Bis zu 50 Abgänge pro Jahr werden nicht nachbesetzt, über sechs Jahre sollen 300 Schaffner weniger unterwegs sein
Wien - Unruhe hat der Standard-Bericht über die schaffnerlose Zukunft im ÖBB-Personennahverkehr (PV) ausgelöst. PV-Sprecher Thomas Berger versicherte via Aussendung, es sei "zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion gestanden, rund 300 Zugbegleiter-Jobs zu kappen". Um im nächsten Satz einzuräumen, dass von dieser Maßnahme "lediglich natürliche Abgänge ausgenommen" seien.
Und der natürliche Abgang beläuft sich laut ÖBB-Angaben bei Schaffnern pro Jahr auf 30 bis 50 Beschäftigte. Über einen Zeitraum von sechs Jahren werden also durch freiwillige Abgänge und Pensionierungen rund 300 Zugbegleiterstellen frei, die laut Standard-Informationen "in der Regel nicht nachbesetzt werden" und - Zufall oder nicht - just jenen 300 entsprechen, der laut einem Protokoll des Projekt-Aufsichtsrats der ÖBB-Personenverkehr-AG mittelfristig wegrationalisiert werden kann. Hundert von insgesamt 400 Zugbegleitern sollen für Kontroll- und Hilfsdienste erhalten werden.
Heftige Reaktionen
Fahrgastverbände reagierten heftig auf die diskutierten, von den ÖBB-Gremien aber noch nicht beschlossenen und auch ÖBB-intern umstrittenen Rationalisierungsmaßnahmen. Der Verein Pro-Bahn forderte das ÖBB-Management auf, "dem Druck der ÖVP, überall einzusparen und so die Services für die Bahnfahrer ständig zu verschlechtern, standzuhalten". Wichtiger wäre und auf Dauer mehr Geld sparen ließe sich, schlägt Pro-Bahn-Obmann Peter Haibach vor, von den 26 Direktoren und mehr als hundert leitenden Angestellten wegzurationalisieren als Schaffner. Auch die Grünen halten Kundenorientierung, Alkoholverbot und Serviceverbesserung für unvereinbar mit der Schaffner-Abschaffnung.
Wie groß der Spardruck in der ÖBB ist und dass schaffnerlos nur eine Sparmaßnahme von vielen sein kann, zeigt allerdings ein Blick auf die Zahlen des ersten Halbjahres 2010, die der Vorstand rund um Neo-Konzernchef Christian Kern dem Aufsichtsrat am Donnerstag präsentieren wird. Allein für die Gütersparte RCA wird heuer erneut ein Minus (Ebit) von gut hundert Millionen Euro erwartet, als Worst Case (der wie 2009 durch Auflösung von Rücklagen gemildert werden wird) sogar 150 Millionen.
Dafür ist man bei Postenbesetzungen handelseins: Die neue ÖBB-IKT, eine Tochter der ÖBB-Infrastruktur-AG, bekommt ein rot-schwarzes Chef-Duo: Herbert Fleckinger und Wolfgang Kalny (ehemals bei Ex-ÖBB-Finanzchef Erich Söllinger). Infra-Finanzchef Gilbert Trattner wird vom Vorstand zum Geschäftsführer von Infra-Beteiligungsmanagement, Mungos Sicher & Sauber und der für Fahrzeugverwaltung und -vermietung zuständigen RailEquipment degradiert. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Printausgabe, 8.9.2010)