Die ÖBB will Nahverkehrszüge künftig vermehrt ohne Zugbegleiter führen - es sei denn, die Verkehrsverbünde zahlen mit
Der ÖBB-Personenverkehr will Nahverkehrszüge künftig vermehrt ohne Zugbegleiter führen - es sei denn, die Verkehrsverbünde zahlen mit. Bis zu 300 Schaffner-Jobs wackeln.
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Wien - Die von der Eisenbahnbehörde im Verkehrsministerium im Oktober erteilte Erlaubnis, österreichweit alle Züge schaffnerlos zu fahren, zeigt Wirkung. Der ÖBB-Personenverkehr will den Freibrief nutzen und künftig deutlich mehr Personennah- und Regionalzüge ohne Zugbegleiter führen als bisher.
Wie aus dem STANDARD vorliegenden Unterlagen des mit der Materie befassten ÖBB-Projektaufsichtsrats hervorgeht, will der ÖBB-Personenverkehr seinen Fahrbetrieb so automatisieren und umstellen, dass gut 380 Zugbegleiter wegrationalisiert werden könnten - das ist fast ein Drittel der insgesamt 1200 Zugbegleiter im Nah- und Regionalverkehr. Davon nur knapp hundert will der ÖBB-Personenverkehr für Kontroll- und Hilfsdienste erhalten.
Nicht betroffen von der Rationalisierungsmaßnahme, die der ÖBB-Personenverkehr-Aufsichtsrat erst absegnen muss, sind Züge, die für den Null:Null-Betrieb technisch nicht gerüstet sind (weil sie keine selektive und sensitive Türsteuerung haben). Eurocity, Intercity, ÖBB-EC und andere Schnellzüge werden weiterhin mit Zugbegleitern geführt, denn die Bahn will dort bekanntlich mit erhöhter Servicequalität punkten.
Wie die Staatsbahn zunehmendem Vandalismus, Belästigung der Kunden durch alkoholisierte Fahrgäste und anderen Unannehmlichkeiten Herr werden will, wenn in Schnellbahnen und Regionalzügen kein Personal mehr anwesend ist außer dem Lokführer (der während der Fahrt aber weder Einblick in noch Zutritt zu den Waggons hat), darüber schweigt man sich bei der Bahn aus. Im November hatte ÖBB-Personenverkehr-Chefin Gabriele Lutter allerdings erklärt, Verkehrsverbünde und Länder müssten Service- und Kontroll-Mit-arbeiter künftig mitfinanzieren - wie dies in Tirol bereits der Fall sei.
ÖBB-Holding-Chef und Personenverkehr-Aufsichtssratschef Christian Kern schwächt ab: Die schaffnerlose Zukunft sei keineswegs beschlossen, und es sei auch nicht fix, dass 380 Zugbegleiter wegrationalisiert würden.
Faktum ist auch, betont man bei der Bahn, dass der Null:Null-Betrieb nicht ohne Begleitmaßnahmen eingeführt werden kann. Dazu gehören Hinweisschilder, Warnhinweise bei jeder Tür und auf den Bahnsteigen sowie automatische Durchsagen in besonders kritischen Haltestellen. Darüber hinaus sollen Loks mit Megafonen ausgerüstet werden, um den Fahrgästen gut hörbar Anweisungen geben zu können. Auch der Hinweis auf den Sicherheitsnotruf ("Bahnnotruf) soll flächendeckend affichiert werden.
Holding schafft an
Kein Stein auf dem anderen bleibt auch im Rest des ÖBB-Konzerns. Neo-Holding-Chef Christian Kern weiß nach der abgelehnten Kapitalerhöhung zwar noch immer nicht, woher die gut 300 Millionen Euro für die letzte Tranche von 16 Railjet-Schnellzuggarnituren und den Ausbau der ÖBB-Kraftwerke kommen sollen, dafür rührte er in seinen ersten hundert Tagen kräftig um. So schafft künftig die Holding an - zumindest, soweit dies das Aktienrecht zulässt. Die Eckpunkte des Kurswechsels sollen in der Holding-Aufsichtsratssitzung am Donnerstag beschlossen, am Freitag der Öffentlichkeit präsentiert und dann in den Aufsichtsräten der Teilkonzerne fixiert werden. Damit schafft die Holding an, wo es im ÖBB-Konzern langgeht.
In der Bahn wächst unterdessen der Frust, denn Kern will in den laufenden ÖBB-Lohnverhandlungen nicht einmal die Inflation abgelten. Darüber werden die rund 43.000 Eisenbahner ab 20. September in Versammlungen informiert. Gewerkschaftschef Wilhelm Haberzettl will eine "faire Nulllohnrunde" mit Inflationsabgeltung von wenigstens 1,8 Prozent für Gehälter unter 4100 Euro. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.9.2010)