Richard Wagners "Tannhäuser" zur Eröffnung einer neuen Ära an der Staatsoper
Wien - Wenn die ersten Anzeichen nicht völlig trügen, wird der Stil der neuen Direktion der Wiener Staatsoper von Subtilität und Noblesse geprägt sein: Saisonprogramm und Abendzettel verströmen mit leicht imperialem Anstrich gepaarte Schlichtheit.
Dazu passend, verzichtet der neue Hausherr darauf, gleich anfangs spektakuläre Neuproduktionen aus dem Boden zu stampfen und demonstriert stattdessen Kontinuität. So galt die erste Aufführung der Ära Dominique Meyer am Sonntag mit Wagners Tannhäuser der letzten Produktion aus der Ära Ioan Holender.
Aller Feierstimmung und allem Jubel - vor allem für den neuen Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst - zum Trotz konnten diesem Abend allerdings etliche Anlaufschwierigkeiten nicht abgesprochen werden. Das Staatsopernorchester wirkte zwar überaus motiviert, sammelte jedoch einige veritable Schnitzer und blieb auch mit Intonationstrübungen hinter seinem Potenzial zurück.
Transparentes Gewebe
Die Handschrift des Dirigenten, der für seine Amtszeit deutlich mehr Proben und straffere Arbeitsabläufe im Haus angekündigt hat, war dennoch klar erkennbar. Seine Wiedergaben eignen sich ideal, noch dem dichtesten Tongewebe in all seinen Verästelungen nachzuhören. Er stellt sich in den Dienst der Anweisungen in der Partitur, setzt Wagners oft aufreizend träge Tempi genauestens um, sorgt für Durchhörbarkeit und geradezu kammermusikalische Reduktion auch in jenen Passagen, die bei anderen als einziger Klangteppich daherkommen.
Wenn das Orchester mitspielt, bleibt so das Motivgeflecht immer nachvollziehbar, gewinnen oft scheinbare Nebenstimmen an Bedeutung. Die Seufzerfiguren, die die Musik des Pilgerchores gleich im Vorspiel begleiten, sind ein Beispiel solcher Klarheit, die aber jeden noch so kleinen Präzisionsmangel schonungslos offenlegt.
Nach dem Sommer erst einmal warmsingen musste sich diesmal selbst Titelheld Johan Botha, der dann freilich - etwa in der Romerzählung - ein Husarenstück an Eindringlichkeit und robustem Stimmvolumen ablieferte. Hausdebütant Matthias Goerne (Wolfram) stieß bei spürbarem Respekt vor Haus und Rolle jenseits seines wunderbar tragenden Piano an Grenzen und musste forcieren, Anja Kampe hingegen ließ den Part der Elisabeth viel freier als bei der Premiere im Juni strömen.
Auch wenn bei der Inszenierung von Claus Guth einige psychologische Feinheiten in der Personenzeichnung bereits verwaschen oder verschwunden sind (spiegelbildliche Bewegungen klappen inzwischen etwa weniger gut), erwies sie sich als repertoiretauglich. Ihre Anklage von Doppelmoral und Bigotterie trifft einen Kern der Oper, ohne sie mit einer Bilderflut zu ertränken. (Daniel Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 7. September 2010)