Gerald John

Einladung zum Ans-Bein-Pinkeln

06. September 2010 18:43

Die Bundesregierung macht den Landeshauptleuten das Blockieren leicht

Claudia Schmied kann sich bei der Opposition bedanken. BZÖ und Grüne waren die Einzigen, die mit angemessener Schärfe reagierten, nachdem Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll die Bildungsministerin als „herziges" Trutscherl, das schleunigst abgelöst gehöre, heruntergemacht hatte. SPÖ-Kanzler Werner Faymann hingegen schwang sich erst auf Nachfrage im ORF-Sommergespräch zu einer lauwarmen Verteidigung auf, ÖVP-Chef Josef Pröll schwieg. Warum denn auch Stellung beziehen? Pröll senior demontiert ja bloß ein Regierungsmitglied, das für ein so nebensächliches Anliegen wie die Schulreform kämpft.

Landeshäuptlinge genießen hierzulande ein Freispiel, da können sie Ministern noch so viel ans Bein pinkeln. Kaum muckt einer der neun Mächtigen auf, setzen die roten und schwarzen Verbalreformer zum Rückzieher an - sei es beim Abbau überzähliger Spitalsbetten, der fairen Verteilung von Asylwerbern oder eben beim Streit um die Kompetenzen an den Schulen. Nicht einmal die von Schmied geforderte Kontrolle der Landeslehrer traute sich die Regierung durchzukämpfen. Und so müssen die Länder eben doch nicht Rechenschaft ablegen, wofür sie das vom Bund überwiesene Geld tatsächlich ausgeben - da könnte ja auch jeder kommen.

Punkto Reformresistenz gibt es zwischen Eisenstadt und Bregenz gewiss Schattierungen, doch ein Hang zur Blockade überregionaler Anliegen aus lokalem Opportunismus heraus ist allen Landeschefs gemein. Nicht etwa deshalb, weil die Prölls, Niessls und Dörflers mit einem Hinterwäldler-Gen zur Welt kommen würden - sondern weil die politischen Verhältnisse sie regelrecht dazu einladen.

Wer soll auch nach Veränderungen rufen? Der Chefposten in einer Landesregierung ist so ziemlich der verlockendste Job, den die Republik zu bieten hat. Von domestizierten Regionalmedien hofiert, geben die Landesfürsten Geld aus, das sie dem Volk nicht selbst abknöpfen müssen - die unangenehme Aufgabe des Steuereintreibens übernimmt der Bund, der sich von Lokalgrößen hinterher für seine „Grausamkeiten" prügeln lassen darf. Geschenkeverteilen fällt in dieser Konstellation leicht, vor allem wenn es um die Stärkung der eigenen Machtbasis geht; die Auswüchse reichen bis zu als Sozialpolitik getarntem Stimmenkauf wie in Haiders Kärnten. Gerne werden auch die jeweiligen Apparate verhätschelt, Postenbesetzungen bedeuten Einfluss. Nicht zuletzt deshalb klammern sich die Länder an die Zuständigkeit für die Lehrer, selbst wenn das resultierende Verwaltungschaos sinnvolle Planung an den Schulen vereitelt.

Sich allein auf die historisch gewachsene Kompetenzverteilung auszureden, die ohne Einlenken der Länder auf ewig in Stein gemeißelt sei, ist zu billig. Auch im aktuellen Gefüge könnte die Bundesregierung Druck ausüben, indem sie am Geldhahn dreht. Beim letzten Finanzausgleich spielte sich freilich das Gegenteil ab: Seither können die Länder die überwiesenen Mittel noch freimütiger ohne lästige Zweckbindung ausgeben.

Die Angst der Regierung vor einer Machtprobe ist historisch begründet. Abgehalfterte Obmänner pflastern den Weg schwarzer Landesrebellen, und auch in der SPÖ scheut Bundeskanzler Faymann nach dem Sturz seines Vorgängers Alfred Gusenbauer umso mehr die Konfrontation. Der Preis für die Appeasementpolitik ist die schleichende Lähmung des Landes.  (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 7.9.2010)

Kommentar posten
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also dann ...
07.09.2010 18:20
guter kommentar hr. john !

man stelle sich mal vor ...
es wären - nach kreisky - wirkl ich ein paar visionäre (und nicht pensionsgeile, beratungsresistente, rückgratlose apparatischiks - welcher couleur auch immer...) ans ruder gekommen.

