Wiener "Karl-Marx-Hof" wird 80 Jahre alt

Martin Putschögl
7. September 2010, 15:59
  • Namensgeber der Wohnhausanlage war der Philosoph, Journalist und kommunistische Theoretiker Karl Marx (1818-1883). Seine politischen Schriftenprägten auch die Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts.
Architekt Karl Ehn (1884-1959) studierte von 1904 bis 1907 an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Otto Wagner. Er trat 1908 in den Dienst des Wiener Stadtbauamts ein und blieb der Stadtverwaltung bis in die Fünfziger Jahre treu. Vor dem Ersten Weltkrieg errichtete er vor allem Nutzbauten, in den 1920er- und1930er-Jahren 
entstanden aber auch zahlreiche Wohnhausanlagen nach seinen Entwürfen, darunter der Karl-Marx-Hof als sein zweifellos prominentestes Bauwerk. Typisch für seine Architektur sind plastisch durchgebildete Baukörper mit plakativen Details.
    foto: apa/gindl

    Namensgeber der Wohnhausanlage war der Philosoph, Journalist und kommunistische Theoretiker Karl Marx (1818-1883). Seine politischen Schriften
    prägten auch die Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts.

    Architekt Karl Ehn (1884-1959) studierte von 1904 bis 1907 an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Otto Wagner. Er trat 1908 in den Dienst des Wiener Stadtbauamts ein und blieb der Stadtverwaltung bis in die Fünfziger Jahre treu. Vor dem Ersten Weltkrieg errichtete er vor allem Nutzbauten, in den 1920er- und
    1930er-Jahren entstanden aber auch zahlreiche Wohnhausanlagen nach seinen Entwürfen, darunter der Karl-Marx-Hof als sein zweifellos prominentestes Bauwerk. Typisch für seine Architektur sind plastisch durchgebildete Baukörper mit plakativen Details.

Im Oktober 1930 zogen die ersten Bewohner in den bekanntesten Gemeindebau des "Roten Wien"

Wien - Einer der bekanntesten Wohnbauten aus der Ära des "Roten Wien" feiert Geburtstag: der Karl-Marx-Hof in Döbling. Geplant von Karl Ehn, einem Schüler Otto Wagners, wurde 1927 mit der Errichtung des monumentalen "Superblock" begonnen. Im Herbst 1930 - genau am 12. Oktober - folgte die feierliche Eröffnung des ersten von drei Bauabschnitten durch Bürgermeister Karl Seitz. "Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen", so die berühmt gewordenen Worte Seitz'. Der letzte Bauteil wurde erst im Sommer 1933 fertig.

Warnungen vor dem "Riesenbau"

Vorausgegangen war diesem Ereignis eine jahrelange Kampagne, in der die Bevölkerung vor der angeblichen Einsturzgefahr des "Riesenbaus in der Heiligenstädterstraße" gewarnt worden war. Zu den Eröffnungsfeierlichkeiten kamen schließlich nicht nur die neuen Bewohner des Karl-Marx-Hofes, sondern auch zehntausende Menschen aus allen Bezirken Wiens. Seitz gab in seiner Rede seinem "aufrichtigen Bedauern" Ausdruck, dass nun "vierzehnhundert Wiener Familien" gezwungen wären, "in einem Bau einzuziehen, der von Rechts wegen zusammengestürzt sein sollte."

Paradoxerweise war es aber schon wenig später der austrofaschistische "Ständestaat", der zur ärgsten Bedrohung des Karl-Marx-Hofs während seiner ganzen Geschichte werden sollte. Weil die Wohnanlage im Februar 1934 ein Zentrum des Widerstandes gegen das Dollfuß-Regime war, versuchte die Polizei am 12. Februar - dem Beginn des dreitägigen Bürgerkriegs - zunächst vergeblich, die Anlage zu besetzen. Einen Tag später wurden um ein Uhr früh erste Artilleriegeschosse auf den Wohnbau abgefeuert, wenig später gefolgt von systematischem Beschuss und schließlich dem Sturm auf den Karl-Marx-Hof unter Einsatz von Maschinengewehren. Am Vormittag des 15. Februar mussten die Verteidiger aus den Reihen des republikanischen Schutzbunds ihren Widerstand aufgeben. Bei den Kämpfen kamen mehrere Arbeiter zu Tode, der örtliche Anführer des Schutzbunds wurde hingerichtet.

Noch im Februar wurde der Karl-Marx-Hof in "Biedermannhof" umbenannt, nach dem Anführer der ständestaatlichen "Heimwehr". Später bekam er den offiziellen Namen "Heiligenstädter Hof". Diesen Namen trug der Karl-Marx-Hof auch während des NS-Regimes. Die Nazis vertrieben 1938/39 66 Familien aus religiösen oder "rassischen" Gründen aus der Wohnhausanlage.

