"Schwarzbuch Landwirtschaft"

"Braucht ein Multi-Millionär ein stabiles Einkommen?"

06. September 2010 13:41

Hans Weiss, Autor des "Schwarzbuch Landwirtschaft", prangert auch im Chat Agrarsubventionen und "reiche" Förderungsbezieher an

"Die Landwirtschaft produziert zwar ökonomisch gesehen nur einen Anteil von 1,5 Prozent am BIP, im Nationalrat ist sie aber mit einem Anteil von zehn Prozent vertreten. Sie hat politisch wesentlich mehr Macht als ökonomisch", so fasst Autor Hans Weiss im derStandard.at-Chat die Macht der "Agrarbürokratie" in Österreich zusammen. Mit seinem "Schwarzbuch Landwirtschaft" sorgte er für ein laut hörbares Blätterrauschen im Medienwald. Seine Daten bezog Weiss aus "öffentlich zugänglichen Statistiken, von jedermann überprüfbar". Nichts von dem, was er im Buch publiziert habe, sei bis jetzt widerlegt worden, sagt der Autor. Außerdem habe er für das Buch "sehr gute Informanten aus allen Bereichen der Landwirtschaft und auch von Raiffeisen" zu Rate gezogen.



Weiss prangert vor allem die Subventionspolitik an. Reiche Großbauern erhielten demnach Gelder "unter dem Deckmäntelchen der Förderung von Kleinbauern". Angesprochen auf Magna-Chef Siegfried Wolf, der in einigen Interviews seine Agrarsubventionen verteidigt hatte, meint Weiss: "Einen großen Teil seiner Subvention erhält er als direkte Förderung ohne besondere Auflagen, um ihm 'ein stabiles Einkommen' zu sichern. Braucht ein Multi-Millionär ein stabiles Einkommen?"

Das Thema Raiffeisen-Verband und dessen Macht im Agrarbereich lässt auch Weiss nicht unberührt. In der Vergangenheit sei von der Politik viel versäumt worden, um die "monopolartigen Strukturen zu verhindern". In der derzeitigen politischen Landschaft sieht Weiss aber keine Möglichkeit, etwas zu tun. Überhaupt ortet Weiss nur wenig Interesse seitens der Bauern, etwas zu ändern. "Das derzeitige System ist für die Bauern sehr vorteilhaft, weil sie zahlreiche Steuerprivilegien genießen und sie das seit langem so gewohnt sind. Jede Veränderung schafft da natürlich Ängste und deshalb sind viele dagegen."

Weiss hofft, dass es zu Förderkürzungen und zu einer Beschränkung der Höhe der Förderungen kommt. Derzeit fließe das Geld nämlich in die falsche Richtung: "Kleine und mittelgroße Bauern werden benachteiligt." 20 der rund 50 Milliarden Euro, die die EU jährlich in die Landwirtschaft schütte, sollten laut Weiss in "Kindergärten, Schulen, Universitäten und Forschung" gesteckt werden: "Ich finde es skandalös, dass beispielsweise eine Kindergärtnerin in Österreich nur 1100 oder 1200 Euro monatlich verdient. Warum wird die nicht subventioniert?" Dass Bio-Betriebe ohne oder mit weniger Förderungen nicht mehr aufrecht zu erhalten seien, wie im Chat andeutet wird, glaubt Weiss nicht.

Ganz hat Autor Weiss sein Vertrauen in die Bauern des Landes noch nicht verloren. An Positivem habe Weiss gesehen, dass "viele kleine Bauern, mit denen ich redete, gute Bauern sind, ein ernsthaftes Interesse haben, nachhaltig und naturnahe zu wirtschaften und gute Lebensmittel zu produzieren". Außerdem schmecke Biofleisch immer noch besser als konventionelles. Welchen Bereich der Autor für sein nächstes Schwarzbuch ins Visier nehmen will, das konnten ihm auch die derStandard.at-User nicht entlocken. (rom, derStandard.at, 6.9.2010)
Ansicht mit UserPostings