Ö...wäre eine einzige blühende landschaft ! ! !
so ist sie es zwar auch (wenn die sonne scheint)
aber eben nur für 1-5 % der bevölkerung...
die es sich - aurkosten ALLER ANDEREN - richten.

aber vielleicht geht das ösi-volk...
doch noch 1 x auf die strasse :
um gegen den höheren bierpreis im schweizerhaus lautstark zu demonstrieren . . .

mr mustard
07.09.2010 17:57
Landeshauptleute

Die Landeshauptleute sollten per Gesetz max. 2 Legislaturperioden lang dienen dürfen. Dann muss eine andere Person ran. Somit gäbe es auch keine so mächtigen Landesfürsten wie Herrn Pröll, der ein Land Jahrzehntelang wie ein Fürst regiert.

francis79
 
07.09.2010 16:03
Der Chefposten in einer Landesregierung..der verlockendste Job, den die Republik zu bieten hat...domestizierten Regionalmedien....geben...Landesfürsten Geld aus, das sie dem Volk nicht selbst abknöpfen...Aufgabe des Steuereintreibens ..übernimmt Bund

Danke für diesen Absatz!
Da wird vom LH den Leuten fleissig Geld zugesteckt(das eigentlich von ihnen selbst kam),Föderalismus-Verherrlichende Reden bei jeder 2. Kreisverkehrserrichtung geschwungen und im Landes-TV ständig der kämpferische LH oder einer seiner Räte eingeblendet.
Wenn daran was geändert werden soll wird sofort das Zentralismus-Gespenst heraufbeschwört und die Bundesregierung kuscht.
Zusätzlich werden ehemalige Landes-Politiker-"Größen" in diversen Posten untergebracht & versorgt (Skylink?).
Die eigenen die Bundesregierung und die Bürger(die den Spass ja bezahlen) sind auf deren GoodWill angewiesen!
Das ist nicht Föderalismus sondern Feudalismus.

Randers
07.09.2010 15:54
Die Landesfürsten sind nur stark, weil die Regierung schwach ist...

Und das nicht nur im Fall Schmied. Auch das Problem der Kärntner Ortstafeln ist ein unrühmliches Beispiel für die Knieweichheit der Bundesregierung und des Staatsoberhauptes (der Staatsoberhäupter).

Was not täte, wäre eben eine auch von den Medien längere Zeit durchgeführte Diskussion des Unterschieds von Formal- und Realverfassung und die Einforderung von Veränderungen sowie die Brandmarkung der Landespolitik(en) - nicht zuletzt in Sachen Versorgung eigener Politklientel in hypertrophen Verwaltungen. (Der Standard versucht's ja ansatzweise.)

Das wäre eben durch die Abschaffung der Länder als Verwaltungsebene zu erreichen. Und müßte über eine Volksabstimmung durchgesetzt werden. Aber da gehört halt auch Mut dazu...

durchausbeinander
07.09.2010 14:38
danke Hr. John,

bin völlig ihrer Meinung.
schon seit vielen Jahren kommt mir das alles wie eine schlechte schmierenkomödie vor - die leider extrem teuer ist!

scala2
07.09.2010 12:42
Nicht die Landeshauptleute an sich sondern die Achse Häupl - Pröll sind das reale neue Machtzentrum der Repulik

Die beiden Regierungsschefs sind ihre Marionetten und nicht die der anderen LHs.

Faymann weiß spätestens seit Gusenbauer dass Häupl nur mit dem Finger schnippen muss und er ist weg und Pröll wäre ohne seinem Onkel sowieso niemand.

Pröll (sen) und Häupl sitzen hingegen mit absoluten Mehrheiten durch ihre Wähler ausgestatten in ihren Bundesländern unumstößlich und absolut regierend im Sattel. Und sie vertreten dabei immerhin ca 1/3 der Österreicher.

Dagegen haben die anderen SPÖ Landeshauptleute praktisch nichts zu reden (siehe Voves und Burgstaller in Sache Schule u. Vermögenssteuer) und die ÖVP LHs zwar mehr aber auch nur gleich viel wie immer schon in der 2. Republik.

böser wolf1
07.09.2010 11:42

Der gordische Knoten aus Beharrungsignoranz, Machtgier und Reformverweigerung der Länder kann durch eine Bundesverfassungsreform mit anschließender Volksabstimmung durchbrochen werden.

Wenn politische Parteien aufgrund ihrer eigenen verkrusteten Strukturen nich mehr weiter kommen, lasst doch die Bürger entscheiden.

Wagen wir doch mehr direkte Demokratie.

Kritiker1A
07.09.2010 15:58
Blau wählen, heißt den Knoten auflösen, den dann wird der rot/schwarze bund die blauen länder entmachten.

savoir vivre
07.09.2010 16:25

das hatten wir schon und ist auch schief gegangen

Seria
07.09.2010 09:10

der Wähler könnte das Wort haben. Er will es aber nicht, da das was jetzt in Ö passiert nun mal seiner Mentalität entspricht

Unpolitisch
07.09.2010 08:45
Vergessen

Was einige hier im Forum vergessen,ist die Tatsache,dass die Grundlage unserer Republik der freiwillige Zusammenschluss der Bundesländer darstellt.

Die einzelnen Bundesländer sind bereits Jahrhunderte alt und wurden zu einem Österreich nur durch die Personalunion der Habsburger.Der Anschluss erfolgte entw. durch Heirat und Erbschaften, Kriege (Napoleonischen Kriege) bzw. Verträge (St. Germain).

Darum finde ich es gewagt, wenn nun plötzlich die Eigenständigkeit der Bundesländer komplett beschnitten werden soll.

