, ist das links oben 2020 der text eines maturanten, die die "kulturwerkzeuge" (lieb!) nicht so virtuos beherrschen tragen lustige kapperl und machen einfach handzeichen und grunzlaute, wie man es mittlerweile auch schon oft auf der strasse erlebt.

Jon Tomes
02
Fließend lesen ist sicher schwierig zu lernen aber

ich habe mir mal für den Jordanienurlaub das Arabische Alphabet reingezogen (ist ja auch nur eine Buchstabenschrift). Bereits nach wenigen Stunden Übung kann man die Wörter entziffern und zB Firmenlogos, Eigennamen und "internationale Wörter" wie Cafe, Restaurant, Hotel etc. lesen und verstehen.

linuxforeverlinux
11
weiss jemand wie das rechte hauptgesindel

der fpö einst seine hauptschule abschloss?
welche noten dieser hatte?
wäre äusserst interessant!

081547112
00
11.9.2010, 21:42
wer im glashaus sitzt

schauen sie bitte vorher auf ihre rechtschreibung.

nebenerwerbsposter
10
analphabet?

zum fpö-funktionär reicht's immer noch!
dumme thesen nachplärren kann bald jemand...

linuxforeverlinux
11

problem ist leider nur, dass analphabetismus nichts mit mangelnder intelligenz zu tun hat.
rassismus und wehrmachtsspiele hingegen schon!
deswegen würde ich analphabetismus und fpö in einem satz nicht anbringen, sondern eher so sagen: die intelligenz von fpö wähler ist indirekt proportional zu ihrer parteistimme!

Zwergli
00
10.9.2010, 12:09

obwohl man auch einen gewissen Grund IQ haben muss, um ein gewisses maß an Verständnis für Sprachen/Sprachrichtigkeit und das Schreiben überhaupt entwickeln zu können, welchen nicht jeder Aufweisen kann, wie zum Beispiel so mancher FPÖ-Wähler, der es auch lustig findet Sachen anzuzünden und sich mit anderen zu prügeln oder viele Jugendliche die sich lieber ins Komma saufen anstatt ein gutes Buch zu lesen oder anstatt eines Filmes indem man nur sinnlosesw gemetzel sieht eine Doku oder so etwas anzusehen.

angelvoices
00
dieses Problem sollte gelöst werden

so wie es regelmäßig eine Volkszählung oder Vorsorgeuntersuchung gibt, sollte es z. B. mit 15 eine ABC Untersuchung geben und bei Bedarf ABC - Kurse - da sind die Menschen noch jung und es ist ein Gewinn fürs Leben...

A. Sieberer
00

Ist vielleicht nicht ganz geschickt einen ABC-Kurs direkt nach der Schulzeit anzusetzen. Sollte aber auch nicht notwendig sein. Die Lehrer sollten doch eigentlich schon früher erkennen, ob ein Schüler lesen und schreiben kann.

altbürgermeister
11
Geschätzte 15 Prozent der erwachsenen Österreicher haben Probleme mit den grundlegenden Kulturtechniken?

Hm, wie hoch liegt der Wähleranteil der FPÖ nochmal?

Lady__Gaga
00
Wo bleiben

die Postings derer, die davon betroffen sind, also entweder nicht schreiben - oder nicht lesen können ??

Jon Tomes
02
Find ich

eigentlich lustig!!

Peter Widzky
01
naja...

es ist schon sehr boshaft - aber auch lustig ^^

cipf
 
01

Wie bitte macht man Werbung für einen Alfapetisirungskurß?
Ausschreiben kann man ihn schlecht, Flugzettel nützen auch wenig, auf Flüsterpropaganda kann man auch nicht hoffen,...?
Radiospots?

Also mal ehrlich, ich stell mir das unheimlich schwierig vor!

Kalvarienberg
00
Das kommt davon, wenn Sprüche wie "Lieber daham statt Islam", etc. plakatiert werden....

biggi729
02
primäre computerkenntnisse

herzig: eine freundin hat mal computerkurse in ihrer firma abgehalten. als sie zu einem schon etwas älteren kollegen, der in seinem leben noch wenig bis garnix mit computern zu tun hatte, sagte "fahrens bitte einmal mit der maus nach oben" - hob er die maus vom tisch hoch ;o))
(nichts liegt mir ferner, als mich über diesen herren lustig zu machen, ich fands nur einfach total lustig und herzig).

Zlatko Knezevic
110
ganz einfache billige Lösung:

Hört endlich auf die Filme zu synchronisieren! Mehrere positive Effekte ergeben sich dadurch:

1. Die Leute sind gezwungen ständig zu lesen, vor allem beim Fernsehen und das von Kindesalter an.
2. Die Bevölkerung lernt nebenbei ein bisschen Englisch oder kriegt ein besseres Gehör dafür.
3. Wir können endlich die echten Stimmen der Schauspieler auf der Leinwand geniessen (viele Leute im deutschsprachigen Sprachraum wissen gar nicht was für eine geile Stimme z.B. Al Pacino hat) und müssen uns nicht mehr über schlechte Übersetzungen ärgern - obwohl im internationalen Vergleich die deutschsprachigen noch am besten von allen synchronisieren.

charles darwin
00
auch wenns lustig klingt

obiges ist einer der Erfolgsgründe für Finnlands Pisa -Erfolg, mehrere Stunden tägliches Lesen - (fast) nur die Nachrichten sind auf Finnisch - UND gute Englisch-Kenntnisse (fast jeder ist mit mehreren Stunden OMu-Englisch pro Woche konfrontiert.

A ndreas Bogeschdorfer
01
Jein.

Bin schon manchmal auch froh, wenn ich alle Viere von mir strecken und einfach genießen kann, ohne mitlesen zu müssen oder meine Ohren extrem spitzen zu müssen. (wird ja nicht immer extra sauber gesprochen)

Aber es wird eindeutig zu viel synchronisiert.

Eine ausgesprochene Wahnsinnsstimme hat übrigens auch Morgan Freeman.

G-Man
11
wo bleiben die Postings, dass...

....von deisen 15% 90% nicht österreichisch-stämmig sind?

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