Seit 1945 trägt der Karl-Marx-Hof wieder seinen ursprünglichen Namen. Von 1988 bis 1992 wurde eine Sockelsanierung durchgeführt. Fassade, Fenster und Türen wurden erneuert, außerdem 50 neue Aufzüge eingebaut und die gesamte Anlage an die Fernwärme Wien angeschlossen.

Wohnraum für 5.000 Menschen

Der Karl-Marx-Hof bot mit seinen 1.382 Wohnungen (heute sind es noch 1.272) Wohnraum für etwa 5.000 Menschen. Außerdem wurden hier auch zahlreiche Gemeinschaftseinrichtungen geschaffen, u.a. zwei Zentralwäschereien mit 62 Waschständen, zwei Bäder mit 20 Wannen und 30 Brausen, zwei Kindergärten, eine Mutterberatungsstelle, ein Jugendheim, eine Bibliothek, eine Zahnklinik, eine Krankenkassenstelle mit Ambulatorium, eine Apotheke, ein Postamt, mehrere Arztpraxen, Kaffeehäuser, Räumlichkeiten für politische Organisationen und 25 Geschäftslokale. (map, derStandard.at, 7.9.2010)

Ansichtssache

"Ich will hier bleiben" - Ein Besuch im Wahrzeichen des Roten Wien

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25 Postings
völlig unbekannt...

... der Typ. hab noch nie von dem gehört. DANKE daß der Standard.at noch mal extra darauf hinweist wer diese ominöse Marx war. (:end>irony)

Damals wie heute,

wenn die Schwarzen etwas rotes für einzustürzend befinden, hilft man schon auch einmal ein bisschen nach. Siehe BAWAG

Die Idee überlebt das System. Überlebt der Bau die Idee?

einige Schwarze warten auf das Zusammenstürzen heute noch.

Mich würd interessieren,

wie energieeffizient diese alten Gemäuer sind

Gibt es das Café Gulag im Innenhof noch?

.

Schreckliche Vorstellung dort leben zu müssen. Wahrscheinlich bevorzugen deswegen viele Wiener die Obdachlosigkeit.

Besser wäre gewesen zu schreiben: "... so viele Wiener..." Ich sehe allerdings großes Potential in Ihnen.

"Karl-Marx"-Hof - da glaubt man, man sei im tiefsten Russland!!

Ja genau, weil Marx ja Russe war ...

Tschuldigung, zu spät gesehen, dass Sie sich auf ein weiter untenstehendes Posting beziehen.

Hui, der Artikel wird wieder ...

....ein Betätigungsfeld für Dollfuß- und Feyfans.

Herzlichen Geburtstag zur einer Austria-Idee

Schade das der soziale Wohnbau mit seinem niedrigen Zins in Wien zu Ende ging, war eine Qualitaet fuer sich, die Spekulation mit Wohnraum untergrub und als funktionierendes Model in aller Welt expotiert haette werden muessen. Leider schauen alle gen Westen und gehen den selben Weg ins Chaos: Wucherpreise die leerstehenden Neubau zur folge haben oder wenn mieten, diese zu ewigen Zahlsklaven machen. Und lieber Markus und McLane, die sogenanten Kommunisten lebten qualitativ um einiges besser als die Buergerwehrler, vielleicht deswegen kams zum kleinen Buergerkrieg...alle Wohnung im Karl-Marx-Hof hatten WC und Baeder drinnen wo die anderen noch auf den Gang mussten

Bäder

Da irren Sie sich, für die Mieter gab es Gemeinschaftsbäder, in denen sie sich zB für eine Stunde eine Wanne mieten konnten.

Nüsse Ahnung...

Mein Posting war ironisch gemeint. Ihre Theorie zum Bürgerkriegsausbruch finde ich Interessant ;)

Die Immobilien-Suche darunter finde ich super. ^^

"Karl-Marx"-Hof - da glaubt man, man sei im tiefsten Russland!!

Karl Marx war Deutscher, nicht Russe!

keine angst, dass ist tiefste vorstadt!

im zentrum hingegen wird noch immer vielfach der karl lueger geehrt, der ja den hitler mit seinem antisemitismus inspiriert hat...

Und ganz in der Nähe noch der Friedrich Engels Platz! Hilfe, wir sind von Kommunisten umzingelt!!!

die rosa-luxemburg-gasse und die liebknechtgasse im 16. Bezirk nicht zu vergessen.
die kommunisten werden bald ganz wien erobert haben! und jetzt treten sie noch dazu bei den gemeinderatswahlen an. hilfe!

...und die anarchisten posten schon im standard!!!

schnell den dollfuß klonen und wiedereinsetzen, unsere letzte rettung vor der roten flut;-)

das Entsetzen macht sich schon breit...

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