Steffen Hofmann aus Deutschland ist Fußballer und Kapitän von Rapid - Dem STANDARD erzählt er, warum er als Piefke in Wien picken bleibt
Es war im Juli 2002 und mein erster Eindruck von Wien war zumindest durchwachsen. Ich bekam ein Strafmandat, das empfand ich als ungerecht, denn ein Neuankömmling aus Kirchheim bei Würzburg muss das Kurzparksystem wirklich nicht durchschauen. Die Versöhnung setzte allerdings bereits am zweiten Tag ein. Als Fußballprofi fällt die Integration leicht. Man kommt in eine Mannschaft, ist sofort ein Teil davon. Als Fußballprofi, der sogar die Landesprache spricht, hat man es noch leichter, man kann sich sofort verständigen. Ich hatte einen Freundeskreis innerhalb der Rapid-Mannschaft, war also nie allein. Wobei ich gewisse Sprachschwierigkeiten nicht leugnen möchte.
Es gibt Ausdrücke und Wörter, da steige ich heute noch aus, da muss ich meine Frau Barbara fragen. Anfangs haben sie zu mir "Zniachterl" gesagt, ich konnte damit nichts anfangen, das hat sich mittlerweile aufgeklärt. Meine spätere Frau, eine waschechte Wienerin und Rapid-Anhängerin, die ich im ersten Jahr kennengelernt habe (2004 haben wir geheiratet), hat mir ein Wörterbuch Wienerisch-Deutsch besorgt. Ein Piefke ist absolut lernwillig.
In meiner Kindheit bin ich nie in Wien gewesen. Ich kannte sämtliche Klischees, die dieser Stadt anhaften. Und sie sollten sich mehr oder weniger bestätigen. Wien ist tatsächlich ein Museum, da werden Traditionen hochgehalten. Andererseits pulsiert die Stadt, sie entwickelt sich weiter. Der Wiener, natürlich nicht jeder, grantelt, ist schwer zugänglich. Lernt man ihn näher kennen, kann er durchaus herzlich sein.
Fremdenfeindlichkeit mir gegenüber habe ich nie erlebt. Ich bin halt der Piefke, das ist liebevoll gemeint, das fällt nicht unter Rassismus. Ich habe keine andere Hautfarbe, trage kein Kopftuch, weiß also wirklich nicht, wie es ist, wenn man schief angeschaut wird. Vor Wahlen fallen mir aber die vielen grauslichen Plakate auf.
Die Lebensqualität ist unheimlich hoch, man kann sich mit der Familie wirklich wohlfühlen, die internationalen Bewertungen stimmen. Ich wohnte zunächst im 13. Bezirk, dann im 19., jetzt im sechsten. Mir hat es überall gut gefallen. In Mariahilf ist die Infrastruktur toll, man hat alles in der Nähe. Kindergarten für meine beiden Töchter, Schule, Geschäfte, wir genießen das Leben mitten in der Stadt.
Gekommen, um zu gehen
Ich bin eigentlich damals gekommen, um irgendwann wieder zu gehen. Jetzt bleibe ich da picken. Und das ist gut so. Wie viel Wiener in mir steckt, weiß ich nicht. Ich bin hier zu Hause, kann mich mit den Menschen identifizieren. Natürlich bleibe ich auch der Piefke, meine Heimat ist Kirchheim, dort bin ich aufgewachsen, dort leben meine Eltern. Ich habe mich an den Rhythmus der Stadt gewöhnt, ohne mich groß zu verändern. Manchmal geht es zu gemütlich zu, vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Die Alternative wäre Hektik.
Rapid passt perfekt nach Wien. Der Verein legt ebenfalls Wert auf Tradition und versucht, zukunftsorientiert zu arbeiten. Die Fans nennen mich "Fußballgott", das halte ich für eine Übertreibung, aber ich bin stolz darauf. Es ist ein Ausdruck der Zuneigung. Dem Bürgermeister werfe ich vor, dass er Anhänger vom falschen Verein ist. Ansonsten steht die Stadt gut da, das Wetter wäre verbesserungswürdig.
Ich habe auch in München gelebt. Die Städte sind vergleichbar. Dort geht man in den Biergarten, hier zum Heurigen. Ich kenne das Wienerlied, da wird oft gestorben und zu den Engerln in den Himmel gefahren. Es trifft nicht ganz meinen Geschmack. Obwohl es wahrscheinlich ist, dass auch ich einmal in Wien sterbe. (Christian Hackl/DER STANDARD-Printausgabe, 7.9.2010)