Schule und Politik: Jährlich grüßt das Murmeltier

6. September 2010, 19:01

Was Pröll fordert, Faymann begrüßen würde, Schmied meint, wohingegen Neugebauer ... - Anmerkungen zur allherbstlichen Erhöhung der "Sager"-Frequenz in der Schuldebatte - Und ein Gegenvorschlag - Von Niki Glattauer

Dabei ließen sich die großen Ferien diesmal gar nicht schlecht an. Anfang Juli das rein österreichische Finale bei der Fußball-WM - sowohl Spanien als auch Holland hatten ihre entscheidenden Trainingseinheiten in Österreich absolviert -, später die Nachricht, dass man den einstigen Schüler und seitdem Leider-nein-Österreicher Waltz, Christoph, umgehend einzubürgern gedenke, auf dass der große Sohn endlich zu einer ordentlichen Heimat komme und sein Oscar zu einem anständigen Vaterland. Das alles freut dich als Lehrer, irgendwie fühlst du dich für die internationale Performance des Landes mitverantwortlich.

Doch spätestens zur Sommerhälfte kommt das Murmeltier und zeigt dem Lehrer den nahenden Herbst an, es kommt in Form von Aussagen und Ansagen mehr oder weniger für sie zuständiger Politiker. Begonnen hat es mit der - nunmehr neuerlich bekräftigten - (Onkel) Pröll'schen Forderung von der dienstrechtlichen Heimholung aller AHS- und BHS/BMS-Lehrer in die neun Landesprovinzen. Inzwischen hat sich der Neffe dem Ansinnen halbherzig angeschlossen. Ein klares Jein nach dem Ministerrat. Blut ist eben dicker als Wasser - und warum auch einer Unterrichtsministerin einen politischen Erfolg gönnen, wenn sie zur falschen Fraktion gehört ...

Eine der weniger aufgeregten Schlagzeilen zum Thema hatte geheißen: "Erwin Pröll will alle Schulkompetenzen für Länder" (APA). Diese Formulierung wäre kürzer auch möglich gewesen: "Erwin Pröll will alle Kompetenzen". Ob Tunnelbau, Ackerbau oder Austrias next Top-Modell - Landeshauptleute vom Schlage Prölls nehmen ihren Titel wörtlich, sie glauben, grundsätzlich mehr zu verstehen als andere Leute. Nicht, dass das nicht nachvollziehbar wäre. Da sitzen diese 60-plus-Männer an den Ufern ihrer Provinzflüsse und sehen seelenruhig dabei zu, wie die Schmelzwasser der Politik im Takt der Jahreszeiten Kanzler und Minister an ihnen vorbeischwemmen. Sie selber sitzen im Trockenen, was freilich weniger Resultat der eigenen Grandiosität ist als vielmehr das Garprodukt aus dem Pansen der heiligen österreichischen Kuh namens "Föderalismus".

"Echte" Direktoren ...

Männer wie Pröll, Pühringer oder Niessel verwenden "Dezentralisierung" und "Föderalismus" als Schlagworte, meinen tun sie: Her mit der Macht - und den damit verbundenen Budgetmitteln! Diesmal nicht anders: "Die längst fällige Neuordnung der österreichischen Bildungspolitik?" - "Machma! Und über das "neu" vor der Ordnung werma auch noch redn!" - "40.000 Bundeslehrerinnen?" - "Übanemmama!" - "Was die Experten dazu sagen?" - "Experten simma selber!"

Zugegeben, die Bildungskompetenzen, umgekehrt, in einem einzigen Ministerium zu bündeln, würde auch nur so lange Sinn machen, wie dieses gegen die Beißreflexe gewerkschaftlich organisierter Pfründenhalter immun wäre. Und erst recht gegen das Lehrer-Bashing an den Stammtischen. Insofern hält Claudia Schmied jetzt schon mehr, als Gusenbauer je versprochen hat. Aber wie lange macht die kluge Frau das noch? Die Vorstellung, Österreichs Bildungspolitik nach ihr von einem künftigen Unterrichtsminister Neugebauer oder Spindelegger geprägt zu wissen, ist nicht weniger "hm" als die, sein Schulwesen in den Schubladen der Bezirkshauptmannschaften Tirols oder Kärntens vergammeln zu sehen.

