Traditionsgeschäfte in Wien

Von Abflusssieben, Klobesen und Hüten

Nina Grünberger, 08. September 2010 10:28
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    Foto: derstandard/nina grünberger

    Die "Eisenhandlung" von Rainer Riel im 18. Wiener Gemeindebezirk - das Geschäft an dieser Stelle existiert seit 120 Jahren.

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    30.000 Artikel stapeln sich auf engstem Raum: von Klobesen über Jausenbretter bis zu Töpfen.

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    Wie sich Herr Riel gegen die großen Baumärkte behaupten kann: mit perönlicher Beratung und viel Gespür für Kundenwünsche.

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    Dutzende Laden beherbergen Schrauben, Griffe, Haken etc. Wo sich genau was befindet, weiß kein Computer, sondern nur der Kopf der Mitarbeiter.

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    Collins Hüte im 1. Wiener Gemeindebezirk. Das Unternehmen hat Walter Kollin im Jahr 1946 gegründet.

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    Herr Kollin steht mit seinen 87 Jahren noch jeden Tag im Laden. "Aufhören ist manchmal schwieriger als anfangen".

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    Auch Frau Franziska hat fast alle Stationen mitgemacht: sie arbeitet seit 57 Jahren in dem Hutgeschäft.

In Wiener Traditionsgeschäften wird vorgezeigt, wie man sich mit speziellen Angeboten gegen Megamärkte behaupten kann

„Ich bräuchte zwei weiße Untertassen für meine Kaffeehäferl", sagt eine ältere Dame. Eine zweite kommt hinzu und fragt: „Ich will eine Garderobenstange an der Wand montieren, was brauch ich da?" Dann betritt ein Herr den Laden. Er stützt sich auf seinen Stock und nähert sich der Theke mit langsamen Schritten. „Haben Sie ein Plastik für die Küche?", fragt er und wühlt in seiner Tasche. „Was brauchens denn, ein paar Haken?", antwortet der Verkäufer. Der Herr schüttelt den Kopf. Er holt ein Tintenfass, ein Brillenetui, ein paar Stifte und schließlich ein kaputtes Abflusssieb hervor. „Das da bitte", sagt er.

"Wenn ich´s wo krieg, dann bei dir"

„Wissen Sie, wir sind ein persönliches Geschäft", meint Rainer Riel. Er ist Inhaber von „Eisenhandlung, Haus- und Küchenwaren Riel" im 18. Wiener Gemeindebezirk. Das kleine Geschäft liegt in der Währingerstraße und ist 120 Jahre alt. Das Mobiliar stammt noch aus dieser Zeit.

Zwischen Blumentöpfen, Klobesen, Töpfen, Jausenbrettern und Keksausstechern finden sich Glühbirnen, Schrauben und Weingläser. „Wir haben ungefähr 30.000 Artikel", sagt Herr Riel und fügt hinzu: „Meine Stärke ist, dass ich sehr viel hab. Die Leute sagen immer: wenn ich´s wo krieg, dann bei dir!"

"Ich wurde mit den Hüten gemacht"

Walter Kollin hat sein Hutgeschäft im 1. Wiener Gemeindebezirk. Kollin ist 87 Jahre alt und steht seit dem Jahr 1946 fast jeden Werktag in seinem Laden. „Ich wurde mit den Hüten gemacht und habe sie nicht mehr verlassen", resümiert er. Wenn man das Geschäft in der Richtergasse betritt, schlägt einem ein besonderer Geruch entgegen: es riecht alt. Nicht modrig alt sondern vornehm alt. Es riecht wie damals, als Frauen noch Hüte und Herren noch Zylinder trugen. Und Herr Kollin vollendet die Zeitreise, wenn er Dinge sagt wie „Der Hut sucht sich seinen Träger", „Eine hübsch gekleidete Dame braucht einen ihr zu Gesicht stehenden Hut" oder „Die Marinehauben kehren bald wieder, die tragen die jungen Mädchen sicher gern". 

Herr Riel und Herr Kollin haben eines gemeinsam: Sie trotzen den großen Kaufhäusern und Einkaufsketten. Der eine mit einem möglichst großen Sortiment, der andere mit Hüten. Trotzdem sind Läden wie ihre vom Aussterben bedroht.

