Google TV kommt 2011 nach Europa, während Internet und Fernsehen zunehmend verschmelzen
Fernseher in jeder Form und Größe waren auch dieses Jahr wieder das Thema der Internationalen Funkausstellung in Berlin (IFA). Neben 3D war das dominierende Schlagwort "Vernetztes Fernsehen". TV-Geräte werden künftig immer stärker mit den Angeboten des Internets verknüpft. Applikationen wie auf dem Handy öffnen dem Patschencineasten die Tür zu Webdiensten wie Youtube, Flickr oder Facebook. Die Fernbedienung wird damit nicht mehr nur zum Zappen durch die Kanäle, sondern auch als universelles Eingabegerät für Internetjunkies, Gamer und App-Verspielte.
Viele Fische in einem riesigen Teich
Dabei hat praktisch jeder Hersteller seine eigene Lösung im Gepäck. So setzt Samsung etwa mit seinem "Smart TV"-Konzept auf eine für Entwickler offene Applikations-Entwicklung. Ein einheitlicher Download-Store für Handy, Tablet und TV soll das facettenreiche Angebot bündeln, wenngleich für jede Plattform eigenständige Apps entwickelt werden müssen. Auffallend bei dem noch jungen Markt ist, dass zwar schon früh auf einheitliche Standards gesetzt wird, was die Heimnetzwerk-Technologien betrifft (Stichwort: DLNA zum Streamen von Medien innerhalb des Heimnetzwerkes), doch bei den Software-Plattformen für die Fernseher gibt es noch keinen Konsens. So treiben LG, Samsung oder Sony alle gesondert Internet-TVs voran, während es gleichzeitig immer mehr Hersteller gibt, die externe Streaming-Boxen anbieten, mit denen das TV-Erlebnis um Online-Inhalte bereichert werden können. Netzwerk- und Speicherspezialisten wie Netgear oder Western Digital buhlen hier mit Spezialisten genauso wie mit großen Elektronikkonzernen vom Schlage Apple um die Konsumenten. Das Angebot ist überwältigend, die Vielfalt aus Sicht des Kunden fast undurchschaubar. Die Folge: Die Ungewissheit wächst und die Nachfrage hält sich in Grenzen.
Auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner könnte wie schon bei Mobiltelefonen abermals Google einen "erlösenden" Beitrag liefern. Der Internetgigant hat unter der Marke "Google TV" sein offenes Mobile-Betriebsystem Android auch für Fernsehgeräte freigegeben. Jeder Hersteller hat damit die Möglichkeit, die am Handy-Markt mit Millionen Kunden und knapp 100.000 verfügbaren Programmen etablierte Plattform in seine Produkte zu integrieren. Die uneingeschränkten Möglichkeiten des Internets - samt Webbrowser, App-Store und On-Demand-Diensten - können damit wie am Handy oder am Tablet schließlich auf dem Fernseher genutzt werden. Und für Entwickler und Online-Anbieter steht dann endlich eine einheitliche Plattform bereit.
Der Weg ist weit
Doch so gut dieser Ausblick für Technikaffine und Gagdet-Enthusiasten klingen mag, so ganz durchschaubar ist der Fahrplan für Google TV noch nicht. Welche TV-Hersteller unterstützen den Ansatz, wann kann ich mit den ersten Produkten rechnen und will ich überhaupt Internet und Apps am Fernseher? Auf der Suche nach Antworten führte auf der IFA der Weg direkt zum Messestand von Sony. Der japanische Elektronikkonzern wird als erster Anbieter TV-Geräte mit Google TV auf den Markt bringen. Die Geheimniskrämerei rund um die kommende Produktserie ist jedoch noch groß. Von Unternehmenssprechern heißt es, Sony werde eine komplett eigenständige TV-Geräte-Serie für die Plattform starten und diese getrennt von seiner BRAVIA-Schiene noch vor November in den Handel bringen.
Auf der IFA präsentierte man sehr schick noch nicht mehr als Prototypen, die rund um die Uhr ein Demo-Video zu Google TV abspielten. Der Name "Sony Internet TV sponsored by Google" sei dabei genauso wenig final, wie das schlichte Aussehen der Geräte. Offiziell ist nur bekannt, dass die Produkte diesen Herbst zunächst in den IPTV-erprobten USA lanciert würden. Europa werde aber generell erst 2011 mit Google TV bedient - egal von welchem Hersteller. Zuvor müsse noch mit Fernsehsendern weltweit verhandelt werden, die internationale Einführung sei aber fest für kommendes Jahr geplant, sagte Google-Chef Eric Schmidt am Dienstag auf in Berlin. Die Preisgestaltung ließ er offen.
Upgrade im Nachhinein möglich
All dies wirkt Anfang September noch etwas zu unklar aus Sicht eines interessierten Konsumenten. Soll man nun abwarten oder gibt es Updates für bestehende Geräte? Zu den Preisen wollte auch Sony noch keine Angabe machen. Diese dürften nicht zuletzt auch von der zusätzlichen Ausstattung der Geräte abhängen. So ist nicht klar, ob 3D und andere Features Teil des Angebotes werden.
Wer keine Neuanschaffung plant, wird aber nicht per se auf die neue Plattform verzichten müssen. Zwar sind keine Software-Updates für bestehende Fernseher in Sicht, doch Google TV wird es auch über externe Set-top-Boxen und Blu-ray-Player geben. Hier ist in der Anfangsphase nicht nur Sony, sondern auch Logitech dahinter. Von anderen Herstellern heißt es, man halte sich jede Option offen, konkrete Produkte wurden aber noch keine vorgestellt. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg wolle etwa auch Samsung künftig auf Android bei Fernsehern setzen. Die Partnerschaft zwischen Google und Sony ist jedenfalls keineswegs exklusiv. Android bleibt auch am TV eine offene Software.
Ausblick
Obgleich sich die involvierten Parteien weitestgehend in Schweigen hüllen, war unter den unzähligen Fernseher-Innovationen auf der IFA die schattenhafte Anwesenheit von Google TV wie ein hoffnungsvoller Lichtblick im sich anbahnenden Internet-TV-Chaos. Mit Google TV würde immerhin ein offenes und gemeinschaftliches System etabliert, dass die Entwicklung mehr nach vorne, als in die Breite treibt. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 6.9.2010)
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