Wie dem Dilemma zu entkommen wäre? Man gibt den Schulen das Geld statt den Politikern, aliquot zu den Schülerzahlen und in kontrollierter Eigenverwaltung. Man macht Direktoren und Direktorinnen zu richtigen Direktoren (und lässt sie nicht länger bessere Sekretäre von im Proporz bestellten Landes- und Bezirksbeamten sein). Man gibt den Schulen endlich die Möglichkeit, autonom ihre eigenen pädagogischen Profile zu entwickeln, ihre Schwerpunkte, ihre Stundentafeln.

... statt Proporz-Sekretäre

Dadurch würden Schulen voneinander unterscheidbar werden. Endlich wäre für unsere Kinder nicht mehr die Schule die beste, die am nächsten liegt, sondern die, in der ein Kind, je nach Talent und Neigung, findet, was es braucht, um diesen Talenten und Neigungen entsprechend möglichst friktionsfrei ins Leben zu flutschen. Und Lehrer/-innen, jedenfalls die von morgen, würden früher oder später dort unterrichten, wo sie auch hinpassen, und nicht dort, wo sie 30 Jahre vorher "schulfest" gemacht worden sind.

Im Supermarkt wird einem jedes Joghurt in zehn verschiedenen Varianten angeboten, aber unsere Schulen unterschieden sich seit Jahrzehnten nur noch durch den Anteil der Ausländerkinder. Da gibt es die Schule für die höhere Marie-Mijou, dort die für den niedrigen Ali, der Rest sind Schulversuche und viel Einheitsbrei: fünf Stunden Mathe, zwei Geschichte, Zweierreihe und der Mund ist zu. Seit Maria Theresia ...

Oben im Text das Stichwort Stammtisch: Wer, wenn nicht der hat meinen Kanzler jetzt zu der Aussage verleitet, man werde "darüber diskutieren, ob Lehrer nicht ein paar Stunden mehr arbeiten können"? Auch dafür gilt: Und jährlich grüßt das Murmeltier ...

Natürlich diskutieren wir darüber, ob Junglehrer/-innen, die neu in den Schuldienst treten, bei höheren Einstiegsgehältern nicht mehr Zeit an der Schule verbringen sollten. Wenn es das ist, was Faymann gemeint hat (und Claudia Schmied tatsächlich meint) ..., es wäre nicht verkehrt gedacht. Aber warum hat er es so nicht gesagt?

Wertfrage und GÖD-Logik

Und diskutieren wir dann auch darüber, wieso Lehrer/-innen das Gefühl haben, von Jahr zu Jahr mehr an Handlungsfähigkeit einzubüßen, ja mehr noch, die Unterstützung der Gesellschaft zu verlieren, eine Unterstützung, die sie dringend bräuchten, um ihren Job erledigen zu können. Neben einer anständigen Bezahlung wäre ein Quäntchen Wertschätzung ein Anfang.

Wie viel verdienen Sie eigentlich, Herr Lehrer? - Glaub mir, Kevin, das willst du gar nicht wissen.

Weniger als 1500 Euro, stimmt's? - Wieso weißt du ... wie kommst du jetzt auf weniger als 1500?

Mein Vater sagt, wer weniger als 1500 Euro verdient und trotzdem arbeiten geht, ist ein "Trottel".

Zuletzt nahm der Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst zu der Debatte um ein neues Lehrerdienstrecht Stellung. Neugebauer im Standard: "Es soll alles bleiben, wie es ist." Irrtum, Herr Neugebauer, Schule soll endlich nicht bleiben, wie sie ist. Und lasst das Murmeltier nächsten Sommer einfach im Bau ... (Niki Glattauer, DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2010)

NIKI GLATTAUER ist Lehrer in Wien, Kolumnist für das Magazin "Datum" und Autor des soeben bei Ueberreuter erschienenen Buches "Der engagierte Lehrer und seine Feinde. Zur Lage an Österreichs Schulen"