"Schleuderer" und "Selbstmörder"

Herr Riel weiß, warum er mit seinem kleinen Laden neben den großen Baumärkten bestehen kann: „Im Baumarkt sind die Kunden Nummern, bei mir steht die Kundenbetreuung an erster Stelle". Aber auch die Lage des Geschäfts sei wichtig, erzählt er. „Wir haben hier einen sehr guten Platz, weil wir die Nahversorgung darstellen - zu Baumärkten muss man mit dem Auto fahren." Und natürlich muss auch der Preis stimmen. Dazu geht Herr Riel dann in Baumärkte, um zu sehen was die Konkurrenz verlangt, wobei „es schwer ist mit den Schleuderern mitzukommen". 

„Ach die großen Kaufhäuser, das sind ja alles Selbstmörder - die bringen sich gegenseitig um, um noch größer zu werden", meint Herr Kollin. Von Einkaufshäusern hält er nichts, da ihm dort die Beratung zu unpersönlich ist. „Dabei ist es gerade bei den Hüten so wichtig", seufzt er.

"Aufhören ist schwieriger als anfangen"

Das Geschäft läuft bei beiden gut. Die Eisenhandlung im 18. Bezirk bedient täglich zwischen 70 und 80 Kunden, das Hutgeschäft im 1. Bezirk lebt von „Leuten die etwas Extravagantes suchen", sagt Kollin.

Trotzdem ist ungewiss wie es mit ihnen weitergeht. Herr Riel weiß noch nicht was mit seinem kleinen Laden passieren wird, wenn er in Pension geht. „Mein Wunsch wäre, dass er einfach so weitergeführt wird. Die Nachfrage besteht immer."

Herr Kollin besitzt neben einem Geschäft in Salzburg auch noch eines in der Opernpassage, das der Sohn inzwischen übernommen hat und erfolgreich führt. Darauf angesprochen, ob er sich mit seinen 87 Jahren nicht langsam in den wohlverdienten Ruhestand begeben möchte, seufzt er und sagt: „Ach wissen Sie, aufhören ist schwieriger als anfangen". 

Es ist zehn Uhr Vormittags und alle paar Minuten betritt Kundschaft die kleine Eisenwarenhandlung. Eine ältere Dame kommt herein, stellt ihr Körbchen auf die Theke und fragt: „Können Sie mir sagen wo ich Silberputzmittel krieg, ich war schon überall?". Rainer Riel lacht. „Na bei mir!". (Nina Grünberger, derStandard.at, 07.09.2010)

Kommentar posten
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E. Pagliacci
11.09.2010 10:17

Hat es da nicht eine solche Eisenwarenhandlung in der Neubaugasse gegeben. Gibt es den noch? Wer kennt ihn?

Stalker Tarkov
11.09.2010 10:35

Mir fällt da ein: Elektro Atzler, Kirchengasse 3. Von Glühbirnenfassungen bis zu Lämpchen für Puppenstuben hat der anscheindend alles.

Xantha Beau
 
11.09.2010 01:11
05., Schönbrunner Straße Ecke Strobachgasse

Poldi Tesar

Zwar keine Eisentandlerin aber Haushaltswaren ... von den Reißnägeln über Putzmittel und Murmeltiersalbe bis hin zum Kerzendocht für Bastler ... und wenn sie mal was nicht hat, hat sie jedenfalls gute Tipps.

Wollte mal bei ihr ein Teppichreinigungsmittel kaufen. Sie hat nur gemeint: Wozu? Einfach mit Shampoo und Reisigbürste ... funktioniert wunderbar und ein Shampoo werden S' ja wohl daheim haben - oder nicht?
;-)

eliza 54
10.09.2010 15:30
nägel einzeln kaufen

das tolle ist auch, dass ich - im gegensatz zu jedem baumarkt - bei riel nägel und schrauben einzeln bekomme und nicht eine riesenpackung nehmen muss. hoffentlich gibt es ihn noch recht lange!

Stalker Tarkov
10.09.2010 16:06
im gegensatz zu jedem baumarkt

Ich hatte da beim Bauhaus kein Problem mit einzelnen Schrauben. Zumindest bei dem in der Arsenalstrasse.

FFluXXuSS
10.09.2010 09:50
Kirchengasse(gegenüber Gerngroß) gibt es so einen Elektroladen

Der hat ebenso alles, was man halt elektrisch so braucht: von der Lampe für das Puppenhaus(!) bis zum Zähler für den Untermieter und noch viel mehr!
Das ist keine Werbung - sondern Reklame [(c)Fatty George].

E. Pagliacci
10.09.2010 16:03

Atzler Franz Inh. Harald Rostensky
Kirchengasse 3
1070 Wien W

Lilith Boessse
 
09.09.2010 21:30
Berggasse Ecke Liechtensteinstraße...

.... gibts auch so einen Laden. Da fühlt man sich fast wie in einem Zeitreisekasten. Sehr fein!