Wer soll den noch die Rechte der Steirer in einem Bundesstaat vertreten, als deren gewählten Repräsentanten?

Eine Änderung der Bundesverfassung zu einem Zentralstaat,kann nur nach Abstimmungen in den einzelnen BL erfolgen

Randers
07.09.2010 15:48
Historische Argumente können, müssen aber nicht berechtigt sein. Außerdem sollten sie stimmen...

Und alles oben Gesagte stimmt nicht, wurde auch z.T. unten schon korrigiert.

Dazu noch: Der "freiwillige" Beitritt der einzelnen (späteren) Bundesländer zur Republik Österreich war nur die formale Anerkennung der jahrhundertealten Gemeinschaft seit Babenberg-und-Habsburg-Zeiten.

Übrigens: Wenn man historisch totschlagargumentiert, dann könnte man auch verlangen, daß weiterhin eine ständische Gliederung der Geselllschaft existieren soll oder daß der spätere Absolutismus, der jedenfalls länger existierte als unsere Republik bis jetzt existiert, zurückkehren möge.

In diesem Sinn: Veränderungen sind durchaus legitim, können eingefordert werden - und werden durch den EU-Beitritt Österreichs eh schon längst "gemacht" - auch für Steirer...

blackdeeper
07.09.2010 13:45

und den "freiwilligen" zusammenschluss von etwas, das schon zuvor jahrhundertelang zusammen war, sehe ich so auch nicht

blackdeeper
07.09.2010 13:44
irrtum!

die österreichischen erblande wurden bereits unter maria theresia und joseph II. vereinheitlicht und straff zentralistisch geführt. joseph vereinigte sogar einzelne kronländer unter einer regierung (z.b. kärnten-steiermark; OÖ-Sbg). nur der zentralstaat war in der lage überegionale projekte (z.b. eisenbahnbau) durchzuführen, während die landtage opponierten. landeshauptleute wurden bis 1918 vom kaiser ernannt, die länder hatten kaum agenden.
erst 1918 nutzten die länder die gunst der stunde und sicherten sich kompetenzen, die sie zuvor nicht hatten!

Kontra
07.09.2010 11:04

??Was sind denn die Rechte der Steirer? Mir reichen die Rechte, die ich als Österreicher habe.

HerrHugo
07.09.2010 14:55

und ich dachte die meisten Rechten gäbs in Kärnten...

dj juan
07.09.2010 10:57

Die Nationalratsabgeordneten aus den steirischen Wahlkreisen z.b.

The Man With the Plan
07.09.2010 09:51

Sie meinen also die Steirer brauchen andere Rechte als alle anderen Österreicher...?

man of constant sorrow
07.09.2010 08:29
Sie haben vollkommen recht...

...aber die Bewohner dieser Republik wollen es so. Zumindest etwa 90 %. Ich beginne jene Politiker/Innen zu bewundern, die etwas in diesem korrumpierten Lotterland ändern wollen. Frau Schmied: Lassen Sie sich nicht kleinkriegen von der vereinten Provinzlerhorde, auch wenn jene von Opportunisten wie M.Deix und Konsorten unterstützt werden!!

Kritiker1A
07.09.2010 15:59
wählt blau in den ländern und rot/schwarz beim bund, dann wird sich das schnell ändern!

Ich weiß es auch
07.09.2010 06:37
Die ZIB 2 am Montag

da hat der Herr LH beim Thema Schule soll Ländersache sein ein wunderbares Beispiel vom WASSERRECHT und Bund /land Kompetenz referiert.

Er könnte bei klarer Kompetenzverteilung auch einen Beamte einsparen.

Leider hat die Moderatorin dann nicht gefragt - was mit den eingesparten Beamten passieren soll - ob die dann arbeitslos wären - oder bloß keine Arbeit hätten.

Kritiker1A
07.09.2010 16:00
Der Beamte kann ja dann mal versuchen einen produktiven Job zu machen, so wie Viele das das Land erhalten auch.

Silvio Lackner
07.09.2010 14:50
der wird dann halt als Bundesbeamter das Wasserrecht überwachen

einer allein in Wien kann auch nicht in ganz Ö verhandlungen abführen, das Wasserbuch jeder Gemeinde aktualisieren und Bescheide ordentlich ausstellen (Anrainerrechte wahren usw.)

sie werden es nicht glauben: es gibt auch Budnesbeamte, die in den Ländern sitzen

paxton_1
07.09.2010 10:20
ja ich hab mich schon gefragt

ich habe mich schon gefragt, was das bsp. aus dem wasserrecht soll.

1.) falsches themengebiet, nicht einmal der versuch es mit dem schulsystem zu vergleichen

2.) das vorgeschlagene system "pröll" landeslehrer und bundesvorschriften (lehrpläne, etc) würde ja genau zu einer situation wie beim wasserrecht beschrieben, führen.

abstruses interview vom hr landeshauptmann.

Steinbock1959
07.09.2010 05:17

Dieser erbärmliche Feigmann hat wirklich keine Eier!

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