Alles war so schön vorbereitet: "Breaking News"-Insert, Splitscreens, Reporter "vor Ort"
"Etwas Verwirrung hier" gab es Montagmorgen beim deutschen Nachrichtensender n-tv. Beitrag abgebrochen, der nächste zu spät angespielt, Moderator stotterte und lächelte peinlich verlegen. Ausgelöst wurde die Pannenserie durch die Vertagung des Prozesses im Fall Jörg Kachelmann. Der ARD-Wettermoderator steht im Verdacht, eine Frau vergewaltigt zu haben. Es gilt die Unschuldsvermutung. Ein Befangenheitsantrag, von Kachelmanns Anwalt eingebracht, sorgte dafür, dass nach wenigen Minuten alles vorbei war. Die Justiz sorgte für eine kurze Irritation im gut geölten Getriebe alarmistischer Medienmaschinerien.
Dabei war alles so schön vorbereitet: "Breaking News"-Insert, Splitscreens, aufgeregte Reporter "vor Ort", auf "Blitzlichtgewitter" programmierte Fotografen. Alles, um dem Ereignis das Drama zu geben, als das es seit Monaten aufgebaut wird: ein Fressen für den Boulevard. Dem kann sich ein kommerzieller Nachrichtensender eben nicht verschließen: Kachelmanns Ex-Freundin klagte, weil er sie "vergewaltigt habe". Nur ein Wort trennt da vom "hat" und von lupenreiner Vorverurteilung. Die Verteidigung sei der Ansicht, der Richter habe "sozusagen Heimvorteil". Der Befangenheitsantrag wird mit lässiger Rhetorik ins Unglaubwürdige gezogen.
"Wir haben uns immer bemüht, von einem mutmaßlichen Opfer zu sprechen", betont der Reporter im Gerichtssaal. So vorsichtig war der Richter nicht. Einmal habe er das Opfer in der Öffentlichkeit nicht mutmaßlich genannt, und schon war es vorbei. Doch: "Das sind alles Spitzfindigkeiten, aber um die geht es letzten Endes." Mit einem Satz ist das Rechtssystem ausgehebelt. Ein beschämendes Schauspiel. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 7.9.2010)