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    Jambala Magdalena
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    Die NM ist tot, weil wir nicht genügend Geld haben, um sie flächendeckend einzuführen.Ausserdem würde die NM doch auch ein Zweiklassenbenotungssystem haben, das ist nicht akzeptabel. Ich habs eh schon einmal geschrieben, pro Kind soll die Schule einen gewissen Betrag zur Verfügung haben und Eltern sollen sich die Schule und die Schule soll sich die Kinder und Lehrer aussuchen können und die Lehrer die Schulen.

    wien 1220
     
    00
    12.9.2010, 19:50

    und wohin gehen dann die Kinder, die etwas schwieriger sind und daher von den Schulen nicht so gerne genommen werden?

    Schön
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    Gratulation

    zu diesem Artikel, der punktgenau und präzise die Nägel auf die Köpfe trifft.

    put
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    böses lehrer bashing

    sorry, haben sie schon einmal ein bauarbeiter bashing ein krankenschwester bashing, ... gehört?

    leider gibt es immer gute gründe dafür, die in einer bevorzugung gegenüber der gesellschaft fußen und die lieferte die lehrerschaft mit der sprechenden betonsäule als anführer nur zu genüge.

    also bitte nicht wundern herr lehrer!

    igor malejewitsch pustekuchen
    00
    Na, irgendwie hat er schon Recht. Bei den Bauarbeitern und Krankenschwestern fühlt sich jedenfalls nicht jeder als Experte, der zu wissen meint,

    ... wie dieser Job genau aussieht und wieviel die arbeiten - bei den Lehrern schon (und natürlich "wissen" die meisten, dass die Lehrer zu wenig arbeiten). Dass einem das mit der Zeit auf den Wecker geht, kann ich nachvollziehen. Das Problem ist doch vor allem, dass Nicht-Engagement im Job und Nicht-Geeignet-Sein für den Job keine oder kaum negative Konsequenzen für den Lehrer hat. Die guten, engagierten Lehrer gibt es zu Hauf, die anderen aber leider auch - letztere haben das ruhigere Leben, und da gibt es auch keinen Druck, etwas an der Berufsauffassung zu ändern. Das Bashing resultiert auch daher, dass der ganze Berufsstand nach seiner Standesvertretung beurteilt wird, und da dominieren leider die Besitzstandswahrer und Blockierer.

    put
    01
    relativer gehts nicht mehr - oder?

    sie wissen nicht was ein bauarbeiter tut, wieviel er verdient und wieviel urlaub er hat? traurig für sie!
    das bashing entsteht nicht aufgrund der medialen präsenz der neugebauer-betonierer, sondern aufgrund der besserstellung einer berufsgruppe die klassisch auf kosten anderer lebt - so schauts aus pustekuchen!

    a wiener kind
    00
    ...das ganze Thema...

    ...der Länder ist ein Irrsinn in sich! Zum Vergleich: die Bayern haben ca. 12,5 Mio Einwohner und haben EINE Regierung und siehe da, es funktioniert. Ob Schule, Gesundheit, Verkehr oder was auch immer, WO IST DIE VERWALTUNGSREFORM!!!!!??? Was ist aus diesem Thema geworden!?

    marfers
    00
    Zahlen

    Könnten sie auch die Zahlen der Beamten in den Kreisverwaltungen in Bayern mit den Landensbeamten in Österreich vergleichen? Diese Zahlen würden den Vergleich Österreich Bayern erst so richitg aussagekräftig machen.

    Danke

    a wiener kind
    00
    ...gerne...

    ...aber nur für ganz Deutschland. In Österreich waren es 2004 ca. 160.000 und in GANZ Deutschland waren es 2003 130.000 (Quellen: statisik austria und statitisches Bundesamt Deutschland)....heftig!

    wien 1220
     
    00
    12.9.2010, 19:56

    Es hat aber nur Sinn nur die Beamten in der Hoheitsverwaltung miteinander zu vergleichen, sonst ist der Vergleich sinnlos. Andere Berufsgruppen haben unterschiedliche Dienstgeber.