Angelika70
22.10.2010 09:25

Beim Pekarek (Ecke Berggasse) habe ich meine Kindheit verbracht und später meinen ersten Lippenstift geschenkt bekommen. ;-)

Der Göbel ist dann weiter unten Richtung Alserbachstraße.

Ein feines Grätzel!

cuibono
10.09.2010 18:33
Der Ärmste ist bereit 70 Jahre alt und möchte eigentlich in Pension gehen,

findet aber keinen Nachfolger.

Alexander Pekarek
Liechtensteinstr 16
1090 Wien

E. Pagliacci
10.09.2010 16:04

Carl Göbbel?

jean val jean
09.09.2010 18:50

hoffentlich werden sie nicht auch noch von muzikant, dem inder und dem iraker hinausgeekelt

Karl Bergerle
10.09.2010 09:24
das sind jene die noch immer Kategoriemieten zahlen

und deshalb sehen diese Häuser dementsprechend schlecht aus - wenn dem Staat daran liegt, daß diese Geschäfte erhalten bleiben, dann soll er diese Geschäfte subventionieren und nicht der Hausbesitzer!

jean val jean
11.09.2010 11:20

das dumme ist, daß die ö. politiker einen geschmack haben wie die durchschnittsösterreicher
kleinode interessieren die nicht
zb wurde beim bau der brünnerstraßenautobahn ein denkwürdiges wirthaus abgerissen und durch ein mcdonalds schreckgebäude ersetzt
und die politiker haben das als arbeitplatzbeschaffung verteidigt
die von den politikern abhängigen kulturmanager haben das dafür fotografisch dokumentiert
zu mehr hats nicht reichen wollen!

Lilian Dunquerke
09.09.2010 15:10
wie die halberten Ludolfs

wer´s kennt.

Eckhausbesitzer
09.09.2010 12:07

Riel ist super. Da bekommt man wirklich vieles und muss nicht extra in den Baumarkt. Und teilweise sind Waren dort billiger als im Baumarkt. Aber wenn sich kein Nachfolger findet, wird zugesperrt und es Speert - auf gut wienerisch - wieder ein neuer Fetzentandler auf. Somit wird die Währinger Straße ein wenig langweilig, leider.

biggi729
09.09.2010 09:24

im 9. am tandler-platz gibts auch so ein geschäft. der hat buchstäblich auch alles, was man im haushalt so brauchen kann! ;o)

E. Pagliacci
10.09.2010 16:25

Eisenhandlung Menzel
Alserbachstraße 4

???

biggi729
11.09.2010 09:45

nein, nicht die, sondern direkt neben dem ehem. eisenbahner modegeschäft. ist eigentlich nicht mehr der tandler-platz sondern schon die roten-löwen-gasse.

arsen hitrach
09.09.2010 08:28
Knöpfe

In der Favoritenstrasse, wenn man Richtung Südtirolerplatz geht gibts auf der linken Seite einen Knöpfe-Laden. Da gibt´s Knöpfe und Nähzeug und Faden und alles was man benötigt um das eigene Gewand nochmal aufzurichten bevor man es wegwirft.

Angelika70
22.10.2010 09:26

Knopfladen Ecke Thaliastrasse/Brunnenmarkt. Empfehlung! ^^

Proconsul
09.09.2010 00:02
Kommt sicher bald

ein SCHLECKER rein...

DagmarRehak
 
08.09.2010 19:10
Gefällt mir.

Beim Riel hab ich ein Ofenrohr und einen Salzstreuer gekauft, wie ich eine Zeit lang in der Haizingergasse gewohnt hab.

Experte für äh alles
09.09.2010 09:02

Hat das Ofenrohr gute Dienste geleistet?

DagmarRehak
 
09.09.2010 19:44
Jep.

Beim ersten Einheizen hat es vor Hitze rot geglüht, weil ich vorher nur Erfahrung mit Kachelöfen hatte, und der neu berohrte war aus Gusseisen. Und die Hitze war so stark, dass ich Angst hatte, dass sich die Wand entzündet. Wenn ich Wasser auf die Wand gespritzt hab, ist es augenblicklich verdampft. Hab dann unten die Klappe zu gemacht, dann hat sich die Glut ein bissl beruhigt. Damals bekam ich ungefähr eine Vorstellung, wie sie die Höhlenmenschen gefühlt haben mussten, wie sie das Feuer erfunden haben.
Das alte Ofenrohr hätte das wahrscheinlich nicht durchgehalten. Das war rostig und löchrig, dass es den Rauch überall rausgepfiffen hat.

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