Was Pröll fordert, Faymann begrüßen würde, Schmied meint, wohingegen Neugebauer ... - Anmerkungen zur allherbstlichen Erhöhung der "Sager"-Frequenz in der Schuldebatte - Und ein Gegenvorschlag - Von Niki Glattauer
Dabei ließen sich die großen Ferien diesmal gar nicht schlecht an. Anfang Juli das rein österreichische Finale bei der Fußball-WM - sowohl Spanien als auch Holland hatten ihre entscheidenden Trainingseinheiten in Österreich absolviert -, später die Nachricht, dass man den einstigen Schüler und seitdem Leider-nein-Österreicher Waltz, Christoph, umgehend einzubürgern gedenke, auf dass der große Sohn endlich zu einer ordentlichen Heimat komme und sein Oscar zu einem anständigen Vaterland. Das alles freut dich als Lehrer, irgendwie fühlst du dich für die internationale Performance des Landes mitverantwortlich.
Doch spätestens zur Sommerhälfte kommt das Murmeltier und zeigt dem Lehrer den nahenden Herbst an, es kommt in Form von Aussagen und Ansagen mehr oder weniger für sie zuständiger Politiker. Begonnen hat es mit der - nunmehr neuerlich bekräftigten - (Onkel) Pröll'schen Forderung von der dienstrechtlichen Heimholung aller AHS- und BHS/BMS-Lehrer in die neun Landesprovinzen. Inzwischen hat sich der Neffe dem Ansinnen halbherzig angeschlossen. Ein klares Jein nach dem Ministerrat. Blut ist eben dicker als Wasser - und warum auch einer Unterrichtsministerin einen politischen Erfolg gönnen, wenn sie zur falschen Fraktion gehört ...
Eine der weniger aufgeregten Schlagzeilen zum Thema hatte geheißen: "Erwin Pröll will alle Schulkompetenzen für Länder" (APA). Diese Formulierung wäre kürzer auch möglich gewesen: "Erwin Pröll will alle Kompetenzen". Ob Tunnelbau, Ackerbau oder Austrias next Top-Modell - Landeshauptleute vom Schlage Prölls nehmen ihren Titel wörtlich, sie glauben, grundsätzlich mehr zu verstehen als andere Leute. Nicht, dass das nicht nachvollziehbar wäre. Da sitzen diese 60-plus-Männer an den Ufern ihrer Provinzflüsse und sehen seelenruhig dabei zu, wie die Schmelzwasser der Politik im Takt der Jahreszeiten Kanzler und Minister an ihnen vorbeischwemmen. Sie selber sitzen im Trockenen, was freilich weniger Resultat der eigenen Grandiosität ist als vielmehr das Garprodukt aus dem Pansen der heiligen österreichischen Kuh namens "Föderalismus".
"Echte" Direktoren ...
Männer wie Pröll, Pühringer oder Niessel verwenden "Dezentralisierung" und "Föderalismus" als Schlagworte, meinen tun sie: Her mit der Macht - und den damit verbundenen Budgetmitteln! Diesmal nicht anders: "Die längst fällige Neuordnung der österreichischen Bildungspolitik?" - "Machma! Und über das "neu" vor der Ordnung werma auch noch redn!" - "40.000 Bundeslehrerinnen?" - "Übanemmama!" - "Was die Experten dazu sagen?" - "Experten simma selber!"
Zugegeben, die Bildungskompetenzen, umgekehrt, in einem einzigen Ministerium zu bündeln, würde auch nur so lange Sinn machen, wie dieses gegen die Beißreflexe gewerkschaftlich organisierter Pfründenhalter immun wäre. Und erst recht gegen das Lehrer-Bashing an den Stammtischen. Insofern hält Claudia Schmied jetzt schon mehr, als Gusenbauer je versprochen hat. Aber wie lange macht die kluge Frau das noch? Die Vorstellung, Österreichs Bildungspolitik nach ihr von einem künftigen Unterrichtsminister Neugebauer oder Spindelegger geprägt zu wissen, ist nicht weniger "hm" als die, sein Schulwesen in den Schubladen der Bezirkshauptmannschaften Tirols oder Kärntens vergammeln zu sehen.