    Karl-Ernbrecht von Stenitzer
     
    24

    "Natürlich diskutieren wir darüber, ob Junglehrer/-innen, die neu in den Schuldienst treten, bei höheren Einstiegsgehältern nicht mehr Zeit an der Schule verbringen sollten".........

    Sagt alles. Gefordert ist Mehrarbeit OHNE höhere Gehälter. Typisch Gfraster

    Juvenal
    00

    von wegen Gfraster: was meinen Sie als Experte dazu?

    bloody-nine
     
    22
    warum pröll die hoheit über sämtliche lehrer haben will

    ist ja wohl klar:

    damit auf jahrzehnte hinaus in niederösterreich NIEMAND auf die armen kinder losgelassen werden muss der nicht seit 2 generationen ein övp-parteibuch hat.

    Geh!danke
    12
    Als ob es in NÖ keine roten Direktoren und Lehrer gäbe...

    Erst informieren, dann blablaisieren!

    bloody-nine
     
    01
    eben.

    bei ein paar bundesschulen, auf die pröll bisher keinen zugriff hatte, kann es schon sein dass es sowas gibt. das gehört ja eben geändert!

    bratak
    00
    der vorschlag macht einem angst

    bei jedem lehrer-vorstellungsgespräch die subtile frage dabei zu haben: "und, sind sie in einer partei ...?" es wäre der totale stillstand

    Juvenal
    01
    Sind Sie in einer Partei?

    Sie werden doch nicht glauben, dass diese Frage wirklich so gestellt wird. Das weiß man doch schon längst, bevor die Bewerber das Büro betreten.

    franzlimholz
    00
    ..in einer Partei?

    Falsch. Die Frage lautet: "...in der richtigen Partei?" ;-)

    vedom01
     
    06
    Schulauswahl?

    Wenn man am Land wohnt, hat es sich mit der Auswahl schnell einmal, ganz einfach aufgrund der Entfernungen. Weniger auf Wien bezogenen Argumentation hätte dem Kommentar gut getan.

    Frau von Kiki
    01

    sehr fein, danke. und übrigens bei den sinkenden kinderzahlen müssen sich die schulen um ihre schüler_innen bemühen (wenn diese frei wählen können) und wenn zB 25% migrationshintergrund haben, kann ich diese nicht mehr rechts liegen lassen. angebote in deutschförderung, mehrsprachigkeit sollten florieren. dann hat vielleicht mal jedes kind die möglichkeit, sich nach seinen potentialen zu entwickeln.

    anne manner
    00
    gut, dass auch mal die bezahlung angesprochen wird!

    übrigens1
    00
    Schulauswahl

    Da müsste man sich aber auch die Schulen aussuchen können.

    In NÖ ist das zum Beispiel nur bedingt möglich, da dürfen sportbegeisterte Kinder nicht einmal die am besten erreichbare Sporthauptschule besuchen, weil es der Bürgermeister nicht erlaubt.

    Sir Robin Hood
    00
    Wie wahr, wie wahr

    Und wenn man dann noch bedenkt, was da so alles Bürgermeister wird und die sollen entscheiden dürfen, was für mein Kind das beste ist - Schulpolitik in Ö ist echt jämmerlich.

    teuerzahler
    11
    ja, seit maria theresias zeiten modern die schulen dahin,

    auf dass alles so schlecht bleibe, wie es ist!

    da seien pröll, feigmann, neugebauer und der heilige proporz davor!!!

    ich wette, dass die schulen noch in fünfzig jahren von hofräten verwaltet, von professor/innen vernotet und von schülern gefürchtet und gehasst werden!

    in diesem land ändert sich nix! und wenn, dann nur rückwärts!

    auf in die steinzeit! im biedermeier samma schon 300 jahr lang.

    Armin Wilhelm Kolprat
    02
    Bayern hat 3 mal soviel

    Einwohner als Österreich,aber durch die Zentralisierung um 1/3 weniger Kosten im Schulsystem.

    Warum nicht endlich dieses EFFIZIENTE Schul-System der Bayern übernehmen, statt einer verstärkten und TEUREN Provinzialisierung des Schulsystems,wie von den Prölls vorgeschlagen?

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    Posting 1 bis 25 von 42
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