Wie dem Dilemma zu entkommen wäre? Man gibt den Schulen das Geld statt den Politikern, aliquot zu den Schülerzahlen und in kontrollierter Eigenverwaltung. Man macht Direktoren und Direktorinnen zu richtigen Direktoren (und lässt sie nicht länger bessere Sekretäre von im Proporz bestellten Landes- und Bezirksbeamten sein). Man gibt den Schulen endlich die Möglichkeit, autonom ihre eigenen pädagogischen Profile zu entwickeln, ihre Schwerpunkte, ihre Stundentafeln.
... statt Proporz-Sekretäre
Dadurch würden Schulen voneinander unterscheidbar werden. Endlich wäre für unsere Kinder nicht mehr die Schule die beste, die am nächsten liegt, sondern die, in der ein Kind, je nach Talent und Neigung, findet, was es braucht, um diesen Talenten und Neigungen entsprechend möglichst friktionsfrei ins Leben zu flutschen. Und Lehrer/-innen, jedenfalls die von morgen, würden früher oder später dort unterrichten, wo sie auch hinpassen, und nicht dort, wo sie 30 Jahre vorher "schulfest" gemacht worden sind.
Im Supermarkt wird einem jedes Joghurt in zehn verschiedenen Varianten angeboten, aber unsere Schulen unterschieden sich seit Jahrzehnten nur noch durch den Anteil der Ausländerkinder. Da gibt es die Schule für die höhere Marie-Mijou, dort die für den niedrigen Ali, der Rest sind Schulversuche und viel Einheitsbrei: fünf Stunden Mathe, zwei Geschichte, Zweierreihe und der Mund ist zu. Seit Maria Theresia ...
Oben im Text das Stichwort Stammtisch: Wer, wenn nicht der hat meinen Kanzler jetzt zu der Aussage verleitet, man werde "darüber diskutieren, ob Lehrer nicht ein paar Stunden mehr arbeiten können"? Auch dafür gilt: Und jährlich grüßt das Murmeltier ...
Natürlich diskutieren wir darüber, ob Junglehrer/-innen, die neu in den Schuldienst treten, bei höheren Einstiegsgehältern nicht mehr Zeit an der Schule verbringen sollten. Wenn es das ist, was Faymann gemeint hat (und Claudia Schmied tatsächlich meint) ..., es wäre nicht verkehrt gedacht. Aber warum hat er es so nicht gesagt?
Wertfrage und GÖD-Logik
Und diskutieren wir dann auch darüber, wieso Lehrer/-innen das Gefühl haben, von Jahr zu Jahr mehr an Handlungsfähigkeit einzubüßen, ja mehr noch, die Unterstützung der Gesellschaft zu verlieren, eine Unterstützung, die sie dringend bräuchten, um ihren Job erledigen zu können. Neben einer anständigen Bezahlung wäre ein Quäntchen Wertschätzung ein Anfang.
Wie viel verdienen Sie eigentlich, Herr Lehrer? - Glaub mir, Kevin, das willst du gar nicht wissen.
Weniger als 1500 Euro, stimmt's? - Wieso weißt du ... wie kommst du jetzt auf weniger als 1500?
Mein Vater sagt, wer weniger als 1500 Euro verdient und trotzdem arbeiten geht, ist ein "Trottel".
Zuletzt nahm der Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst zu der Debatte um ein neues Lehrerdienstrecht Stellung. Neugebauer im Standard: "Es soll alles bleiben, wie es ist." Irrtum, Herr Neugebauer, Schule soll endlich nicht bleiben, wie sie ist. Und lasst das Murmeltier nächsten Sommer einfach im Bau ... (Niki Glattauer, DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2010)